Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 39 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Ii. September 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 GEMEINDE UND JUGEND Jedes Streben und Bauen, jedes Vorwärtsführen und Vollendetl erhält seinen tieferen Sinn erst durch das, meist unbewußte, Gefühl, daß die folgende Generation sich des Erreichten erfreuen und an ihm fortbauen werde. Als Glied in ,1er großen Kette der menschlichen Entwicklung hat das Wenige, was der Einzelne meist nur beitragen kann, doch entscheidende Bedeutung. Das ist bekannt, und die großen Gemeinschaften haben stets ihr Augenmerk in besonderem Maße der nächsten Generation, der Jugend, zugewandt. Auch die jüdischen Gemeinden sind sich ihrer Aufgaben bewußt gewesen und haben mehr oder weniger die Erziehung der Jugend im Sinne der Gemeinschaft gefördert und gestützt. Das genügte früher durchaus. Denn in der Vorkriegszeit war die Jugend ein Betriff, keine tatsächliche Einheit. Es gab eine Mehrheit von Jugendlichen, keine Jugend. Die kommende Generation spielte im Gemeinschaftsleben eine durchaus passive Rolle. Aber auch hierin trat im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Wandlung ein. Auf die Ursache kommt es hier nicht an, jedenfalls fanden sich Jugendliche mit gleichen Anschauungen und gleichem Wollen zusammen. Es entstanden die Jugendbunde, die, in ihren Zwecken und Zielen vielgestaltig, doch in einem Punkte sich treffen: Der Wille, das fürwahr Erkannte ehrlich und nach besten Kräften zu fördern, ist allen gemeinsam. Gemeinsam war allen Bünden auch ein gewisses Maß äußerer Schwierigkeiten und Nöte. Hie zu überwinden, kam es folgerichtig in den letzten Jahren wenigstens in den größeren Gemeinden — zu einem Zusammenschluß der Bünde, der Art, daß zwar die ideelle Eigenart völlig gewahrt blieb, für die bei allen gleichen Aufgaben und Schwierigkeiten aber eine Verbindung eingegangen wurde. Es entstand der jüdische Jugeudring. Da diesem überall, wo er sich bildete, fast alle Bünde angehören, und in den Bünden wiederum diejenigen Jugendlichen vertreten sind, welche als Träger und Fortführer des von der heutigen Generation Geschaffenen besonders in Frage kommen, kann man im jüdischen Jugeudring die Jugend als solche sehen. Aber nicht mehr, wie früher, als eine Anzahl einzelner Jugendlicher. Die kommende Generation hat Eigenpersönlichkeit gewonnen. Aus einer passiven ist sie durch eigene Kraft in eine aktive Stellung innerhalb der Gemeinschaft eingerückt. Damit ist ein neuer wesentlicher Faktor ins Gcmeindeleben eingetreten. Jedes weitblickende Mitglied jüdischer Gemeinden hat dies längst erkannt. Da die ganze Entwicklung etwas organisch Erwachsenes ist, werden auch diejenigen sich dieser Erkenntnis auf die Dauer nicht verschließen können, die heute noch nichts davon wissen wollen. Erfreulich ist, daß eine ganze Anzahl großer jüdischer Gemeinden bereits in anerken- An die Juden in Deutschland/ Bald werden Rosdi Haschonoh und Jörn Hakippurim zum Gotteshause rufen und zu stiller Feier in den jüdischen Häusern. Aber ihr Aufruf zur Besinnung, zur Einkehr und Umkehr findet in unserer Mitie nicht mehr überall Gehör. Mancher ist gleichgültig, mancher ist seinen Brüdern und dem Gott seiner Väter fremd geworden. Andere sind unter der Last der Arbeit erdrückt. Die Zeit sdieint dahin zu sein, da die geschlossenen Geschäfte der jüdisdien Kaufleute an Sabbathen und Festtagen, am Rosdi Hasdionoh und Jörn Hakippurim ein stummes aber eindringliches Bekenntnis zu Gott und zum fudentum vor aller Welt ablegten. Aus dieser Unfähigkeit, unsere heiligen Tage zu feiern, sprechen Not und Drude der jüdischen Seele. Unsere Verantwortung, unsere Sorge bewegt uns deutsche Rabbiner zu einem ernsten Wort an die deutsdien Juden Gentig des Leids, daß so vielen von uns der Sabbath, dieser Quellpunkt unseres Familienlebens, die Wurzel der edelsten Tugenden unserer Gemeinschaft, der Tag unserer Seele, das Wahczeidicn unseres Glaubens, verloren gegangen ist. Sollen nun audi die ehrfurchtgebietenden Tage dem Materialismus mehr und mehr zum Opfer fallen? Die „Tage der Umkehr" nahen. Möchtr ein jeder den Willen und den Weg finden, die heiligen Tage ganz und ungeschmälert zu feiern. Möchte jeder jüdische Geschäftsinhaber seine Angestellten von jeder Arbeit an den hohen Tagen befreien. Möchten die Treuesten der Treuen, denen es ein tiefes Bedürfnis ihres Herzens ist, der religiösen Pflicht gemäß, Sabbaihe und Feste zu feiern, weitherziges Verständnis bei allen in Betracht kommenden jüdisdien Persönlichkeiten finden. Euh aber bitten wirt Setzt alles daran, daß unsere Ruhe- und Festtage unserer jüdisdien Gemeinschaft erhalten bleiben. Die Treue zum Judentum fordert Opfer. Aber ihr Lohn ist eine Ruhe des Gewissens, das Bewußtsein treu erfüllter /^flicht, die Festigung und Erhöhung des Judentums. — Im Geiste eng mit Euch allen verbunden, wünsdien wir Eudt den Segen der heiligen Tage. „Möge alle Sorge von Eudi wcidien; die Freude an Gott bleibe die Quelle Eurer Kraft!" Der Vorsiänd des Rabbinerverbandes in Deutsdiland. nenswertem Maße der neuen Entwicklung Rechnung getragen hat. Wie wird sich die Beziehung der Gemeinde zur Jugend — als Eigenpersönlichkeit zu gestalten haben? Es droht da vor allem eine große Gefahr. Die Jugend könnte behandelt werden, wie irgendein Verein, ein Woldtätigkeitsverein, dem einen gewissen Zuschuß zu gewähren man sich verpflichtet fühlt. Dieses Verkennen würde zur Folge haben, daß die mißverstandene Jugend sich von der Gemeinde abwendet und sich in einem Sinne entwickelt, der all denen nicht angenehm sein kann, die auf eine längere Zeitspanne als einige Jahre für die Gemeinde und ihrer Förderung Sorge tragen. Die Jugend stellt nun einmal der Gemeinde nicht mehr nur gegenüber als ein Objekt der Erziehung, sie ist vielmehr zum lebendigen Gliede der Gemeinschaft geworden. Und so darf eigentlich die fortschrittliche Gemeinde nicht mehr warten, bis die Forderungen der Jugend an sie herankommen. Die Intiative müßte von der Gemeinde s 'lbst ausgehen. Es gibt im Aufgabenkreis der Gemeinde eine Reihe von Verpflichtungen, die als fundamental anzusehen sind, an deren Erledigung das Bestehen einer Gemeinde überhaupt geknüpft ist. In diese Kategorie der Aufgaben ist die neuerwachsene einzuordnen. Die Förderung der Bestrebungen der Jugend als Gesamtheit ist wesentliche Pflicht geworden und an diese Dinge müßte von vornherein ebenso ernst gedacht werden, wie an die anderen Angelegenheiten, die zum festen Bestandteil der Gemeindeaufgaben gehören. Es ist nicht nur Geld, um das es sich hier handelt. Auch durch Rat und andere Unterstützung muß die Gemeinde sich die Verbindung mit der Jugend zu erhalten wissen. Dabei hat wohl auch die Jugend durch ihre ganze Stellung ein Recht darauf, in Fragen, die sie betreffen, mit aufmerksamem Ohr gehört zu werden. Wohl sind die Forderungen der Jugend oft, getragen durch den Wunsch nach Vollkommenem, über das hinausgehend, was tatsächlich im Augenblick möglich erscheint. Aber man muß dabei stets sehr vorsichtig wägen und sich fragen, oh man die Erfüllung nicht nur deshalb für undurchführbar hält, weil die Forderung an sich Neues und bisher Unbekanntes enthält. Und diese Prüfung muß um so genauer sein, als man sich sagen kann, daß in dem, was die Jugend will und erstrebt, nicht nur ihr plötzlich drängender Gedanke, sondern vielmehr die Forderung der Zeit, die Selbstverständlichkeit der Zukunft enthalten ist. Es ist keine Frage, daß es ernste Pflicht eines jeden Vertreters einer Gemeinde ist, der Jugend, diesem neuen Faktor im Gemeindeleben und ihrem Wollen, die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen: als Träger der Zukunft und Fortführer des von der jetzigen Generation Geschaffenen. Jacob Brande.