Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Semcinöcbktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! . Dm Genielndeblntt ersdielnt |cdrn 1'rellaR und wird den Mitgliedern der HellRlonst« melnde unentgeltlich durth die l'ost zugestellt - Schrlftlcltung! Cemrlndcrabbiner Cuatav Cohn, Leipzig, Lohrstrafie lo NUMMER 40 / JAHR6AN6 $ FREITA6 4» OKTOBER 1020 AnzrIgtMivrrHiillunft und Drink : BuiiHlrmKrrtt Au^unI Pllm. l.fip/.i«, Brüdcrstr. 90 - Fernruf 70000 - n*t- Bchcdc U'ip/lj; 539 20 - N.ithdnnk nur mit QuHIciH angabt- und mit (•enrhmlfiung des YrrfasstTS gcst.'ltcl RELIGION UND LEBEN Eine Betrachtung zum Neujahrsfeste Von Rabbiner Dr. Pell» Goldmann Die innige Verschmelzung von Religion und Leben ist die tiefste charakteristische Wesenheit des Judentums, die sie zugleich auch gegen Ihre Tochterreligion scharf abgrenzt. Einen wirklichen Unterschied zwischen dem Profanen und dem Heiligen gibt es nicht! Auch die weltliche Handlung des Lehens wird durch die Religion mit dem Glänze des Heiligen überzogen, und nie entfernt sich die Religion hei ihren Forderungen von dem Hoden des Tatsächlichen und Möglichen. Das Weltliche und das Geistliche — in anderen Religionen so scharf getrennt Fließen ineinander, und die dem Judentum eigentümliche Einrichtung des (ieset/es ist die Gewähr dafür, daß stets lebendig bleibender Verwirklichungswille niemals einen Zwiespalt /wischen Lehre und Lehen aufkommen läßt. Und darum bedeutet die religiöse Aufwallung, die Neujahrsfest und Versöhnungstag mit dem Schimmer des absolut Heiligen umkleidet, die diese Tage ZU einem im schneidenssten (iegensatz zum übrigen Jahre stehenden religiösen Erlebnis macht, im Grunde eine Verfallserscheinung. Sie beleuchtet grell die Spaltung der jüdischen Persönlichkeit in einen profanen und einen heiligen Teil, wie sie die moderne Entwicklung unserer Zeit beschert hat, in ihren Schäden für das seelische und religiöse Leben. Die Zusainmenballung alles religiösen Empfindens auf die beiden hohen Feste bedeutet ja. da Ii alle anderen Tage des Jahres eine nüchterne, dürre, farblose Wüste werden, in der nur ganz wenige an den Oasen der Seelenfeier mit ihrem Ge- Isaks Opferung GemUdc »ob Ri-mbrandt. iAlten- Pinakothek. Manchen. misch von Pietät und Aberglauben zu flüchtiger Rast einkehren. Die Spaltung der Persönlichkeit in einen heiligen und einen profanen Teil erstreckt sich aber über die äußerliche religöse Betätigung hinaus auf die gesamte Lebensauffassung. Man vergibt nicht nur. wenn das Gotteshaus nach dem Versöhnungsfest sich schließt, seine religiöse Weihe, sondern auch seine Lehren, und es ergibt sich auch im Judentum der in anderen Glaubensgemeinschaften so oft beklagte Zustand, daß eine theoretische Religion herrscht, der keine Praxis folgt. Moralisch äuliert sich solche darin, daß die sittlichen Grundlagen des Alltagslebens welliger vom religiösen (iesetze der Gesinnung als von den Grenzen des Staatsgesetzes bestimmt w erden, und auf religiösem Gebiete ist ihr Kennzeichen die rührende Fürsorge für die Religiosität der anderen! Die Besorgnis, dal! nur ja keine Institution in der Gemeinde fehlt, damit der Glaubensgenosse seine religiösen Triebe pflegen kann, hat aber dann wenig Wert, wenn mau selber fest entschlossen ist. von keiner Einrichtung Gebrauch zu machen, und alle Glut einer l eiertagsreligion erkaltet schnell, wenn das tägliche Leben mit seinen Kleinigkeiten und seineu Trivialitäten nicht durch sie erhellt und erwärmt wird. Nicht als ob etwa der (iesinnung jener Scharen, die im Gotteshause an den hohen Festtagen sich versammeln, die Ehrlichkeit und der gute Wille mangelten. Jeder, der dem W orte des (iebets und der Predigt lauscht, er-