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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-09-20 · 38 (20.9.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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10. September 1020 GBMBINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 lolilisches Problem, als ein religiöses Qebot. Keine Feindseligkelten tonnen uns in unserer Liehe zum Lande beeinträchtigen. Wir müssen, tärker als bisher, darauf einzuwirken Miellen, daß für die Sicherheit unserer Brüder im Heiligen Lande gesorgt wird und daß eine Bcrlcdung zwischen allen Bewohnern des Heiligen Landes herbeigeführt wird. Dr. Nathan B i r n h a u m hielt ein Referat über das Thema „Israel ind die religiöse Krise der heutigen Menschheit". Er führte ungefähr aus: Immer waren die Völker einer göttlichen Sphäre sieher, wobei es gleichgültig ist, oh und welche Irrtümer sielt in ihre Anschauungen einschlichen. Diese Übereinstimmung der Menschen und Volker berechtigt zu dem Ausspruch, dalt der Mensch ein religiöses W esen ist. Was den atheistischen (ieist betrifft, bleibt es immer fraglich, oh er wirklich so nichtsahnend ist, wie er vorgibt, und oh er nicht die eigene innere Stimme unterdrückt und sich so vergewaltigt. Unsere materialistische Zeit leide .111 einem noch nicht dagewesenen Mangel an Intuition und statt Denkern produziere sie sehr viele Denkerlinge, Aher die Kraft des Judentums, den Stürmen der Welt zu begegnen, wachse nicht aus irgendeinem peripherischen, Massen Modeludentum, sondern aus den Juden des Gesetzes, deren große Masse einen noch heute unvergleichlichen Konservatismus darstelle. Die Sitzung am Mittwochvormittag war zunächst der Präge der Gründung einer A g u d a h - W e 1 t b a n k mit einem Kapital von zwei Millionen (ioldmark gewidmet. Das Referat hielt Herr Leo W re s c Ii 11 e r. Die Dank soll mit dem Domizil Amsterdam und Merlin und unter dem Namen „Allgemeine Kreditbatik A.-ü." ins Lehen gerufen werden. Zweck der Dank ist es, den durch die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit am schwersten betroffenen jüdischen Handels¬ und Gewerbetreibenden, die ihres Betriebskapitals durch die Inflation beraubt wurden, zu einer Wiederaufrichtung ihrer Existenz zu verhelfen und ihnen die Haltung des Sabbaths zu ermöglichen. Den Abschluß der Sitzung bildete eine Manifestation für das Thorastudlum. Rabbi Sc ha piro, Pietrkow, der Initiator der „Jeschlwath Chachmej Lublln", hielt eine flammende Ansprache. Es folgten der zeremonielle Abschluß des Talmudtraktates „Zebachim". 51111011 Angehörige der Agudas Jisroel in der ganzen Welt absolvieren täglich ein Dlatt Talmud. Die Manifestation in der Sitzung fand gleichzeitig in zahlreichen Orten, in denen Agtidah-Ciruppen bestehen, statt. Auf Vorschlag des Vorsitzenden des Zentralrates, Oberrabbiner Lewin (Rzeszow), wurde der Oherrabblner von Ra ss- .1 r a bl e n . R B b bl Z i r e I s 0 Ii 11 (Kischinew), der der Präsident der ersten Knessio Qedaulo war, zum Präsidenten der zweiten Knessin Qedaulo unter stürmischem Deifall durch Zuruf gewählt. Oberrabbiner Zirelsolm übernahm mit einem Ausspruch des Dankes das Präsidium. woraufhin die Versammlung von Oberrabbiner Fürst (Wien), vom Pinsker Raw. vom Kommerzialrat Dr. Siegmund Bondy und vom Sokolower Rebbe begrüllt wurde. Im Namen des Geschäftsführenden Ausschusses erstattete dessen Voritzender, Rabbiner Dr. Plnchas K o Ii 11 den D e r i c Ii t für die abgeIauIe 11 en sceIi s (1 eschäftsiahr e. Er kennzeichnet die Lage der Agudas Jisroel als nicht günstig wegen der starken, sich unmittelbar nach der ersten Knessio Qtdaulo gellend machenden Dezentralisierungsbestrebungen. Der Redner feierte die Jugend als die J'räger der weiteren Arbeit und dankte den Poale Agudas Jisroel für ihren Versuch, die sozialen Probleme im Sinne der Thora Hak'doscha zu lösen. Es sei der Agudas Jisroel in den sechs Jahren ihrer Arbeit gelungen, die Meinung über ihr Wesen und Wollen zu vertiefen. Es gäbe niemanden, der in seiner Emuiio weiter rechts stünde als Agudas Jisroel. Wir erklären aber heute schon feierlich, dalt keines der jetzigen Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses sich le in einen Kampf nach rechts einlassen wird. Qlaubt ein ganzes Land von uns abschwenken zu müssen, weil wir ihm nicht rechts genug zu sein scheinen, so ehren wir dies und warten. Ans dem Bericht geht weiter hervor, dalt das Erziehungswerk in den letzten sechs Jahren einen grölten Aufschwung genommen hat. Iii Polen selbst wurden ungefähr 250 Mädchenschulen mit insgesamt IS 000 Kindern erhalten. Die Gründung dieser Schulen fällt in die letzten drei Jahre. Auch in Litauen und Deutschland wurde eine große Anzahl von Elementarschulen geschaffen. Eine grölte Leistung war die erst in jüngster Zeit erfolgte Gründling der jüdischen Hochschule in Labiin. Bemerkenswert ist auch der Ausbau der Stellenvermittlungen in Deutschland für sabbathaltende Juden, die einen gro'ten wirtschaftlichen Kampf auszufechteti haben. Von 1923 1929 wurden insgesamt 5000 arbeitslose Juden in die Wirtschaft eingestellt. Ebenso fällt in die Zeit der Berichtsjahre der Aufbau einer religiösen Arbeiterorganisation der „Poale Agudas Jisroel", die den Klassenkampf negiert und die Lösung der sozialen Fragen im Sinne der Thora zu ihrem Programm erhoben hat. Dem Bericht schloff sich die Generaldebatte an. Von besonderer Bedeutung war das Referat des Vertreters der Poale Augdas Jisroel, Jatlkolewicz (Konin), der namens seiner Organisation die programmatische Erklärung des unbedingten Eesthaltens an Idealen und Zielen der Agudas Jisroel, abgab. Die religiösen Arbeiter lehnen den Klassenkampf ab und wünschen ein gedeihliches Schaffen im Geiste der Thora. Dr. Moses Auerbach (Herlin) schildert den Unterschied in der Konstruktion der deutschen Orthodox! 1' gegenüber der fast aller anderen Länder. Kaum ein Land hat eine so geringe Orthodoxie wie Deutschland. Dennoch scheidet sie sich in die verschiedenen Einstellungen, was von vielem Nachdenken zeugt. Etwa 95"., aller Prägen fänden eine gemeinsame Basis und nur 5",. etwa seien trennend. Seit Jahrzehnten bereits besteht der Wunsch innerhalb der deutschen Orthodoxie nach einer gewissen Gemeinsamkeit mit dem Osten. Wenige Länder haben so ernst und so eingehend ihre Verschiedenheiten gegeneinander verteidigt, wie die Orthodoxie in Deutschland. Sie ist wohl bis zur Selbstentäußerung gegangen, nicht aber bis zur Selbstzerfleischung. Für die Aufgaben der Gesamtleitting hat gerade die deutsche Landesorganisation insbesondere materiell stark gearbeitet. Dabei ist zu beachten, dalt Deutschland selbst verarmt ist. Dennoch ist zum Beispiel das gesamte Budget des Keren Hathora zu 40",, von Deutschland allein aufgebracht. (Lebhafter Beifall.) Zu Beginn der fünften Sitzung. Donnerstag, den 12. September. Hl Uhr. macht Rabbiner Dr. Pinchas Kohn Mitteilung von dem Hinscheiden des g ro i!e n Menschenfreundes und K ä m pfers für das Judentum Louis M a r s Ii a 11. Alle erheben sich von den Plätzen. Rabbiner Dr. Jung (Amerika) würdigte Marshalls Bedeutung als jüdischer Führer, als der größte und hingebungsvollste „Schtadlon" dieses Jahrhunderts. Er unterstützte Jcschiwoth, Beth Jaacobschulen, und er verstand es. die auseinanderstrebenden J'eile des Judentums für allgemeine iüdisehe Arbeit zu einigen. Auch die jüdische Orthodoxie werde Marsh.ills Andenken in hüiren halten. Uber das Erziehungswerk der Agudas Jisroel hält Herr Dr. Leo Deutschländer das Hauptreferat Wir müssen davon ausgehen, daß vor wenigen Jahrzehnten NO Wo der Judenhell sich absolut orthodox gefühlt und es als selbstverständlich betrachtet hat, die lugend 111 diesem Sinne zu ei ziehen. Daß dieses leider anders geworden ist, ist nicht bloß durch die allgemein bekannten kulturellen Veränderungen veranlaßt worden, sondern stärker vielleicht noch durch die Umwälzung der lüdlschen Massen, die w eitaus größer ist. als die größte Völkerwanderung, die die Geschichte bisher gekannt hat. Dieser inneren Entwurzelung der iüdischen Massen ist längst nicht genügend gesteuert worden. Die Agudas lisroel hat nach dem Kriege erkannt, daß dieses unsere dringendste Aufgabe ist und die damals erfolgte Gründung des Keren Hathora entsprach den Notwendigkeiten der Stunde. Der Referent sprach von dem Ausmaße der benötigten Summen. Allein auf den höheren Talmudschiilcn (Jeschiwaus Qewauhaus) lernen zur Zeit 15 000 Bachurim. Als monatlicher Zuschuß Wird durchschnittlich 10 Dollar benötigt. Dieses macht pro Jahr einen Bedarf von I soi 1000 Dollar aus. Das Knabenschulwerk zerfällt in ein schulpolilisches und ein pädagogisches. Wir hatten in den verschiedenen Staaten mit der Regierung jahrelang zu kämpfen gehabt um die Erlaubnis zur Portführung der Chedorim zu erhalten. Heute hat beispielsweise der polnische Unterrichtsminister die schriftliche Zusage gegeben, daß er dieses iüdisehe Schulwerk als lebensfähig und lebenswert betrachtet, und daß er die UntertütZUng desselben in voller Höhe gleich allen anderen Schulen strengstens angeordnet hat. Das Mädcbenschulwcrk wurde in wenigen Jahren von Grund aus aufgebaut. Wenn wir vor 5 Jahren in Polen 2000 Kinder von 40 Lehrerinnen unterrichten lieCcn, werden heute IS000 Kinder von ISO Lehrerinnen unterrichtet. Wir besitzen 147 Schulen, jedoch sind aus 600 Orten Gesuche um Errichtung von Beth Jaacobschulen eingegangen. Es handeil sich um 50000 Familien, die uns zurufen: „Rettet unsere Kinder!" Das Jahresbudget des großen Lehrerinnenseminars betrug I92S 151 000 Dollar. Auf die Besprechung dieses Referates folgte dann die Aussprache über den vielumstrittenen § A (Aufnahme gleichstrebender Organisationen) gewidmet. Herr Jakob Rosenheim leitete die Debatte mit eitler Darlegung der bisherigen Behandlung dieser Frage innerhalb der Agudah ein und kündigte an, daß nach Beendigung der

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