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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-09-06 · 36 (6.9.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 (ii:,Mi:iNDi:iil Al l PKK ISKAKI I I ISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 3< Puerto-Jlppamfe, » fynp.Pr den Eintritt durch die schmale Pforte, die der Sturm der französischen Aufklärung in den kleinbürgerlich-ängstlich verschlossenen Bereich des damaligen geistigen Deutschlands geöffnel hatte. Trat aber ein Riese durch diese Pforte, so mußte er, wie Simson gegen die zu engen Pfeiler drängend, die \\ mern /um Einstürzen bringen, so den Blick für beide unendlich erweiternd: den Außenstehenden den Zugang und die reilnahme an der deutsehen Kultur eröffnend, den Deutschen selbst den Aspekt für ein Menschentum, für dessen Jahrtausende alte Qesittung, Religion und Werte sie in den SJirankcn fast mittelalterlicher Vorurteile keinen Bliek hatten. Weniger dem Werke als dem Schicksal Mendelssohns ist zuzuschreiben, daß dieser Durchbruch, der den Eintritt der luden in die deutsehe Kultur bedeutet, hat geschehen können, weniger seiner Philosophie als seiner Aristie. Wenn es auch nullt an Stimmen fehlte, die in ihm „den Philosophen von Deutschland" (Chr. Qottfr. Schütz) sahen, wenn auch unter diesen Stimmen die Kantische und Lessingsche waren, von denen der letztere in Mendelssohn einen /weiten Spinoza sieht, ..dem zur völligen Oleichhcit mit dem ersteren nichts als seine Irrtümer fehlen werden", wenn endlich unter diesen Stimmen die der Berliner Akademie ist, die seine Arbeit der Kantischen rzog historisch wirksam wurden seine Schriften nicht nur darum, weil ihr Inhalt von besonderer Feinsinnigkeit, ihn Gedanken von besonders durchsichtigei Klarheit und riefe waren, sondern vielmehr erst durch die erstaunliche Tatsache, daß ein Jude schöpferisch am Oeiste der Zeit teilnehmen konnte, ein Jude in einer Sprache schrieb, von der man wußte, daß er sie nur erlernt hatte. Was bewundernswert s< hien, war nicht die einmalige und einzigartige Begabung, rn vielmehr gerade der paradigmatische Sinn dieser i inung, die sich in einem Medium auswirkte, das als ihr -fremd bis dahin gegolten. Die prinzipielle Möglichkeit \ ederholung solchen Schicksals: dieser Oedanke mußte für die rationalistisch und unhistorisch eingestellte Zeit von l( nder Tragweite sein. Denn eine Zeit, die ihr sittliches Ziel in der Proklamieruni,' der Menschenrechte sah, konnte diese nicht einem Manne versagen, der dem übereinstimmenden Urteil der Zeitgenossen nach wie keiner dazu berufen war. die Würde dieser Rechte /u tragen, konnte sie aber auch nicht der Gemeinschaft versagen, in der dieser Mensch stand. Wäre Mendelssohns Schicksal das Spinozas gewesen, das nach dem tiefen Doppelsinn des Lessingschen Wortes ein „Irrtum" war, es wäre nicht notwendig gewesen, einer Gemeinschaft, die er verließ, Konzessionen zu machen; große Männer konnten auch, insonderheit nach der Meinung der Zeit, schließlich gleichgültig wo geboren werden. Aber als Mendelssohn im Streite mit Lavatei in jener eindrucksvoll ruhigen, gewissen und sclbstvcrstäml liehen Weise sein Verbleiben im Judentum begründete, höch stens mit dem Beiklang, daß für ihn subjektiv solche Begrün dung gar nicht not täte: „Die Religion meiner Väter will nich ausgebreitet sein ... Wer nach unserem Gesetz nicht geboret ist, darf auch nicht nach unserem Gesetz leben. Uns alleil halten wir für verbunden, diese Gesetze ZU beobachten, um dies kann unseren Nebenmenschen kein Ärgernis geben .. Sobald wir andere von unserer Meinung nicht überführen wol len, so ist das Streiten unnütz'' (Schreiben an Lavater). „In welcher glückseligen Welt würden wir leben, wenn all« Menschen die Wahrheiten annähmen und ausübten, die die besten Christen und die besten Juden gemeinsam haben'' (an Bonnet, 1770) als endlich derselbe Mann, der von sieh sagen konnte: „Ich habe das Glück, so manchen vortrefflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben", dieser Mann, der der Vertraute und Freund berühmter Zeit genossen, persona grata der Fürsten war als er es für das Wesentlichste fand, das Pcntatcuch ins Deutsche zu über setzen und damit die Grundlagen einer deutschen Sprachkultur für die Juden zu schaffen da konnte die Zeit nicht die tiefe Verbundenheit leugnen, die der Mann mit den Seinen, sein Schicksal mit dem seines Volkes hatte, da begriff selbst diese nüchterne Zeit, in welchem Augenblicke das Volk der Juden sich befand, als ihm die Schieksalsstunde seines Mendelssohn schlug ... begriff die Zeit und beugte sich der Forderung der Stunde. Freilich, sie konnte ihn nicht missen, diesen Mann, der der ganzen Aufklärung die Losung gab in den schlichten Worten eines Briefes: „Die höchste Stufe der Wahrheit ist unstreitig: (Tutes zu tun. Spekulation ist eine niedrigere Stufe, die zu jener führt" (an Frh. V. Ferber, Sept. 1777). mit diesen Worten den Kern seines eigenen Wesens und Tuns enthüllend: daß er den Erfolg seiner Schriften, insbesondere seines Phaidon-Dialoges über die Unsterblichkeit weniger einschätzte als das beispielhaft sittliche l eben, das er zu führen gestrebt hatte. Daß die Philosophie zu einem solchen l eben verpflichte, daß der Wahrheitsgehalt der philosophischen Erkenntnis in der Versittlichung des Lebens sich rechtfertige, daß weiterhin die Rechtfertigung des maßgebenden Einflusses, der der Philosophie die Zeit einzuräumen gewillt war, eben darin liege, ob wirklich sich auf Grund jener aufklärerischen Ideen ein Wandel in der Struktur des Daseins, ein Wandel im Verhältnis des Individuums zur Gemeinschaft, seine Gewissensfreiheit sich erzielen lasse das waren Ideen der Zeit, die die Mendelssohnsche Philosophie aussprach, und die als unvergängliche Bildungselemente in das Bild der Zeit eingingen. Aber zugleich waren es Wesenselemente jüdischen Geistes, die damit in die Zeit eingingen, und die Mendelssohnschen Ideen, die sich in seinem Geiste nur auf dem Mutterboden seines jüdischen Daseins geformt haben, sind der erste Einfluß jüdischen Wesens in die geistige Sphäre der Deutschen: ein Fluß, der sich alsbald in einen fast zu sehr reißenden Strom verwandelte, als die beginnende Emanzipation nicht nur die Mauern der Verbannung sprengte, sondern auch zugleich die Dämme, zwischen deren Sicherung allein jüdischer Heist in den Kosmos des menschlichen strömen kann. Aber das ist ein Sachverhalt, für den Mendelssohn keine Schuld trifft. Es liegt nicht in der Hand des Menschen zu wandeln, daß die Gnade des Schicksals zugleich ein Verhängnis birgt. fSTO^WERp( Kakao Schokolade i Pralinen

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