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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-10-11 · 41 (11.10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
41 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 41 in schwerer Zeit. Die verlorenen Kriege waren es meistens, die zum Fortschritte führten, weil sie zur Besinnung, zur Selbstkritik und zur Anspannung der Kräfte anspornten. Gewonnene Kriege führten häufig zur Uberhebung, zur Verweichlichung und Dekadenz. Wir Juden sind am Leide erstarkt, und wir hegen die Zuversicht, daß auch das deutsche Volk wieder «rolJ und stark wird. — nicht um andere zu unterjochen, sondern um seinen Ruhm auf dem Gebiete des menschlichen Fortschrittes zu befestigen. Die jüdische Weltanschauung verbindet mit der Versöhnung den Begriff der Lebenserneuerung, der seelischen Neugeburt, weil mit der inneren Reinheit die von Gott eingesetzte moralische Weltordnung von neuem beginnt Wie die Natur draußen sich immer erneuert nach ewigen Gesetzen, so soll jedes Individuum, jede Gemeinschaft immer zu neuem Wollen, zur sittlichen Tat erstarken. Nicht auf Kosten anderer, Mandern aus eigener Kraft erstarken, selbst ganz und harmonisch werden, um in die Krolle Weltharmonie hineinzupassen! Das ist der Imperativ der ethischen Selbsterziehung. Der Ha Ii hat die Welt zerrissen und wirtschaftliche, kulturelle und moralische Werte vernichtet. Nur die Liebe und der Glaube an den Sie« der Gerechtigkeit können sie wieder aufbauen. Ein jeder von uns muß bauen nach seinem Können innerhalb der Krollen Architektur, die uns die Vorsehung vorzeichnet. W ir Juden haben nie den Optimismus der idealistischen Weltanschauung aufgegeben. Das war unsere Rettung, das schützte uns vor KeistiKer Verstumpfung und Verzweiflung, Nur so haben wir alles Leid überwunden und freudigen Herzen am Vorschritt der Menschheit mitgearbeitet W ir. die ewigei Optimisten in der Geschichte, Klauben an Deutschlands Zukiini W ir Klauben aber auch, daß wir Juden berufen sind. Deutsch land und der Kulturmenschheit noch viel zu geben. Das is keine Oberhebung, sondern das Selbstbewul.it.sein einer alte Kulturgemeinschaft, die Jahrhunderte für die erkannte Wahl lieit Kelebt und gelitten hat. Keine Gemeinschaft sehnt sich glühender nach Versöhnun und Liebe als die jüdische. Wir sind durch eine schwere Schul KeKaiiKen, und wir wissen, wie weh VerkennuiiK und Hall tu Aber nur wer für seine Lebensidee Kelitten hat. ist berufen, fii sie zu kämpfen. Mit allen jüdischen Brüdern und mit dem Kai zen deutschen Volke erhoffen wir, einen Versöhnungs tag der Völker, einen Tag, an dem Wahrheit. Friede und Fortschritt zur Richtschnur alles Strebens werden. Nu eine tiefe. Keläuterte Religiosität kann den WeK zur Höhe bah neu. und nur Menschen reinen Willens verdienen den ewiKei Frieden. Die wahre Kultur nimmt vom Göttlichen ihren Aus KaiiK und führt über das Menschliche zum Göttlichen zurück So wollen wir. einiK in der Erkenntnis und im Streben, dei höchsten Versöhnung der Menschheit ent KeKenselien. Lasker als Jude (Zum 14. Oktober) Lasker, der v <> r 100 Jahren das Lieht der Welt erblickte, hat eine streu« religiöse Erziehung genossen, wie in der damaligen Zeit, noch dazu in einer kleinen posetischen Stadt — sein Qeburtsort war bekanntlich Jarotschin — beinahe selbstverständlich war. Sein Vater. Rebb. Daniel, eine ehrwürdige, patriarchalische Erscheinung, war sozusagen nur im Nebenberuf Kaufmann, im Hauptberuf Talmudgelehrter. Lduard Lasker hat in seiner Jugend >e!bst I a! tn u d gelernt. Ein Anklang •"' den dabei üblichen Singsang haltete ihm zeitlebens auch in seinen Parlamentsreden an. Schreiber dieser Zeilen hat ihn oft im Land- und Reichstag reden hören. Heutzutage wäre ein mit diesem Tonfall behafteter Abgeordneter für die Oeffentlichkeit ganz unmöglich. Aber in der damaligen Zeit, in der von 1N67 bis |S7s währenden sogenannten „liberalen Aera". StieB man sich nicht daran. Man schätzte seine große Rednergabe, seine haarscharfe Dialektik, sein gewaltiges Wissen, seine unermüdliche Arbeitskraft und nicht in letzter Reihe seinen fleckenreinen, unbestechlichen Charakter. Qleichwohl wurde ihm erst zu einer Zeit, wo er bereits ein in der ganzen Welt bekannter Pariatarier war (lsTti), die Basis einer bürgerlichen Existenz gegeben, indem ihm die Wahl gestellt wurde, ob er Stadtgerichtsrat in Merlin werden, oder sich hier als Rechtsanwalt niederlassen wolle. Auch dies war eine Vergünstigung, da für Anwälte damals noch bis zur pfung der hauptsächlich durch seine Bemühungen ins Leben getretenen Justizreform (1897) der numerus clausus galt Lasker wählte d;,v Letztere, da er Unabhängigkeit als höchstes Gut schätzte. Iiis dahin war er unbesoldeter Assessor gewesen. Als Anwalt betätigte er sich aber änderst selten. Last nur in politischen Prozessen. Von 1873 Iiis zu seinem Tode war er Syndikus des Merliner Pfandbriefamts. Ehrgeiz auf Kosten seiner persönlichen Ueberaeugung oder gar mit Verleugnung seines angestammten Glaubens lag ihm vollständig lern. Bekannt ist die Antwort, die er Bismarck zu Zell gab, als dieser noch Laskers Mitarbeiterschaft zu schätzen wußte. An 1 die Bemerkung: ..Wir arbeiten noch einmal kollegialisch zusammen", reagierte er lediglich mit dem Hinweis auf seinen eigentlichen Beruf: ..Dann müßte der rlerr Reichskanzler Advokat werden." Lasker war jederzeit stolz auf sein Judentum. Ein schönes Glaubensbekenntnis, das seine unauflösliche Verbundenheil mit der Religion seiner Väter kennzeichnete, legte er in der Reichstagssitzung vom 10. Juni 1S76 anläßlich der Beratung des Gesetzentwurfes über den Austritt aus dem Judentum in folgen Sätzen ab: „Sie wissen, daß Ich nicht allein äußerlich, sondern mit Leib und Seele der jüdischen Gemeinschaft angehöre, und in ihrem Kern den idealsten Ausdruck finde, der nach dem Zeugnis der Geschichte zum erstenmal der Menschheit in Lorin eines religiösen Bekenntnisses verkündet worden ist. Ich Klaube, daß der wesentliche Inhalt des Judentums in dem Glauben an den einig-einsigen Gott liegt, und daB die Macht dieser lebendigen Ueberzetigung der Gemeinschaft, die ja erst iit die Weltgeschichte mit dieser erhabenen Idee eingetreten ist. so 'lange Dauer geben wird, als überhaupt Religionsgesellschaften existieren. Zu diesem Ausspruch berechtigt mich eine tieltausendlährige Geschichte des unter den widrigsten Verhältnissen leidenden Judentums." Er verbreitete sich dann eingehend über die drei Gebiete, auf denen sich die Tätigkeit der jüdischen Gemeinde in ethischer Beziehung bisher ersprießlich und segensreich erwiesen habe: Kultus. Schulwesen und Wohltätigkeit. Zu Letzterer bemerkte er ebenso feinsinnig wie zutreffend, dall den Juden die Wohltätigkeit nicht bloli eine Pflicht der Humanität, sondern in der Tat ein religiöses Gebot sei. Er schloß mit dem erhebenden Wunsche, von dem wir hoffen, daß er sich dereinst, wenn auch leider für absehbare Zeit keine Aussicht vorhanden ist, verwirklichen möge, daß nämlich eine Zeit kommen möge, wo wenigstens alle guten Menschen sich als Kinder eines Gottes fühlen, sich nicht gegenseitig in konfessionellem Hader befehden, sondern sich, mögen ihre Anschauungen über die Verehrung Gottes noch so weit auseinander liegen, hilfreich die Hand reichen auf ihren Lebenswegen. Humanität auf der Grundlage und getränkt von der Lehre des Judentums war der Leitstern seines Lebens und seiner öffentlichen Wirksamkeit. Die schönste, jemals in einein deutschen Parlament gegen die Todesstrafe — eine auch jetzt wieder brennend gewordene Präge - gehaltene Rede, war die Laskers vom 2\ Mai IN6y. von echt humanem und zugleich al ttestamentarischem Geist erfüllt. Sie eingehend hier zu skizzieren, würde zu weit führen. Ebenso war er zu einer Zeit, wo im Liberalismus noch das reine Manchestertum mit seiner Theorie des laisser faire, laisser aller herrschte, der einzige liberale Führer, der sich für soziale Reformen (Arbeits- und Invalidenversicherung. Krankenkassenwesen. Verbot der Nachtarbeit für brauen und Kinderarbeit in den Fabriken, Sonntagsruhe, frühzeitigen Ladenschluß usw.) erwärmte, ja begeisterte. Ein politischer Gegner, der berühmte Professor der Nationalökonomie an der Berliner Universität, der „Ka-

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