Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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13. September 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEMDB ZU LEIPZIG Seite 3 nehmen lassen, die in milderer Tonart von dem Geltungsbedürfnis oder gar der Herrschsuchl der um alles sich kümmernden Rabbiner reden, und die gröber noch cl;is Gespenst einer Klerikalisierung des Judentums an die Wand malen. Ihnen sei bemerkt, daß es sich in Wahrheil um einen Aufruf in il i e R a b b i n e r u n cl d i e f ü r i h r e A u s b i I d u n g verantwortlichen Stellen handelt, die diesem Zweige ihres Wirkens noch nicht die genügende Beachtung schenken. Niehl um Ehren und nicht um d;is Regieren geht es, sondern um tätige, schwierige Arbeit im Dienste des Judentums, Als ich vor einigen Jahren;ds Vertreter deutscher Organisationen dem jüdischen allgemeinen Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels in London beiwohnte, war ich unter einer Fülle von Delegierten;uis allen Landern der Welt fast der einzige Rabbiner. In jenen Stunden erkannte ich, wie dringend notwendig eine Änderung der Stellungnahme der Rabbiner nicht nur in Deutschland zu den sozialen Problemen ist. Denn in der Behandlung der damals erörterten Fragen fehlten alle jene Gesichtspunkte, die ihr Kenner jüdischen Wesens und jüdischer Geschichte hätte vorbringen müssen, und es blieben nur die rein sozialen und rein politischen Momente Übrig, die zur Grundlage von Beschlüssen werden, die lediglich dem Bedürfnis des Tages genügen konnten. Das im ein/einen zu begründen, ist hier nicht die Stelle, aber in dieser wie in vielen anderen Materien und das geht über das rein soziale Gebiet weit hinaus ist es ein Schaden für die Sache, wenn der Rabbiner nicht mitten im l eben steht, wenn er nicht durch seine Mitarbeit die vergänglichen Dinge des Tages mit den ewigen Ideen des Judentums und seiner Geschichte verbindet und ihnen dadurch ihre jüdische Bedeutung gibt. Mendelssohn-Tage in Dessau Eine deutsehe Staatsregierung und die Verwaltung der Hauptstadt vereinigen sich mit Oer Israelitischen Kulturgemeinde, um einen großen Juden zu feiern. Die öffentlichen Gebäude prangen im Flaggenschmuck. In den Abendstunden erglänzt das Rathaus In der Lichtflut der Scheinwerfer; die silbrigen Strahlen der Brunnen in den Anlagen der Stadt glänzen in die Dunkelheit hinein. Drei Tage hindurch stein die Stadl Im Zeichen der Ehrung ihres Großen: sie ehrt sieh selbst In einem Feste, über dein sichtbar der Geisl des Weltweisen Mcndelsohu schwebt, „Toleranz", so nannte es die Zeit, die Im Geis) wieder lebendig ersteht: Zusammenwirken in gemeinsam erstrebten Zielen, gegründet In der gegenseitigen Achtung vor dem reinen W ollen auch der Andersdenkenden, das ist der erhebende Ton, der durch alle diese Stunden hindurchklingt. Das ist wohl das Beglückende an dieser Feier, daB In ihr die Moglichkeil eines Stchfindens auch verschieden gerichteter Menschen gezeigt wird. Lüne Hoffnung auf die wirksame Macht des Geistes. Wie die Feier von Instanzen vorbereite! ist. die in den Aufgaben des Lehens jede ihre eigene Mahn geht, so auch setzt sich die Gemeinde der Feiernden ans geistig cigengerichteten Kreisen zusammen, geeint in dem Höheren des Suchens nach dein Rechten, dem Wahren und Edlen. Führende Männer und Krauen der Wissenschaft und der Kunst, Vertreter der Religionsgemeinschaften, der politischen Behörden, des Wirtschaftslebens ans allen feilen Deutschlands, und mit besonderer Genugtuung unter ihnen bemerkt, eine stattliche Zahl derer, die den Namen ihres Ahnen mit Stolz tragen, haben sich ein Stelldichein gegeben, tun dafür ZU ZCUgen, daB das W erk Moses Mendelssohns fortlebt Vielleicht nicht so sehr der wissenschaftliche Ertrag seiner Arbeit. Aber doch der sittliche Gehalt seines Schaffens, herausgewachsen ans der sittlichen Persönlichkeit des jüdischen Denkers. Ein glücklicher Gedanke, die Feierstunden mit Lessings Dichtung der Toleranz einzuleiten: Nathan in der Maske Moses Mendelssohns Ober die künstlerische Darbietung der dramatischen Dichtung sind die Meinungen geteilt Aber der Ausklang des Prologs (von Arnold Zweig), mit dem die Stimmung eingeleitet wird, trifft die Stimmung, mit der sie genossen wird: In einer Gegenwart voll „Gebrodel, Wirrnis und Gefahr, . . . Tiefe, Aufruhr und Übergang" seufzen wir Heutigen manchmal nach der gütigen, klaren Festigkeit iener Zeit die „Ansatz zur Hinte und unsägliches Blühen" bedeutete. Nathan- Mendelssohn spricht: Brüder, liehet einander. W ir Inden dürfen stolz sein auf diesen Sol......iserei Gemeinschaft Denn er ist ans unserer l ehre heransuewachsen. Muidch- SOhn hat sich mit seinem Sch iiten in den Dienst der Menschcn-Gesamtheit gestellt Er tat es als Jude. Die religiöse Feier in der Hess au er Synagoge soll diese Tatsache unterstreichen. Ans der rttora wird ein Stück des Wochenabschnittes verlesen: in ihm Rndel sich das Motto, das die gesamte sittliche und geistige Persönlichkeit Mendelssohns kennzeichnet: dem Rechten, dein Rechten sollst du nachjagen. In vortrefflicher Rede stellt der Landesrabbiner Dr. Walter dieses heilige unablässige Streben nach dem Reinsten und Höchsten dar, wie es indische 1 ehre im Menschen verkörpert wissen will. Die meisterhafte Wiedergabc von Psalmen-Vertonungen und liturgischer Gesänge durch unseren Leipziger Oberkantor Lampe!, unseren Synagogenchor unter Leitung seines Dirigenten Harnet Licht (an der «»rucl unser < ruanist Kantor Hiller1 neben der Leier eine eindrucksvolle Weihe, die machtvoll jüdische und nichtjüdische Teilnehmer packt. Erweckt die religiöse Feier im Hilde des .Inden Mendelssohn den ersten Quell zum Verständnis für sein inneres Wachsen, so macht die am Sonnabend Nachmittag in der staatlichen Gemälde-Galerle eröffnete Gedächtnis-Ausstellung die geistigen Ausstrahlungen dieser Persönlichkeil lebendig. Sie ist unter den Gesichtspunkt gestellt: Der Weise und seine Zeit. Beginnt wiederum mit Zeugnissen des Kulturstandcs seiner Heimatgemeinde und stellt uns mitten hinein in das geistige Leben seiner Zeit in Bildnissen, Werken und Handschriften der Männer der Aufklärung, Philosophen und Ästheten, der Vertreter der Toleranz und der natürlichen Religion, des deutschen Judentums und des Zeitalters Friedrichs, im Mittelpunkte Immer wieder Mendelssohn in einer wohl lückenlosen Saminlung von Lrst- und späteren Ausgaben, zeitgenössischen und späteren Bildnissen, Gemälden und Graphiken. Auch fehlt nicht eines jener Porzcllanstückc (Affen) der Berliner Manufaktur, deren zwanzig Mendelssohn pflichtmäßig bei Erlangung des Heiratskonsenses ankaufen mußte (Besitzer: Franz v. Mendelssohn-Berlin), Hei Eröffnung der Ausstellung beton! der Präsident des Staatsministcriums Deist, daB in Anhalt triiher als in anderen deutschen Ländern die gegenseitige Duldung verwirklicht worden ist und d.iii sie heute erst recht Richtschnur des neuen deutschen Volksstaates ist und bleiben soll. Vom Geiste der Duldung und der bleibenden Bedeutung Mendelssohns wird dann auch gelegentlich eines Tees, der auf Einladung der Israelitischen Kultusgemeinde Dessau im Anschluß an die Eröffnung der Ausstellung in den Räumen der Gemäldegalerie gereich! wird, in mannigfacher Form gesprochen. Hervorzuheben die ßcgrüBungswortc des Staatsministers a. D. Dr. Cohn (Vorsitzender der Kultusgemeinde), Rechtsanwalt Dr. Klee für den Preußischen Landesverband. Oberlandesgerlchtsral Dr. Neumeyer für die Verbände süddeutscher Gemeinden, Dr. Li Kahn für die Gemeinde Herlin. Prof. Dr. Sobern heim für die jüdischen wissenschaftlichen Organisationen, Rabbiner Dr. Fr eude n th a I-Nürnberg (einer der früheren Dessauer Laudesrabbiner): eine seltene Reihe ncistit ungemein großangelegter Ansprachen, alle Im höchsten Maße würdig des GroBen, den sie feiern. Ein Mendclssohn-Bartholdy-Konzert, vom Orchester des Friedrich-Theaters mit Prot. Kulenkampff als Solisten hervorragend ausgeführt dient als Zeugnis dafür, daß auch in Mendelssohns Nachkommen geniale Kräfte wirken, die das Menschenverbindende in reinster l orin pflegen. Den Abschluß der offiziellen Leiern bildet die Morgenfeier in der Mittagsstunde des Sonntag, die das Staatsministerium veranstaltet. AN ein sichtbar Bleibendes soll aus diesen Gedenktagen eine neue M endelssohn-Stif! U n n für die d C U tSCh e Wissenschaft nachwirken, deren Errichtung durch die Häuser Mendelssohn & Co. In Berlin und Amsterdam mit einem Grundstock von einer Viertelmillion Bürgermeister Hesse bekanntgibt Die Stiftung wird ihren Sitz in Dessau haben: aus ihren Erträgnissen sollen, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, Vertreter des deutschen Geisteslebens die Mittel /ur Durchführung ihrer Forscherarbeiten sowie zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse gewähr! werden, sollen unbemittelte deutsche Studierende, die nach Anlagen und I eistungen