Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 41 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ßemeinöeblatt OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU j El \)7lfZm AMTLICHES NACHRICHTENBLAiT LL« I|XmIV7dER GEMEINDEVERWALTUNG! Diis Crmrlntlrblatt rrsdirlnt |r<lrn Frritag und wird den Mitiilicdrrn (Irr KrllKlonsKt-im-lndc uncntficltlldi durch die l'tist zugestellt - Schrllllrllung: Ccmclndcrabblncr Custav Cnhn, Leipzig, LöhrslraBr 10 NUMMER 41 / JAHRGANG S FREITAG 11* OKTOBER 1020 AnzelRCnver»altunK und Dunk: ItudidruuVenl August Pries, Lelptig, Bruderstr. so - Fernrul -ixux» - rmttchrck Leipzig 5ii)2ii - Nadidrudt nur mit Quellenangabe und mit (ieiiebmlgung des Verbisse*™ gest.'tlet VERSÖHNUNG Von Fabius Schach Noch nie ist in der Welt soviel von Versöhnung gesprochen worden als in jüngster Zeit. Die endlich aus der Kriegspsychose erwachte Menschheit scheint ZU erkennen, daß die Völkerversöhnung heute kein Luxus ist, daß sie der einzige Weg ist. um Huropa vor dein wirtschaftlichen und moralischen Untergang ZU retten. Wir Juden haben alle Ursache, uns über diese Erscheinung u freuen. Das Judentum ist seiner Natur und seiner geschichtlichen Entwicklung nach ein Element des Friedens, und es kann seinen höchsten Aufgaben nur im Frieden gerecht werden. \Yahrhe11, Frieden und Gerechtigkeit sind die ■rundsäulen der jüdischen Ethik, nur auf ihnen kann sich Gelindes, Dauerndes aufbauen. W ir nennen unseren heiligsten l ag im Jahre T a g der V e r s ö Ii u u u g . weil wir darin das Höchste erblicken. Es gibt keine Seelenharmonie, keinen Kulturfortschritt, keine moralische (irölie ohne Versöhnung. Aber wir haben schon früh erkannt, dali die wahre Versöhnung bei Meli selbst beginnt, daß nur der Mensch reinen Herzens berufen ist, Großes zu schaffen. Unser Religionsgesetz gebietet, dal! wir alles Unrecht wieder gutmachen, uns mit allen Menschen aussöhnen, bevor wir vor Gott treten, um von ihm Versöhnung zu erflehen. Und unsere Versöhnung ist nicht nur individuell gedacht. In unserer Festliturgie wird das grandiose Uild der Völkerversöhnung auf der Grundlage wahrer Gotteserkenntnis gezeichnet. Ja. wir. die wir wie kaum eine zweite Gemeinschaft im Laufe der Geschichte Unrecht erfahren und Schweres erduldet hatten, boten allen die Bruderhand und beteten in weihevoller Stunde für die Kauze Menschheit. Das Werk der Versöhnung beginnt, wie alles Große, bei der E r z i e Ii um, und unsere Reichsverfassung fordert mit Recht die Erziehung im Geiste des Friedens und der Völkerversöhnung. Schon dem Kinde muß an Stelle des Krieges das Friedensideal geschildert werden. Die kindliche Phantasie soll sich nicht an blutigen Bildern entzünden, sondern an Heldentaten wahrer Menschlichkeit. Nicht die Zerstörung und Vernichtung, sondern das friedliche Glück der Menschen soll als Ziel hingestellt werden. Die traurigste Erscheinung, die wir heute erleben müssen, ist, daß ein Teil der deutschen Jugend die Sehnsucht nach Krieg noch nicht überwunden hat. Wenn Lehrer und Führer, ihre sittliche Verantwortung vergessend, die heranreifende Jugend zum Klassen- und Rassenhaß verhetzten, so zeigt uns das, wie fern wir noch von Idealen wahrer Versöhnung sind. Fs ist psychologisch begreiflich, dali der Unterlegene im individuellen wie im Völkerleben glaubt, dali ihm unrecht geschehen ist und nach Vergeltung trachtet. Aber, ist schon das Prinzip der Macht an sich antireligiös (denn wahre Religiosität strebt nach Gerechtigkeit und nicht nach Macht), so ist das Prunken mit einer Macht, die man gar nicht besitzt, gänzlich verfehlt. Vom Unglück zu lernen, in sich zu gehen und die Schuld in erster Reihe bei sich selber zu suchen, ist nicht nur religiös-ethisch, sondern auch in höherem Sinne klug, weil es zu einem Ziele führt. Wir Juden haben stets bei jeder Katastrophe an die eignen Sünden gedacht, wir haben geklagt, aber nicht angeklagt. Wir haben zuerst gelehrt, auch den Feind zu lieben, und es ist keine Anmaßung, wenn w ir im Namen der Religion von allen Kulturvölkern verlangen, endlich den Haß zu begraben und sich zum Werke des Friedens zu vereinigen. Unsere Propheten waren es. die zum ersten Male das schöne Friedensidyll gemalt haben, und das Judentum war die Hot schaft des inneren und äußeren Friedens. Und unsere Friedensliebe ist keine weichliche Sentimentalität, sondern, wie alles im Judentum, eine auf Einsicht und Erfahrung beruhende Erkenntnis. Jesaia verlegt den höchsten Frieden auf „das Filde der Tage." Auch er denkt sich die Entwicklung des Friedensgedankens stufenweise und die Krönung des Ganzen auf dem Gipfel ethisch-religiöser Hutfaltung. Er weiß auch, wo die Wurzel des Übels ruht. Er spricht es klar aus: ..Nicht werden mehr die Menschen ihre Kinder den Krien lehren." Die Reinigung der Atmosphäre von Hall und niedriger Leidenschaf! muß von der Schule, der Familie ihren Ausgang nehmen. Wir Juden sind Geschichtsmenschen, w ir leben in der Geschichte und von der Geschichte. Uns fehlt es nicht an Verständnis für geschichtliche Eigenart, und wie w ir im großen Rahmen des deutschen Volkes unsere Eigenart wahren Wullen, so gönnen wir auch jeder Gemeinschaft ihre ererbte Eigenart. Aber geschichtlich empfinden heißt nicht, dem Gestern leben sondern auch an die Zukunft denken, und der Sinn der Geschichte ist doch schließlich die H n tw icklung zur II ö Ii e und nicht die Erstarrung. W ir sprechen an unserem Versöhnungstage viel von der U m kehr, vom Beschreiten des richtigen Weges, der zur Wahrheit und zum Fortschritt führt. Fs gibt Moniente im Leben, wo man umkehren muß, wenn man zu einem Ziele gelangen will, und es zeugt von sittlichem Mut. wenn man den Willen hat. umzulernen und im Dienste der Gesamtheit und der Zukunft neue Wege zu wandern. Jedes Volk trägt in sich die Gesetze seines Seins, und seine Größe bewährt sich besonders