Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDE!)LAT1 DER ISRAELITISCHEN REUGIONSGBMEINDE ZU LEIPZIG Niiituncr 4 kennt die Größe und die Nützlichkeit der erhabenen jüdischen I ehre an. Her Verwirklichungswille reicht nur nicht über die Sehw elle der Synagoge hinaus. Und wenn man an einem besonders dringenden praktischen Beispiel die ganze Tragik dieser Spaltung zwischen Lehre und Lehen erkennen will, so sei an die Im Mittelpunkte aller Sorgen und Mühen stehende religiöse Erziehung der Jugend erinnert. Daß man liier von idealen Zustünden weit, weit entfernt ist, betont tust jeder, und jeder weiß genau, woran es liegt. I »ieser gibt der Methode die Schuld, jener dem Stoffe; diesem ist er zü schulmeisterlich, jenem zu frei: diesem ist er zu fromm, jenem zu wenig national. Dem einen bietet er zu wenig Hebräisch, dem anderen zu viel; der eine wünscht Gesinnungsunterricht, der andere rein objektive, religioiisgcschichtliche Unterweisung. So sehr man sich aber über den Elfer und den Streit der Meinungen freuen mag, so sehr das Interesse lobenswert erscheint, so wertlos ist es auch, wenn es bloße Theorie bleibt und wenn hinter den Forderungen nicht der Wille zur Verwirklichung steht. Und das ist der Grundfehler] Es bedeutet wenig, wenn man sich um den Religionsunterricht der Kinder seiner Glaubensgenossen müht und seine eigenen Sprößlinge damit nicht behelligt. Wie viel wäre schon gewonnen, wenn die vielen, vielen, die am Neujahrstage dem Rabbiner lauschen und ihm im Herzen recht «eben, nur diese eine Theorie zum grünenden frischen Leben werden Hellen und ihre Kinder in den Religionsunterricht senden, wenn das Wort und die Stimmung des Festes im Alltat; nachklingen und wirken wollten! Das ist die eigentliche Tragödie unserer religiösen Jugenderziehung, die sich ja oft soweit steigert, dal! in deutschen Gemeinden sogar Mitglieder der Gemeindebehörden, denen das Vertrauen ihrer Glaubensgenossen führende Stellung int jüdischen Leben eingeräumt hat. ihre Kinder dem Religionsunterrichte fernhalten. Wenn in Leipzig — abgesehen von der höheren israelitischen Schule — etwa Sil Prozent der Schuljugend der religiösen Unterweisung entbehren, wenn von den Oberklassen mancher Schulen, wie der < iaudigschule. dem Schillerrealgymnasium, der Leibnizschule u. a. m. so wenige Teilnehmer sich finden, daß man objektiv beinahe von einem Boykott des Religionsunterrichts reden könnte, ist offenbar ein Fehler im System vor banden. Er liegt aber weniger im System der Organisation al in dem der Einstellung zur jüdischen Forderung, Theoretisch' Begeisterung für die jüdische Zukunft und für die jüdische El Ziehung der Jugend ist billig und nutzlos. Nur die Verwirk Hebung im Alltagsleben, selbst wenn sie Opfer kostet, ist wül dig und ehrlich. Hin grundsätzlicher Unterschied zwischen dem alten Ji den und dem unserer Tage offenbart sich in den Lniptindungci die an den hohen und heiligen Tagen die Scharen der Beter ei füllen. Linst strömten zerknirschte Sünder in das Gotteshau die man durch die Wiedererweckung des beseligenden (ihm bens an die verzeihende Liebe C.ottes aufrichten mußte. Heut erscheinen meist Menschen, deren Selbstbewußtsein und Zu friedenheit mit sich selbst sie nie auf den Gedanken kommet läßt, als könnten sie unrichtig handeln, bei denen man ei Sündenbewußtsein erst mühselig erzeugen muß. Und da da nur unter dem Lindruck leicht verhallender Worte und bah verfliegender Stimmung geschehen kann, ist zu verstehet warum die Feiertage so wenig nachhaltig in das Tun und Trei ben des Alltags hineinreichen und es leiten. Denn Sünden bewußtsein ist. in die Sprache einer modernen Zeit übersetzt nichts wie Unzufriedenheit mit sich selber. Bewußtsein seine eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich mit den Forderungei einer Idee. Und heute sind ja die meisten von uns so zufriedei mit sich und ihren Taten. Wem Sünden vergeben werden sollen, der muß sie zu nächst einmal empfinden! Und wenn au den Feiertagen wie der. den gewaltsamen Zuckungen eines dahinsiechenden Kör pers vergleichbar, ein religiöser Impuls die Massen hinaufreiß' und die Gotteshäuser füllt, so entringt sich unserem Herzen det heiße und innige Wunsch, daß wir uns alle unserer Sünde be wüßt werden, der gewaltigen Sünde der Zeit, der Spaltung unseres Wesens in Heiliges und Weltliches. Das Neujahrsfes: schweiße beides wieder zusammen. Lehre und Leben! Und dk kommende Zeit unserer Arbeit sei verklärt und geweiht von dem breiten Strome ewiger Lehre, der den heiligen Tagen der Erhebung entspringt, der dem Judentum und dem jüdischen Leben wieder Einheitlichkeit und damit wahres Leben gibt. DIE OPFERUNG ISARS Von Rabbiner Dr. Bruno Italicner, Hamburg Kein Abschnitt der Bibel, der so der Erklärung bedürftig w äre, w ie der von der Opferung Isaks. der am 2.Tage des Neujahrsfestes in allen (iotteshäusern Israels zur Verlesung kommt, (iott will den Abraham prüfen. Er fordert von ihm. sein einziges Kind Isak zum Opfer zu bringen. Abraham gehorcht. Drei Tage wandern Vater und Sohn nebeneinander. Kaimt ein Wort fällt. „Wajerchu sch'nehcin jachdow", „sie gingen beide zusammen". So kommen sie zur Opferstatt. Der Vater baut den Altar, schichtet das Holz, bindet sein Kind. Schon hat er das Messer gezückt zum Letzten. Furchtbaren, da vernimmt er den Ruf eines (iottesboten: „Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben und tue ihm nichts, denn nun weil! ich. da1', du gottesfürchtig bist und deinen einzigen Sohn mir nicht verweigert hast." — Das Kind ist gerettet. Soweit der wesentliche Inhalt der Erzählung. Kein Bericht der Bibel, der das religiöse Empfinden mehr bewegt hätte, der in religiöser Dichtung mehr verherrlicht wäre, keiner, der dem Juden auf seiner Wanderung durch die Jahrtausende mehr Kraft, mehr Begeisterung gespendet hätte. Kein Bericht der Bibel aber auch, der soviel bezweifelt, soviel gedeutet worden wäre. Gott w ill den Abraham prüfen — bedarf Oer Allw issende solcher Mittel? Ist das Frömmigkeit: Abraham willens, aus Oehorsam gegen Oott sein eigenes Kind zu schlachten, Isak willens, sich wortlos hinzugeben? Atmet die ganze Erzählung nicht einen Geist, der uns hei aller Ehrfurcht doch gleichzeitig mit dem Gefühl erfüllt: wir verstehen einen (iott nicht, der solche Opfer heischt, wir verstehen Menschen nicht, die zu solchen Taten fähig sind? Wenn wir im folgenden zu dem biblischen Bericht Stellung nehmen, SO geschieht es nicht, um eine Lösung der aufgeworfenen Fragen zu geben, in dem Sinne etwa, wie man ein Rechenexempel löst. Das ist nicht die Aufgabe der Religion. Unsere Aufgabe sei es, etwas von der Tiefe aufzuzeigen, die jene Erzählung erfüllt, das Geheimnis ahnen zu lassen, das hinter den biblischen Gestalten steht und so gleichzeitig abgestoßen und doch unwiderstehlich angezogen etwas von jener Andacht uns in die Brust zu senken, die nur die Nähe des (iöttlichen zu gehen vermag. Es wäre vermessen, an solche Aufgabe heranzutreten, wenn w ir nicht eines guten Führers sicher wären. Dieser Führer heißt Rembrandt, der unsterbliche Meister. Zweimal hat sich Rembrandt an die bildliche Darstellung der Opferung Isaks gew agt. Wenn irgendein Nichtjude. so hat Rembrandt gerade uns Juden etwas zu geben. Fast dreißig Jahre hat er ja im Amsterdamer Judenvicrtel gewohnt — mit geöffneten Augen, mehr noch mit geöffneter Seele. Es waren aber nicht nur die stolzen