Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 41 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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!. Oktober 1920 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite :t edersoziallst" Gustav Seh moller, hat dies mich Laskers Tode einem längeren Artikel. „Lasker;ils Sozialpolitiker" betitelt, rülticitd hervorgehoben, und eben diese Stellungnahme Im Gegensätze er von Bamberger und Eugen Richter, aul die Beeinflussung des Bublgen luden durch die mosaische Gesetzgebung, die Ch la der wirtschaftlich Schwachen (Sklaven, Annen, Witwen, /alsen) besonders wann annähme, zurQckgefQhrt Laskers Lebensabend war bekanntlich durch die damals erstenene Strömung des Judenhasses, für die das neue Wort Antiemitismus geprägt wurde. In dem MaBe getrübt, daß sein über so klarer Verstand zeitweise darunter litt. Die Hetze eines stöcker berührte ihn weniger als die Qeslnnungsrohelt eines eheiiallgeu Praktionskollegen In der nationalliberalen Reichstagsfraktion, les als Historiker verschrienen Publizisten Heinr. v. Treitsehkc. Ith seinem famosen Ausspruch: „Die .luden sind unser Unglück." Auf irztliches Anraten begab er sich, um sich zu zerstreuen und neue Eindrücke zu gewinnen, zugleich zum Besuch seines in Qalveston ( Texas) lebenden Bruders, im Herbst 1883 nach Amerika. Von dieser Reise sollte er nicht mehr zurückkehren. Am 2. Januar 1884 besuchte er das erst vor kurzem in New York errichtete jüdische Waisenhaus. Ihm zu Ehren fand ein festlicher Empfang statt. Nach einer längeren Begrünung des hervorragenden Gastes durch den Vorsteher des Instituts, erwiderte Lasker ebenso herzlich, indem er den Begriff der jüdischen Wohltätigkeit durch den Ausdruck Zedokoh gleich Gerechtigkeit, eingehend erläuterte, und seiner speziellen Freude darüber Ausdruck gab. daB er hier in der „Neuen Well" das echte alte jüdische Herz vorgefunden habe. Drei Tage später hatte das seinige zu schlagen aufgehört. Lr verschied plötzlich im Alter von 5-4 Jahren bei einem Besuche des ihm befreundeten Bankier Seligmann. Im Treppenhause hauchte er seine reine Seele aus. Dr. Oskar Sineerus, Charlottenburg. Aus dem Esra-Landheim Triebes Von Awrohom Bergmann (Schluß) Montag. 12. VIII. 1929. ..In Triebes nichts Neues" . . . aber außerhalb. Zun dritten Male klettern .vir auf die Tciifelskanzcl, sie hat ihren Reiz nicht verloren, und auch die neuen Besucher sind entzückt von der Schönheit, die wir ganz umsonst kosten. Nachmittag. Bs regnet. Die Musik spielt gerade eine Zigeunerweise. Dl kommen einem so allerhand (iedanken. Auch wir sind im gewissen Sinne Zigeuner. Wir leben so in den Tag hinein. Wir wandern fast jeden lag hinaus, und wo's uns gefällt, da lassen wir uns nieder für kurze Zeit nur. Da verzehren wir unser Mitgebrachtes, und dann brechen wir wieder auf. Wir spielen und wir singen, und manchmal, da sind wir auch wieder traurig. Wir wenden uns nach innen und überschauen das Vergangene. Was hat unser Volk nicht alles gelitten für seine hohe Sendung! Gebrannt hat man es, gefoltert, gerädert, geschunden und ausgebeutet, alles, alles, weil es -•ich bekennt zu Qottet Sendung! Und wir. wir Träger dieser Sendung, was haben wir etwa (iroiics geleistet, um der (roBen Forderang unsres Volkes und siines Schicksals gerecht zu werden? Wir müssen noch au uns arbeiten . . . Die Stimmung schlägt um. Hie Musik spielt ein Frlhlingslled. Ja, I'rühling wird es alle Jahr nach dein grauen Winter. Schnee und Tis schmelzt die Sonne, und sie leuchtet Freude und Tust in unsre Herzen hinein. Freitag. I«. VIII. I929. Wir haben uns in den wenigen Tagen vor Tisehoh-b'aw jeder Tiniraguug enthalten. Cl wäre auch nicht >iil SB berichten gewesen, (iroliere Ausflüge haben wir mit Kucksicht auf den T.rnst der Tage nicht unternommen, und so verlief fast ein Tag wie der andre: Spielen. Besonnen, Essen und Singen und alle andern schonen Hinge, deren wir Kulturmenschen und Proletarier (zu Deutsch: ..Kulturproletarier") nicht entbehren können, waren die Haupt - beschiftigangen. Sonnabend. 17. VIII. 1939, Dieser ScbabbOS War wieder, wie es sich Kellort: frisch, lustig und ..lebendig", (iesang und Heimabend verschonten (reilich sind das alles. ..um auf!..s Uasis zu sprechen", nur relative Begriffe das Leben im Meiner Esralandheim. Die rt,tP,^lP"rniJ?Dw'ir fein, und noch kurz vorn^yj hatten wir das (ilück, R.s dichterische Begabung zu bewundern. In jener unheilvollen Nacht, als in seinem Magen die furchtbare Revolution wiitete und der Schlaf seine Augen floh, wälzte er sich auf seinem Tager und brachte ein ganz eigenartig Lied zustande. Sonntag. 18. VIII. 192«. Und der heutige Tag. o fragt mich nicht! Wie war der so toll! Sengende, brennende Qlul sandte unsre liebe, alte Taute, genannt die Frau Sonne, es war eine Wonne! Alles tummelt sich im Freien, um die letzten Triebler Stunden noch recht zu genießen. Nur einige ziehen sich zurück. Im Junge**- Schlafsaal könnt ihr sie sehen. Es sind nämlich die besten INscr. oder in unserer edlen Ausdrucksweise. ..um auf A.s Uasis zu reden": die si irkstcn Fresser: A.. <i.. I... W.. I... T. und ..naturlich" der Häuptling an der Spitze. Was sie da tun? Nun. zwo Schachteln Keks, ist das keine gute Sache? Und eine ganze Schokolade? Ist das keine gute Sache? Und Weintrauben, ein halbes Pfand, und Apfilsinciislücke. zweie: sind das keine Eliten Sachen? Nun fraKt noch, was sie da machen! Doch eine halbe Stunde später, da soll! ihr sehen, wie O. S., all er den Raub entdeckte. Zeter schrie! Doch „das ist für uns kein (iesichtspunkt". ..Wo bleibt da die Logik?" ruft O. ganz entsetzt. ..Hei 0. geblieben, und wir behalten das UcbriKc!" liriillt's ihm mit Begeisterung entgegen. „Und das wollen Tsräcr sein! Zum ersten Male gehe ich mit dem T\ra. da werde ich so DCStohlen. Meint ihr. ich gehe nochmall mit euch?" „Kommt gar nicht in Trage!" :/: Ja. immer lustig Hlut und heiter-frohen Sim . futsch ist futsch und hin ist hin. :/: Da kann kein O. unj kein J. was dran machen, s'isi /um lachen. Bollahl hollaho. da kann kein Kleener und kein (iroßer was dran machen, l'ist /um lachen, hollaho! ... Das Leben ist ein gar eigen Ding: Einmal hält es uns ganz oben und wir freuen uns und jubeln und denken: es muH wohl immer so. es kann gar nicht anders sein. Und im nächsten Augenblick stürzt es uns in die tiefsten liefen hinab. Wir fühlen dann den Schmers vervielfacht und verzweifeln und nehmen keinen Trost au. - Vormittag: Die schönste Sonne und ausgelassene Freude, und Nachmittag: Regen und Wind und katzcnjämtucrlichc Qesichter, und überall bOrt man klagen: Ach. es war doch so schön! Jet/t müssen wir wieder in Leipzigs mießes Häiisermeer zurück! Ach. und morgen geht die Schule wieder an. Aber alles Klagen nützt nichts, es muß sein. Das Qepack wird hlnuntergeschafit, in den Zun verstaut und mit letzten Schcidcgrußcn verlassen wir Triebes, unsere Sominerrcsidenz. Nur unser Häuptling und der Unterhluptllng bleiben noch einen 'Tag. um unser Lager abzubrechen und unseren Mist wegzuräumen. Tan letztes Händedrücken, ein letztes Kukirol, ein letztes Winken, und nun rollen wir fort vom schönen Triebes, Immer weiter, fort, immer weiter . . . Montag. 19. VIII. 1929. Heute scheint die Sonne, doch trotzdem ist's eintönig, trüb und düster. Ks ist überall still und leblos. Die Säle sehen leichenhalt, ruhig und leer aus. und alles schreit nach dem verschwundenen Leben und Treiben der letzten Wochen. Doch umsonst! Die schönen Tage kehren nicht wieder. Von Stube zu Stube schreiten wir Uebrlggebliebenen und lesen die Lumpen der Lumpen zusammen. Und jetzt sitze ich vor der Tür. die Sonne scheint mir ins Qesicht, und da merke ich: Was taust die schönste Sonne, was das beste Wetter, wenn das Lehen fehlt? Als alle noch da waren, war ich ein Mensch unter anderen, da habe ich erst richtig gelebt, da war ich ein Junge mit anderen zugleich. Wir haben getollt, Unsinn getrieben, doch manchmal auch etwas Vernünftiges geschafft. Triebet i't ein schon gelegener Ort. doch es hat jetzt all seinen Reiz verloren, nachdem die Menschen weg sind, die es so froh belebt haben. Und da kommt mich ein Verlangen an. den verschwundenen Weichen nachzuträumen, um sie so wieder zu erleben. Und jetzt empfinde ich: Nicht Triebes ist schön es ist ein Ort wie andere Orte auch, mit einem bißchen Wald ringsherum, ohne W asser und ohne andere Bequemlichkeiten nicht Triebe ist oder war schon, sondern das Tricbscr Leben war schön, und ich meine, daß z. H. Leipzigs mießes Häiisermeer jetzt viel schöner sein müßte als das tote Triebes. Und letzt sehe ich es gang klar: Nicht auf den Ort kommt es au. sondern auf die Menschen und darauf, wie diese Menschen den Tag ge- ItalteB denn auch in Triebes gibt es noch Menschen, und trotzdem ist II für mich tot. Oh es uns Triebsem auch weiterhin Kehligen wird, ein geistiges, frisches, frohes Leben zu leben? Das ist die Frage, mit der ich. gewesener Triebscr Häuptling und gelegentlicher Schreiber am Tagebuch, das ..Tnebser Esra-Tagebuch" abschließe. Und mein letzter Segen: Seid Immer froh und inunter. Kcsund und glücklich! Bewahrt den Trichter Tagen, euch allen gegenseitig und nicht zuletzt eurem „wilden Häuptling", der euch alle in sein Her/ geschlossen hat, ein freundlich Angedenken. C h a s a k! Jüdische Verbände und Gemeinden Der Arbeitsausschuß des Centrai-Vereins und die .lewisch Agency Der Arbeitsausschuß des Centrai-Vereins deutscher Staatsburger jüdischen Glaubens bat in seiner Sitzung vom 22. September folgende Entschließung gefaßt: „Die deutschen Mitglieder der Jewish Agency für Palästina, des Initiativ-Komitees für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutschland und das Präsidium des Keren Hajessod veröffentlichen in der Tagespresse einen Aufruf, in welchem behauptet ist. ..daß die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder sieb verpflichte!