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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 3i war, nicht mehr winkt. Auf der anderen Seite ist aber der Sinn für die alte Form der sozial eingestellten Wohltätigkeit, wenn wir die Zedoko so nennen dürfen, in weiten Kreisen ganz geschwunden. Sie wird nicht mehr als Leistung betrachtet, zu der ein jeder verpflichtet ist, sondern als eine (iahe, die man aus dem Überfluß" freiwillig darreicht, und die dm Beschenkten zu Dank verpflichtet. Von dem Rechte der Bedürftigen auf Hilfe ist schon überhaupt keine Rede! Aus dem Zusammenwirken dieser beiden Tatsachen, der bedr< hlichen Proletarisierung mit ihrer Mehrung der Aufgaben und dem Rückgang des Willens und der Kraft /ur materiellen Leistung ergibt sich die Schwierigkeit unserer Tage, die noch dadurch stark vermehrt wird, daß die alte Zedoko die persönliche, erzieherische soziale Tätigkeit nur in ganz geringem Ausmaße kannte, während die Arbeit von beute schon aus Gründen der rationellen Verwendung der Mittel und der Sorge t'm dii Zukunft ihrer nicht entraten kann. Du aus ergibt sich nun, w arum der Rabbiner der sozialen Arbeit sein ganzes Augenmerk zuwenden muh. Zwei Anschauungen stoßen zusammen. Die alte Zedoko ringt eben mit dem modernen sozialen Sinne! Und wenn sie auch in Wahrheit in ihrem ursprünglichen Werden und Wollen gar nicht so weit auseinandergehen, stellt sie die moderne Zeit in einen Gegcnsatz, der ihren Formen fraglos eigen ist. Gefährlich ist nun diese Neigung, die diesen Gegensatz zu einem solchen zwischen Religion und modernem Empfinden überhaupt vertiefen will. So schwer es ist, in die russischen Verbältnisse einen klaren Blick zu tun, so sicher ist doch, daß die Feindschaft der indischen Sozialisten und Kommunisten aller Schattierungen i^ui den jüdischen Glauben nicht so unendlich tief wäre, wenn die Religion und ihre Vertreter, die Rabbiner, es verstanden hätten, zur rechten Zeit auf die Mitarbeit bei der Lösung der sozialen Probleme Wert zu legen und tätig einzugreifen. Für die Richtigkeit dieser Auffassung gibt es noch andere Heispiele. So ist die auffallende Stärke der Austrittsbewegung in Wien, wo bekanntlich gerade die ärmeren Schichten der Bevölkerung dem Judentum den Rücken kehren, bestimmt darauf mit zurückzuführen, daß die Rabbiner den rech- W eg zu tätiger sozialer Arbeit innerhalb des jüdischen Proletariats trotz ihres besten Willens nicht haben finden können. Die notwendige Mitarbeit des Rabbiners in allen sozialen Bestrebungen hat darum zunächst einmal auch einen formellen Charakter. Sie bedeutet, daß Sozialarbeit nach jüdischer Auffassung eine der wichtigsten Aufgaben der Reliüberhaupt ist. Sie soll dem in bestimmten Kreisen geflissentlich genährten Vorurteil entgegenwirken, als ob die jucli^i he Religion eine „kapitalistische" Angelegenheit sei, ein Sehnt/ für die Reichen, der für die Träger des Eigentums eintritt und die Armen mit billigem Tröste abspeist. Ebcnse wichtig aber, wie daß der Rabbiner sich das Vertrauen aller Unterdrückten erwerbe, ist auch, daß er seine Autorität zugunsten der modernen Sozialfürsorge mit allen ihren Methoden und Zielen in jenen Kreisen einsetzt, die noch auf die alte Zedoko schworen, die aber meist auch sich vom Rabbiner belehren und leiten lassen. Man darf den Wert solcher Taktik nicht unterschätzen. Die bereits berührte Entwicklung der katholischen Sozialfürsorge beweist, daß das Beispiel des Seclsorgers Wunder wirken kann, sowohl im Hinblick auf die Erhaltung des religiösen Charakters der Kreise, die der Sozialfürsorge bedürfen, wie auch auf die innerliche Umstellung der I reunde alter Zeiten und veralteter Methoden. Auch sachlich wird des Rabbiners Arbeit vor allem dein Ausgleich im Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen gelten. Er wird unermüdlich auf die Erhaltung der alten Zedokogesinnung sein Muhen wenden und wird den modernen Ideen, den Erziehungstendenzen vor allem, ihr Recht im jüdischen Anschauungskreise zu schaffen haben. Beiden sind Vorteile eigen, die es zu verstärken gilt, und beide haben Nachteile, die zu mildern Aufgabe gerade des Rabbiners seil wird. Wirkt die jüdische Zedoko darum oft in ihrem Extrem schädlich, weil sie seelisch weniger an den Beschenkten ab an die Pflicht des Gebers denkt und darum blind die Gaben verteilt, ohne Rücksicht auf Nutzen und Schaden, so neigt die systematisierte Sozialfürsorge stets zum Unpersönlichen und Mechanischen, das schließlich zur kalten Bürokratie führt. Damit ergibt sich für den Rabbiner durch seine Stellung, die ihn zwar über die Parteien erhebt, die ihn aber auch mitten in das Leben, in die Massen mit ihren religiösen Bedürfnissen und sozialen Sorgen stellt, eine ihm eigene Aufgabe. Posith muß er die Zedokogesinnung unter Erhaltung ihrer jüdischen Eigentümlichkeit im Sinne der sozialen Fürsorge beeinflussen, und negativ muß er in der Sozialarbeit alles Schematisieren und Bürokratisieren, alles Unpersönliche und Kalte, fernzuhalten oder ZU überwinden helfen. Und darum, weil gerade er für diese ausgleichende Tätigkeit kraft seiner Ausbildung, die ihn mit altem jüdischen Geiste ebenso erfüllen soll wie mit modernem Empfinden, der rechte Mann ist, muß der Rabbiner mitten in der Sozialfürsorge stehen und arbeiten, muß er Mitglied jeder für ihre Teilaufgaben eingesetzten Kommission sein, muß er zu der Verwaltung aller ihrer Institutionen in einem Verhältnis stehen, das ihm einen Einfluß gewährt. Wie schwer dieser Ausgleich zwischen Altem und Neuem oft sein kann, sei an dem Beispiel der „Hachnossas Kallo", der Brautausstattung aufgezeigt. Die Vertreter der überlieferten Anschauung wollen jedes jüdische Mädchen der religiösen Vorschrift gemäß verheiraten, die neueren Anschauungen prüfen aber, ob die zu schließende Ehe im Hinblick auf den Gesundheitszustand der Brautleute und die Erwerbsmöglichkeiten Aussichten auf Bestand und Lebenshefriedigung bietet. Oft genug habe ich es in den Verhandlungen des Fürsorgeausschusses und auch der Vereine erlebt, wie hier die Gegensätze sich schroff gegenüberstanden, wie die einen Zuschüsse für Eheschließungen erbaten, von denen es klar war. daß sie nicht zum Segen ausschlagen konnten, so daß sie von den anderen energisch bekämpft wurden. Wie oft muß man sich mit jenen auseinandersetzen, die für das Gebot von Hachnossas Kall«» überhaupt keinen Sinn haben und meinen, Halt es überhaupt nicht nötig sei, das Heiraten durch Bereitstellung von Mitteln zu unterstützen. Gerade den Rabbinern kann es hier gelingen und es glückt ihnen auch tagtäglich , die der jüdischen Sitte Entfremdeten davon zu überzeugen, daß man für Brautausstattung und Heiratsbeihilfe Geld zur Verfügung stellen muß, und die Freunde der Oberlieferung dazu zu bringen, daß sie nicht jede Eheschließung gutheißen, sondern daß sie kritisch auch die Zukunftsaussichten prüfen. Der ausgleichende Geist der Tätigkeit des Rabbiners ist auf allen Gebieten der Fürsorge von unendlichem Segen, auch auf dem der Wand er für sorge, wo man die Zedoko am meisten fürchtet! Scheint sie ja dort als Sondereinrichtung geradezu geschaffen zu sein, um das blinde und wahllose, unverständige Geben zu überwinden, das den Hang zum Wandern und zum Schnorren angeblich züchtet. Aber auch hier ist die Mitarbeit des Rabbiners als Vertreter der Religion am rechten Platze. Leidet doch die Wanderfürsorge mit ihrer Neigung zum Reglementieren und zum Abschieben, mit ihrer Unkenntnis der ewig wechselnden Menschen, ihrer Schicksale, ihrer Seelen, mit ihrem kleinlichen und kleinlich machenden Mißtrauen, das in jedem Petenten zunächst den Betrüger erblickt, am allermeisten unter der Last der seelenlosen Bürokratie. Daß auf anderen Gebieten seine Mitarbeit noch weniger entbehrt werden kann, nämlich auf allen, die erzieherischen Blick voraussetzen, wie Berufswahl, Berufsberatung, Kinderfürsorge in jeglicher Form, bedarf keines besonderen Hinweises. Selbstverständlich wird er bei der Fülle der Gebiete und der Aufgaben nicht überall mit verwalten und die Kleinarbeit des Tages mit verrichten können. Aber den Geist der

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