Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 3f Feiertage ersucht, für welche Schulbefreiung der Kinder am allerdringlichsten sei. Darauf gaben die Adventisten als ihren einzigen Feiertag den Sabbat, die jüdischen Vertreter Rausch Haschono und Jaum Kippur als die heiligsten Tage des jüdischen Kalenders an; dementsprechend wurde entschieden; den jüdischen Schülern wurden die Herbstfeiertage konzediert , Adventisten sollten allsabbatlich von der Schule fernbleiben dürfen. Hei dieser ungleichartigen Verteilung der Zugeständnis, drei Tage im Jahre für die Juden, etwa vier/ig für Adventisten war wohl auch die Erwägung mit inabgebend, daß die weitgehende Bewilligung für die numerisch ja sehr schwachen Adventisten doch nur in seltenen Fällen die unerwünschte Störung des Schulbetriebes zur Folge haben würde. Als aber dann dem Ministerium der Nachweis erbracht wurde, dali das Religionsgesetz selbst keinen Unterschied macht, daß vielmehr die im selben biblischen Kapitel angeordnete Heiligung aller Sabbate und Feste auch die gleiche religiöse Wertung aller für heilig erklärten Tage verlangt, und dali tatsächlich viele Juden alle diese Tage durch Schließen ihrer Geschäfte und Synagogenbesuch feiertäglich begehen und es als üewissensbedrückung empfinden, wenn sie ihre Kinder an dieser Festtagsweihe nicht teilnehmen lassen können, hat sich die oberste Schulbehörde zum Erlaß der oben erwähnten Verordnung veranlaß! gesehen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Erlali für uns Juden von hohem ideellen Werte ist. Durch ihn ist nicht nur ein Zustand beseitigt, den wir als einen Verstoß gegen das Reichsgesetz, das jedem Staatsbürger das Recht freier Religionsübung garantiert, empfanden, man darf darin vielmehr auch eine Sanktionierung des Sabbats durch die Autorität des Staates erblicken. Die Regierung erkennt an, daß der Sabbat ein Grundgesetz des Judentums ist; sie gestellt dem Judentum den Anspruch auf Respektierung dieses jüdischen Grundgesetzes zu. Und wie wir seinerzeit glücklich waren, als durch die Aufhebung des Schächtverbotes im Jahre 1910 von unserer, der rituellen Schlachtmethode, das Odium tierquälerischer Grausamkeit genommen wurde, so erfüllt es uns jetzt mit dankbarer Freude, dali von nun ab der Staat dem vierten dein >t unseres Dekalogs seinen Schutz angedeihen lälit. Die Genugtuung aber darüber, dali sich die Idee der Gerechtigkeil und Duldsamkeit in unserem Staate als siegreich i rwiesen hat, braucht durch den (iedanken an die Auswirkung der neuen Verordnung nicht beeinträchtigt werden. Sie wird sich voraussichtlich in der Praxis nicht als so einschneidend herausstellen, wie man vermuten könnte. In anderen Hundesstaaten gilt ja das Recht, am Sonnabend der Schule fernzubleiben, schon seit Jahrzehnten; es ist aber überall nur selten davon Qebrauch gemacht worden. In den Städten mit zahlreicher gesetzestreucr jüdischer Bevölkerung hat man, trotz der in den öffentlichen Anstalten von jeher an standslos bewilligten Hefreiung am Sabbat die Gründung und Erhaltung eigener jüdischer Schulen für erforderlich gehalten Abgesehen von der Erwägung, dali religiöse Beeinflussung im Sinne des Judentums und vertieftes jüdisches Wissen in einer jüdischen Schule in ganz anderem Ausmaße gegebei weiden kann, hat man sich auch gesagt, dali doch nicht jeden Kinde zugemutet werden kann, auf ein Sechstel des Wochen Unterrichtes zu verzichten oder es auf privatem Wege nach zuhplen, dali auch nicht jedem Kind soviel innere Kraft und Widerstandsfähigkeit zugetraut werden darf, dali es sich übei die Peinlichkeiten hinwegsetzen kann, die sich aus seinem Fernbleiben aus der Klasse an einem Tage, an dem die Käme raden arbeiten, ergeben, ohne an jugendlichem Frohsinn Ein bulie zu erleiden. Dergleichen darf eigentlich nur dann gewagt werden, wenn die religiöse Atmosphäre des Elternhauses eine das Kindesgemüt so stark beeinflussende ist, dali es geradezu stolz, darauf ist, um seines Judentums willen ein gewisses Martyrium auf sich zu nehmen. Alljährlich, wenn ich von Eltern für den Kaufmannsstand bestimmter junger Menschen um die Vermittlung von sabbatfreien Lehrlingsstellen ersucht werde, höre ich es aus dem Munde erfahrener und um die religiöse Zukunft ihrer Kinder besorgter Väter und Mütter, dali sie eine Anstellung nur in solchen Hetrieben wünschen, die selbst am Sabbat geschlossen sind, dali sie aber für die Standhaftigkeit ihrer Kinder fürchten, wenn sie als einzelne in Geschäften von der Sabbatarbeit befreit werden, die am Sonnabend offen gehalten werden. So wird auch die Existenzberechtigung und die Notwendigkeit unserer hiesigen jüdischen Schule durch die begrüßenswerte Ministerialverordnung nicht berührt. Diese Verordnung ermöglicht dem besonders begabten Schüler die Sabbatheiligung, gibt ihm aber eine schwer lösbare Aufgabe auf und stellt seinen religiösen Überzeugungsmut auf eine harte Probe, die jüdische Schule hingegen erzieht ihren Zögling zum Sabbat, ebnet ihm die Straße zu seiner Heiligung und räumt ihm alle Hindernisse aus dem Weg. Es darf aber die Hoffnung ausgesprochen werden, dali die gesetzestreuen Schüler, welche Klassen oder Schulgattungen (wie etwa Fortbildungsschulen) besuchen, die die jüdische Schule nicht führen kann, den Mut aufbringen, von der neuesten Errungenschaft Gebrauch zu machen, und dali sie sich bemühen, darin ihrem Judentum zur Ehre zu gereichen. Sie sollen den Nachweis erbringen, dali der ihnen zur Ruhe und zur Heiligung als freier Tag gewährte Sabbat sie zu verdoppeltem Fleiß an allen lagen der Woche anspornt, so dali sich aus dieser Neuordnung der Dinge keine andere» als segensvolle Konsequenzen ergeben. Die zweite Kenessio Gedaulo in Wien Am Dienstag, den in. September (5. rillul), nachmittag wurde in Wien die zweite Kenessio Ucdaulo (KonureLI der Weltorganisation Aiaidus Irnich hei Anwesenheit von Hunderten von Delegierten und zahlreichen Qästen feierlich-eröffnet L'mer den Delegierten befinden sich etwa 150 Rabbiner, unier ihnen die höchsten Autoritäten auf dem Gebiete des religiösen indischen Schrifttums, sowie eine Anzahl prominenter Rabbis, die in der CbassidlnvWelt hohe Verehrung neideten. j| her Vorsitzende des QeschSftsfQhrenden Ausschusses der Anudas lisroel, Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, eröffnete den WeltkongreB mit einer Anprache, in der er u. u. in einem feierliehen „Jiskor" der zahlreichen indischen Märtyrer gedachte, die in den letzten Wochen in Palistina für Kiddusch Haschern (Heiligung von Qottes Namen) gefallen sind. Rabbi Lew in aus Rzeszow erhob Hammenden Protest neuen die Angriffe arabischer Horden aui die Juden in Palästina, die nur (liedlicher Arbeit und frommen Taten leben wollen. Mit großer Spannung horte das Plenum die kurze p r og r a m m a - tische Erklärung Jakob Rosen hei ms über die Palästina-Arbeit der AgUdaS .lisroel an. Ks gehört, saute Herr Rosetihehn, ein besonderer Mut für den glfiubigen Menschen, in Palästina zu leben. Palästina wird genannt: ,,Pesach Schaar Hascbomajim", das Tor des Himmels, Wenn schon sonst der glftubige Mensch in seinem Lehen peinlich daratti achtel, sich von jeder Sünde fernzuhalten, so wird er um so starker an heiliger Stelle auf Pflicht* erfüllunn und Reinhaltung seines Lehens bedacht sein. Was nibl uns luden den Mut dazu, uns im Paläste des Künins aufzuhalten? Es ist die Mizwas lisehuw Erez .lisroel. Dieses hat vom ersten Taue an unsere Politik für das Heilige Land bestimmt. All das, was dazu angetan ist, das Lehen im Heilinen Lande zu ermönliehen, und zwar in einer Weise zu ermöglichen, die unseren jüdischen Idealen entspricht, sind wir verpflichtet, mit allen Kräften zu fördern. Hie äußeren politischen Geschehnisse können uns nur wenin tangieren, denn für uns ist die LMnwaudcruun und das Lehen im Heiligen Lande weniger ein