Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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September 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 wird, über das man sich hinwegsetzen lernen muß, um den Renschen nur noch als Menschen zu betrachten. „Wer die iffentliche Glückseligkeit nicht stört, wer gegen die Qesetze,;egen euch und seine Mitbürger rechtschaffen handelt, den aßt sprechen, wie er denkt, Oott anrufen nach seiner oder einer Väter Weise, und sein ewiges Heil suchen, wo er es ii finden glaubt." Er verkennt gewiß nicht die sittliche 'flicht des Menschen, zur Oberwindung von Irrtümern und Vorurteilen beizutragen. Aber „nicht alle Vorurteile sind von gleicher Schädlichkeit". Insoweit sie der menschlichen Wohlfahrt nachteilig sind, wie etwa Fanatismus, Menschenhaß, Verfolgungsgeist, müssen sie von jedem Menschenfreunde iiigegriffen werden. Jene Oberzeugungen aber, die als höhere iheoretische Orundsät/e „von dem Praktischen ZU weit entfernt sind, um unmittelbar schädlich ZU sein", dürfen nicht öffentlich bestritten werden, das hieße, „ohne das Gebäude /u unterstützen, den Grund durchwühlen". Die Forderung der Gewissensfreiheit, die Mendelssohn theoretisch so tief begründet, praktisch so entschieden vertreten hat, scheint in unseren Tagen erfüllt. Wenn Mendelssohn noch die Beseitigung aller durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft bedingten Ausnahmegesetze anstreben mußte, die Lehr- und Lernfreiheit und die Freiheit der Meinungsäußerung gesetzlieh gewährleistet sehen wollte, so sind heute alle diese Grundsätze verfassungsmäßig durchaus anerkannt. Aber wir sind noch nicht so weit, daß auch überall im öffentlichen Leben nach diesen Grundsätzen verfahren wird. Die Besetzung von Lehrerstellen an den Universitäten und Schulen, die Berufung von Richtern und Beamten und vieles andere geschieht noch heute und gerade in unseren jüngsten Tagen wieder in bedenklicherem Maße keineswegs lediglich nach rein sachlichen Erwägungen. Auch heute noch werden Juden trotz fachlicher Eignung nur um ihrer Zugehörigkeit zum Judentum willen ferngehalten, wenn auch nicht verkannt werden soll, daß es doch um einiges besser geworden ist als es vor dem großen Kriege war. Recht weit aber entfernt sind auch wir Heutitjen noch von jener wahren Gewissensfreiheit, die Mendelssohn im Sinne hat. wenn er verlangt, man solle am Menschen nur den Menschen beurteilen. Rückstände aus überlebten Grundsätzen werden im öffentlichen Leben immer nur allmählich ganz ausgeschaltet werden. Aber es bedeutete doch einen wesentlichen Fortschritt, wenn das, was man vom Staate fordert, von Gruppe zu Gruppe, von Mensch zu Mensch ernster geübt würde und dadurch die moralische Unterstützung solcher Bestrebungen nachdrücklicher gestaltet würde. Wo aber gibt es unter den Parteien den Grundsatz der Meinungsfreiheit? Ist sie Grundlage gesellschaftlichen Lebens? Wie selten finden sich Menschen rein menschlich zueinander, die in verschiedenen Lagern stehen, indem sie trotz der abweichenden Überzeugungen einander menschlich gelten lassen! Mit stolzem Glück weist Mendelssohn darauf hin, wie innige Freundschaft er mit einem stattlichen Kreise von Nichtjuilen pflegen konnte: wie wenige wahre Juden, die tief in ihrem Judentum verwurzelt sind, sind heute mit wahren Christen, denen ihre Religion ein Stück ihres Seins bedeutet, in enger Verbindung? Und innerhalb des Judentums selber? Ist man zu der Höhe der geistigen und seelischen Bildung vorgesehritten, die Aul den Tod von Moses Mendelssohn 'Du* BflVttCf erwarten Mendelssohn an der MimmclsplWtc. Nach einem Kupferstich unbekannten Ursprunp> aus der SammhlBf llcrrmann Mc\er, Berlin das Kleinod, die Freiheit zu denken, auch an dem Andersdenkenden neidlos bewundert? Die 200. Wiederkehr des Tages, au dem der große Erwecker Mendelssohn geboren wurde, soll uns seine Gedankenwelt wieder näher bringen. Sie ist wohl in Einzelheiten überholt; ihre Grundlagen verdienen auch heute noch Beachtung. Darum: lesen wir wieder Mendelssohn! MOSES MENDELSSOHN: EIN MANN DER AUFKLARUNG Von Dr. Mauritius Kahn Ks ist nur ein Mendelssohn Immanuel Kant Es mag ein Zufall sein, daß im gleichen Jahre, in dem Lessings epochale (iestalt in die Welt der Deutschen hineingeboren wurde, ebendiese Welt, aber gleichsam von außen und durch eine bis dahin sorgsam verschlossene Pforte, der Jude Moses Mendelssohn betrat. Aber es ist gewiß kein Zufall, daß sich diese beiden gleichaltrigen Männer, fraglos die größten der deutschen Aufklärung, nicht nur begegnet, sondern auch freundschaftlich verbunden hatten. Dieser Bund ist vom beiderseitigen Schicksal fast eindeutig gefordert: der Dichter sah in diesem Juden die leibhaft gewordene Gestalt seiner dichterischen Konzeption, er begegnete unter den Lebenden seinem Nathan, den er vielleicht nur darum hat schaffen können, weil er Mendelssohn begegnet war, und der Denker fand in Lessings Werk das Instrument, dessen er bedurfte, damit seine Gedanken wirksam werden konnten, fand und lernte bei dein gewaltigen Sprachschöpfei der Deutschen, selbst ein Fremder, die Sprache, deren Meister er wurde. ' 1 Denn die souveräne und schöpferische Beherrschung der deutschen Sprache, das war allerdings die Voraussetzung für