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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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10. August 192'.t GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Sozialarbeit muß er beeinflussen, jede Politisierung, jeden pareimäßigen Einfluß vom Fiüsorgeamt fernhalten und immer die Fürsorge als das erhalten, was sie im letzten Qrunde ist ind bleiben muß, als einen Teil der religiösen Arbeit! Daneben gibt es auch ein/eine Gebiete, auf denen der Rabbiner die gesamte Arbeit mit allen ihren kleinen Anfordeungen leisten soll. Dazu gehört vor allem alles Vertrauliche. Bei dem heutigen Umfange der sozialen Tätigkeit läßt sich die Fürsorge leider nicht in dem Maße vertraulich gestalten, wie es der Fall sein sollte. Ein beschränkter Kreis von Fürsorgern, Ausschußmitgliedern und Bürobeamten wird immer von den einzelnen Fällen Kenntnis erhalten, und wenn auch damit keine Beschämung des Bittstellers verbunden zu -ein braucht, fühlt er sich doch dadurch bedrückt, daß ein gewisser Kreis von Personen um seine Not und die ihm gewordene Hilfe weiß. In allen Sonderfällen, in denen auch diese geringfügige Verbreitung wegen der Eigenart des Falles und wegen der Person des Notleidenden vermieden werden muß, ist es Aufgabe des Rabbiners, vermittelnd einzugreifen und /u helfen. In der kleinen und mittleren Gemeinde wird er diese Pflicht allein erfüllen können, in der großen Stadt muß er Mitglied des wohl überall bestehenden Ausschusses für vertrauliche Hilfe und sein ausführendes Organ sein. Auch hier ist es die religiöse Seite der Sozialarbeit, das Qebot, jede Beschämung fernzuhalten, die seine Mitarbeit dringend erforderlich macht. Weiterhin ist sein alleiniges Arbeitsgebiet die AnstaltsfürSorge in Qefingnissen und Krankenhäusern, wobei bemerkt sei, daß überall, wo kein Rabbiner vorhanden ist, der jüdische Religionslehrer seine Stelle einnehmen muß. Es hat sich ein müßiger Streit darüber entsponnen, ob das Judentum eine Seelsorge kennt oder nicht. Ob der Begriff sich historisch nachweisen läßt, mögen die Herren Theoretiker unter sich ausmachen. Dali aber Seelsorge in Anstalten auch für Juden unbedingt erforderlich ist, erweist die Praxis, mag auch die jüdische Seelsorge sich von der christlichen dadurch unterscheiden, daß sie andere Grundlagen und andere Ziele hat, daß sie vor allem auch die soziale Hilfe mit einschließt. In eigentümlicher aber notwendiger Verbindung verlangt sie seelische Erhebung und erzieherische Werte, Ewigkeitsgedanken und irdische Hilfe, religiöse Gläubigkeit und soziale Oesinnung. Daß ihr also auf Grund seiner Ausbildung und seines sonstigen Wirkens der Rabbiner allein in erster Reihe gerecht werden kann, ist selbstverständlich. Der tiefere Einblick, den ihm sein Studium nicht nur in die religiösen Fragen, sondern vor allem in die Geschichte des Judentums gibt, macht auch seine Mitwirkung überall dort notwendig, wo in die soziale Arbeit das Problem des Ostjüdischen hineinspielt. Der Rabbiner ist dort eher als andere in der Lage, die Dinge von der hohen Warte des gesamten Judentums und der ganzen Vergangenheit aus zu sehen, die Menschen in ihrer besonderen Kulturciustelhing und den aus ihr sich ergebenden Anschauungen zu verstehen. Er unterliegt weniger den Lockungen der Stunde, die in Ostjudenfragen Neigung und Abneigung auf Grund deutschpolitischer oder jüdischpolitischer Dogmen in jenen bildet, denen eingehende Kenntnisse der jüdischen Gesamtlage und der jüdischen Geschichte fehlen. Der Rabbiner kann am leichtesten Objektivität und den Sinn für die wahre Gerechtigkeit sich bewahren. (Schluli folgt.) Frau Regina Pfeiferblüth s. A. Killen Nachruf, eine Trauerrede, einen "TDOfl wie es hebräisch heiBt, hielt mau und Mit man noch heute in altlQdlschen Kreisen nur Koryphäen ihr talmudischen Gelehrsamkeit, einzelnen berühmten Wohltätern, fast nie einer Frau .... Das segensreiche Wirken der seilet hervorragenden, Irommen Jüdin blüht, mit dem Schleier der Sittsamkeil verhüllt, im Verborgenen zu Lebzeiten und wird auch nach ihrem Tode nicht zu laut Öffentlich gepriesen. Bekannte Tatsachen brauchen nicht bewiesen EU werden, (icitl weil! um die «Uten Werke, den Menschen haben sie wohlgetan, und das Andenken der Qerechten wird und bleibt ein Segen für die Gemeinschaft, W ir können es verstehen, dal! Frau Regina Pfeflerblüth, die so tief im Judentum wurzelte, so viel Verständnis für Sinn und Sitten der Alten halte, gewünscht hat. man möge ihr nach ihrem Tode keinen Nachruf halten, ihre Lebensarbeit nicht mit viel Worten preisen. W enn wir hier doch einige Zeilen dein Andenken dieser Frau widmen, so geschieh) es nicht, um zu erzählen, w a s sie getan hat. sondern w i e sie es getan hat! Nicht um sie. die Ueberbescheldene, die nie Pank und Lob für ihr Tun haben wollte, zu feiern und zu verherrlichen, sondern um uns. die wir doch irgendwie ihre Arbeit fortsetzen müssen, zu erbauen und zu belehren. Soziale Arbeit ist Qottlob modern. Viele sind berufen, aber wie wenige sind auserwähll und begnadet, wahrhaft wohltutun: Leid zu lindern. Tranen zu trocknen. Menschen besser und glücklicher zu machen. Krau Regina Pfeiferblüth, dieser schlichten Frau, war es gegeben seit ihrer frühesten Jugend, allen Menschen, die ihr nahekamen, Beraterin, Trösterin. Helferin. Freundin zu sein. Wie brachte sie es fertig, welche Qeheimmittel hatte sie. um so vielen soviel, um ledem das. das ihm fehlte, «eben, um allen etwas sein zu können? Wie einst die Schüler Rabbi Jochanau hen Sakkais, als sie angeben sollten, was den Menschen auf den Pfad der Tugend führt, so nennt jeder, der diese Frau gekannt hat. eine andere Eigenschaft, die sie befähigt hat, so zu sein und zu wirken. — Sie hatte ein «Utes Auge, das liebevoll in jedem Menschen den «uten Kern entdeckte, sie war eine so gute, so zuverlässige Freundin, eine so hilfsbereite, treue Nachbarin. Sic hatte die Voraussicht, das Kommende zu seilen, den Weitblick, Möglichkelten der Milte für ihre Schützlinge zu erspähen: und sie hatte das gute Herz, das bekanntlich nach dem Ausspruch des grollen Lehrers und Meisters alle vorher genannten CiKciiaclialtcii ihII einschließt, Von einer tiefinnerlichen Frömmigkeit, Qott mit dem ganzen Herten, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen hellend, sah sie in allen Menschen (iotteskinder, liebe Brüder und Schwestern. Pas Leid des Bruders, der Schwester weckte bei ihr nicht das übliche Mitleid, sondern sie empfand es in seinem vollen Umfange als ihr eigenes Leid. Parum konnte sie. wie keine andere, die Seele der Armen verstehen: ihre Scham und ihren Schmerz, ihre Sehnsüchte und ihre Hoffnungen. Darum war es ihr so natürlich, wie uns anderen das Atmen, sich für jeden einzelnen mit ihrer ganzen Persönlichkeit einzusetzen, für seine grollen und kleinen Nöte Abhilfe zu suchen, und selbst unberechtigten und unerfüllbaren Wünschen noch liebevolles Verständnis entgegenzubringen. — Die einen glaubte sie besonders liebevoll betreuen zu müssen wegen ihres ehrwürdigen Alters, die anderen wegen ihrer hoffnungsvollen .lugend. Wie soll man aber mit wenigen Worten schildern, was ihr die jüdische Mutler. das jüdische Kind galt? Wie rühmte sie ledc Wöchnerin als so ganz besonders T1333. jedes Neugeborene als Unbeschrien engelschön! Alles, was man Rühmliches dem Frauen- Verein „Ruth" nachsagt, es war ihr eigenstes Werk, entsprang fast immer ihrer Initiative, ihrer grollen mütterlichen Liebe zum jüdischen Kinde. Marie von Ebner-Cschenbach sagte: Die Kinderlose hat die meisten Kinder. Auf keine Kran trifft dieses Wort mehr zu als auf unsere Frau Regina Pfeflerblüth. Wie könnten wir Leipziger Jüdinnen Regina Pfeiferblüth für all ihr Tun und Mühen anders danken, als indem w ir mit vereinten Kräften das zu leisten versuchen, was dies Qenie der Wohltätigkeit alkin fertigbrachte! A.N. ^P^fc H^^^S^^P M M MJHVMA Jk § tUt^A äk Zähne §Wf€ wM-i/tT§i *£\ Z. AH Nr MC* III skää.s£Ss ml^M ^PSfWk. ^FM* m^^^r^^L ii^f II II m tamer. Elb. I.....

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