Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 (;i:Mi:iNI)i:BI.ATI DKk ISRAELITISCHEN REUGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer ganze literarische Arbeil um den einen Pol: clor (icist der Menschen muH aufgehellt, Bildung des Qeistes und des Helzens muß verbreitet und vertieft werden, damit alle jene Irrtümer timl Vorurteile schwinden, die noch immer zu liebloser Behandlung von Qruppen der Mitmenschen führen. Das ist der tiefeie Sinn seiner Forderung nach der Vollkommenheit des Menschen: die reinere Erkenntnis, zu der die Menschen geleitel werden sollen, wird sie auch sittlich emporführen und wird den Haß, der sie so oft noch trennt, überwinden lassen, wird sie lehren, im Menschen den Bruder /u finde« und ZU lieben. So ist e> nur folgerichtig, wenn sich sein letztes Denken um den einen Gedanken der Qewissensfreiheit konzentriert. Der Mangel an Fähigkeit, dem anderen die Freiheit des Andersdenkens zuzubilligen, trägt schuld daran, daß man dem luden mit Verachtung begegnet. Die Menschen müssen aber Moses Mendelssohn Nachweinen! Kupferstich [aus der KuiiMsammlunn der Judischen Gemeinde, Hcrlin vnn Frisch. einsehen, daß die Verschiedenheit im Denken in der Natur des Menschen begründet ist; „keiner von uns denkt und empfindet vollkommen so wie sein Nebenmensch". Es ist des Menschen ..edelstes Kleinod, ... die Freiheit zu denken". Und darum keine schönere Aufgabe als die, dieses Kleinod zu wahrer Schätzung zu bringen. Die ganze Not dessen, dem das Recht eigener Oberzeugung ru ht zugestanden wird, lastete auf dem Juden. Mcndelssohn mußte sie in ihrem ganzen Drucke verspüren, als der Züricher Lavater ihn öffentlich aufforderte, die Beweise für die Wahrheit des Christentums zu widerlegen oder aber „zu tun. was Klugheit, Wahrheitsliebe, Redlichkeit zu tun heißen". Denn dieser Versuch dir Bekehrung wurzelte in der Anschauung \<m dein Rechte der herrschenden Kirche, den Andersgläubigen in seinen Freiheiten einzuschränken, ihm dagegen die volle Qleichheit zu gewähren, sobald er sich zur Religion der Mehrheit bekehrt. Dieser äußere Anlafi rief bei Mendelssohn eine ungemein tiefe Analyse der rechtsphilosophischen Anschauung hervor. Sie führt ihn /u dem Ergebnis, daß „weder Kirche noch Staat ein Recht haben, die Qrundsätze und Gesinnungen der Menschen irgendeinem Zwange zu unterwerfen". Meinungen Über ewige Wahrheiten hangen nicht von unserem Willen ab. Dem Menschi n kann es deshalb bloß zustehen, sie zu untersuchen, einer strengen Prüfung zu unter werfen, nicht aber Zustimmung zu erzwingen. Ein gewisse- Recht auf Zwang haben Staat Und Kirche auf Qrund eine Vertrages der Menschen, die in der Gemeinschaft zusamnui leben. Sie haben dem Staate Macht übertragen, damit er füi das Zusammenleben geordnete Bahnen sichere. Ihm steh demnach das Recht zu, den Menschen zur Erfüllung der Lei stung anzuhalten, und auch mit Zwang anzuhalten, auf dit der Mitmensch Anspruch hat. Doch erstreckt sich diesei Zwang nur auf Handlungen. Und nur auf jene, die für dii Beziehungen zwischen Mensch und Mensch oder Mensch und Natur notwendig gefordert werden müssen. Nie und nimmer jedoch auf Meinungen. Denn es widerspricht der Natur, dali Menschen zur Anerkennung von Anschauungen gedrangt werden sollen, die ihrer inneren Oberzeugung nicht entsprechen Man mag irgendein Gesetz beobachten, dessen Zweckmäßigkeit einem nicht einleuchtet, sich einer staatlichen Maßnahme fügen, deren Notwendigkeit man nicht einschen kann. Bei alledem würde man aber nur seinen Willen zu beugen haben. Ganz anders bei der Überzeugung von einer ewigen Wahrheit: hier folgen wir lediglich einem von unserem Innern unwiderstehlich erhobenen Gebote, und nichts in aller Welt darf sich die Gewalt anmaßen, diese Stimme zu unterdrücken. Diese Allgewalt menschlicher Überzeugung muß von den Menschen ehrfurchtsvoll geachtet werden. Das gilt in gleicher Weise für den Staat wie für die Kirche. Und das ist die große Forderung, für die sich Mendelssohn mit aller Leidenschaftlichkeit einsetzt. Denn noch wollen Staat und Kirche nichts von der Freiheit des Denkens wissen. Noch halten sie sich für befugt, „mit Grundsätzen und (iesinnungen Vorzüge, Rechte und Ansprüche auf Personen und Dinge zu verbinden und den Einfluß, den die Wahrheitskraft auf das "Erkenntnisvermögen hat, durch fremde Einmischung zu schwächen." Es dürfte auf Personen und Dinge „keinerlei Recht geben, das mit Lehrmeinungen zusammenhinge und auf denselben beruhe; das die Menschen erlangen, wenn sie in Absicht auf ewige Wahrheiten gewissen Sätzen beistimmen, und verlieren, wenn sie nicht einstimmen können und wollen". Mendelssohn geht folgerichtig vor, wenn er diese Forderung in gleicher Weise wie gegenüber dem Staate auch gegenüber der Kirche erhebt und dabei sehr nachdrücklich auch den Verzicht auf Zwangsmittel von Seiten der Rabbiner verlangt. Vielleicht sprechen dabei auch Empfindungen, die ihn persönlich bewegten: beim Erscheinen seiner Pentateuchübersetzung hatte ein heftiger Kampf von Seiten einiger Rabbiner eingesetzt, die in einer solchen Verdeutschung eine Gefahr für den Bestand der alten Tradition erblickten. Mendelssohn mußte daran denken, daß auch im Judentum der Bann angewendet worden war, um abweichende Lehrmeinungen zu unterdrücken. Und er findet scharfe Worte für solche Einengung der (iewissensfreiheit. „Gehl die Unglücklichen alle durch, die von jeher durch Bann und Verdammnis haben gebessert werden sollen Les.r, welcher äußerlichen Kirche, Synagoge oder Moschee du auch anhängst, untersuche, ob du nicht in dem Haufen der Verbannten mehr wahre Religion antreffen wirst als in dem ungleich größeren Haufen der Verbanner." Das Urteil ist hart; aber Mendelssohn will mit ihm den Fanatismus treffen, den er als unvereinbar mit wahrer Religion erachtet. Er bezeichnet es als einen Wahn der Völker, „dali Religion nur durch eiserne Macht erhalten werden könne, als einen inneren Widerspruch, „wahre Begriffe von Gott, der, nach unser aller (ieständnis, die Liebe ist, nur durch die Wirkung des Hasses mitteilen" zu lassen. Wahre Religion brauche selbst Vertreter anderer Lehranschauungen nicht zu scheuen, solange sie nicht zu böswilligen Störungen schreiten. Wie in bezug auf die Religion, so fordert Mendelssohn ganz allgemein ein Recht auf Meinung. Die Philosophie des IS. Jahrhunderts soll mit ganzem Gewicht dahin wirken, daß der Unterschied der Lehren als etwas Gegebenes erkannt