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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-10-18 · 42 (18.10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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tainöeMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEME-IN DE- ZU I SA \yi\Clm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLI Im l\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG! Da« Gemeindeblatt erscheint |eden Freitag und wird den Mitgliedern drr Kellgtonsgemelnde unentgeltlich durch die Post zugestellt - Schrlftleltung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, LAhrstraSr lo NUMMER 42 / JAHRGANG $ FREITAG 18» OKTOBER 1920 Anzeigenverwaltung und Drude Budidrudtcrel August Pries, Leipzig, Bruderstr. 50 - Fernruf 7(X>OÖ - Postscheck Leipzig 530 20 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verlassen gestattet DAS SUKKOTHFEST UND DER LIWJATHAN Die alten Talmudisten haben unter den scheinbar engbe- Krenzten Gesichtspunkt des Sukkothfestes manche treffliche Idee gebracht. Die grölite und weitausgreifendste ist die, dall sie den im jüdischen Volksinunde lebenden Liwjathan mit der Sukkah in Verbindung bringen. Her Liwjathan ist auch weit über jüdische Kreise hinaus bekannt. Manche Dichter fabulierten schon allerlei vom Liwjathan. sie spielen mit dem ilinen unklaren Begriff, ohne die ernste Seite zu kennen, von der ihn unsere Weisen genommen; und man möchte auf diese Fabeleien der Dichter das aus dem 104. Psalm bekannte Wort anwenden: „Den Liwjathan hast du blolJ geschaffen, tun mit ihm Scherz zu treiben." Die alten Talmudlehrer aber haben mit dergleichen Dingen weder gespielt noch Scherz getrieben, sondern, wie vielen anderen Erscheinungen, so auch dieser, eine religiöse und sittliche Seite abzugewinnen gesucht. Der Liwjathan wird in der Bibel oft genannt und bedeutet ein Meerungeheuer, einen lieerdrachen, einen gewaltigen W alfisch oder auch ein Krokodil. Die Heimat des Krokodils ist der Nilfluli in Ägypten. Im Buche Hiob wird das Nilkrokodil als das gewaltigste Meerungeheuer geschildert: ..Kannst du das Krokodil am Hamen ziehen oder seine Zunge in die Schnur senken; kannst du ein Kohr ihm durch die Nase legen, seinen Kiefer mit einem Ring durchbohren? Welch Stolz! Die starken Schilde geschlossen, wie mit festem Siegel. Aus seinem Rachen fahren Fackeln, Feuerfunken sprühen hervor, aus seinen Nüstern fahret Dampf, wie aus glühendem Kessel. In seinem Nacken wohnt der Sieg. Sein Herz ist wie Stein, hartgegossen wie ein Mühlstein: es ist König über alle Raubtiere." Dieses Wasserungeheuer hat schon der Psalmist, weil es seine Heimat in Ägypten hat. als ein Sinnbild der Gewaltherrschaft des Königs Pharao und der Ägypter überhaupt gebraucht. Und er preist Gott, dafl er dieses Meerungetiini. das Israel so herzlos bedrückt, strafend überwunden hat. indem er bildlich spricht: ..Du zerschlugst durch deine Macht das Meer, zerbrachst der Krokodile Häupter auf dem Wasser, du zerschmettertest die Häupter des Liwjathan." (Möglich auch, dall die mehrfache Geteiltheit des Nils an seiner Mündung dem Psalmisten das Bild geliehen hat von dem zerschmetterten Haupte des Krokodils.) Deutlicher kennzeichnet diesen Vergleich des Meerungeheuers mit Pharao und den Ägyptern der Prophet Ezechiel. Und so weissagt auch Jesaja: „An jenem Tage straft der Ewige mit seinem Schwerte den Liwjathan. die flüchtige Schlange und den Liwjathan. die geringelte Schlange, und tötet das Krokodil im Meere." Diese gegen die Tyrannei Ägyptens gerichtete Anspielung wenden die Talmudweisen allgemein auf die Herrschaft des Bösen an, auf die Furcht erregende (lewalt des Frevels, auf die lähmende und zerstörende Kraft der rohen Verfolgung der Menschen untereinander auf Erden. Ebenso wie der Liwjathan Ägyptens, dieser furchtbare Bedrücker Israels, von Gott vernichtet und Israel befreit wurde, wird auch der Liwjathan, das Ungeheuer von Grausamkeit, das in der Geschichte der Menschheit durch gegenseitige Bedrückung der Menschheit untereinander gewütet und so viel Elend und Unglück angerichtet, dereinst besiegt werden, dafl der Friede wieder allgemein auf Hrden blühen wird. Der blühende Friede auf Erden, die Herrschaft des Guten, das milde Walten der Bruderliebe unter den Menschen wird aber am treffendsten dargestellt durch die Sukkah. die grttnumrankte, von frischen Pflanzen leichtbedeckte Laubhütte. Die Laubhütte vereinigt die Familie zum Dank gegen Gott für sein liebendes Walten in der Geschichte der Vorfahren, vereinigt alle (iliedcr derselben zum ruhigen, friedlichen GenuB der nährenden (laben, die der Himmel in seiner Gnade gespendet. Die Menschen wohnen in starken Häusern, bergen sich hinter festen Mauern, nicht hloU zum Schutz gegen W ind und W etter, gegen Hitze und Kälte, gegen Schnee und Wegen, mehr noch geschieht dies zur Sicherheit der eigenen Person gegen böse Menschen, zum Schutze der schwer erworbenen Habe gegen räuberische Anfälle. Sinkt die Nacht hernieder, da verschließen die Menschen Türen und Fenster, schwere Tore, feste Schlösser und eiserne Riegel bewahren das Haus gegen die Einfälle der Frevler und Gewalttätigen. Solange die Menschen sich gegeneinander verschanzen müssen, solange ist das ein demütigendes Zeichen dafür, dafl der Frevler noch immer vorhanden ist, daß die Gewalttätigkeit noch immer ihre Opfer fordert, dal; Neid. Mißgunst und Bedrückung noch immer unter den Menschen zu finden sind. Die Sukkah als leichtbedeckte, schwachgefügte Laubhütte bietet nur einen geringen Schutz gegen die Unbill der Witterung, einen weit geringeren aber gegen frevle Angriffe und räuberische Einfälle. Line leichte Kraftanstrengung genügt schon, um eine solche ganze Hätte über den Haufen /u werfen. Wenn erst die Menschen allgemein in solchen Hütten wohnten, ohne die schweren Tore. Schlösser und Riegel, wenn erst die Menschen allgemein unter dieser leichten Bedachung sicher und behaglich sich fühlten, ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Olivenbaum, dann wäre das ein glänzendes Zeichen dafür, dafl einer den andern nicht mehr zu fürchten braucht, dal! keine (lewalt und kein Frevel mehr auf Erden ist, ein Zeichen dafür, dafl

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