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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-08-23 · 34 (23.8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
34 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer | rung. Der Umfang ihrer Lieferungen für den Staat ist nicht mehr genau festzustellen, aber sie sind offenbar eine unentbehrliche Klasse für ihn und werden trotz aller Vorwürfe, die ihnen angehängt werden, von ihm gehalten. Hehlerei, Betrug durch Weiterverkauf von Silbersachen, Verschleppung von guten Münzen ins Ausland, dadurch entstehende Verschlechterung der Geldwährung sind die üblichen Anwürfe. Die Regierung gibl nicht viel auf diese Beschuldigungen, selbst wenn einzelne Fälle von Unredlichkeit dazwischenlaufen. Brühl schützt die Münzjuden, da er sie für die Aufrechterhaltung des Geldumlaufs und für das Geldgeschäft nicht entbehren kann. Neben den Münzjuden, welche die Gründer der I eipziger Gemeinde sind, werden in Dresden als eiste die sächsischen Hofjuden ansässig. In Leipzig ist es die Familie des Münzjuden Oerd Levy, in Dresden die Familie I eh mann Meyer, welche die den Juden verschlossenen Tore der Niederlassung durchbricht. Koitzsch gibt eine eingehende Darstellung der Geschichte und des Schicksals dieser Familien, gegen deren Niederlassung sich natürlich die schärfste Opposition von allen Seiten her erhebt. Die Erteilung von Privilegien an sie, die Zahl ihres Gesindes wird auch von Regierungsstellen heftig bekämpft. Der Kampf findet einen gewissen Abschluß im Judenmandat des Jahres 174h. I - ist sehr interessant, wie Koitzsch die Entwicklung, die zu diesem Mandat, besonders seit dem Landtag von 1734 führt, schildert, den Kampf, den Brühl mit den judenfeindlichen Instanzen führt, die geschickte Diplomatie, mit der er unter scheinbarer Nachgiebigkeit die judenfeindliche Bewegung in seinem Sinuc lenkt und dadurch erfolglos macht. „Denn ihren Erfolg, völlige Entfernung oder auch nur fühlbare Verminderung der Juden, kann er nicht wünschen. Will er nicht als Hofmensch und ein bißchen auch als Sohn der Aufklärung. Darf er nicht; die Geldnot Sachsens, durch den Zuschnitt des Hofes und die Großmachtpolitik unvermeidlich, verbietet es einfach." So hat denn auch das Mandat, das offiziell der Einschränkung der Juden in Sachsen dienen sollte, in Wirklichkeit die Ansiedlung nur geordnet, nicht unterbunden. Das wirtschaftliche Interesse, das Brühl und das königliche Haus mit den Juden verbindet, siegt über alle Gegenströmungen, über die Enge und engherzige Zunftanschauung der Bürger und besonders auch über die religiöse Unduldsamkeit der Geistii heu, welche die Ausübung des jüdischen Kultus nicht gestatten und Gotteshaus und selbst einen Friedhof nicht zulassen will. Dem Kampf um die Anlegung eines jüdischen Friedhots in Dresden sind die letzten Abschnitte des Werkes gewidmet. In einem kurzen Nachwort wird dann noch dargelegt, wie d i Siebenjährige Krieg alle gesetzlichen Bestimmungen über di< Juden zunichte macht und einen groben Zustrom derselb i herbeiführt, der später durch Ausweisungen wieder eingedämmt wird, so daß zuletzt nur die festgewurzelten Famiii n im Lande verbleiben. Brühl lebt da nicht mehr, seine Ma. i ist aber vorher schon gebrochen. Sein Bild durchzieht als d is eines ausgesprochenen Judenfrcuudcs das ganze Buch vi n Koitzsch. Diese Freundschaft wird ihm nicht leicht gemacht. Er hat die ganze Welt gegen sich: die Kaufleute, die Innungen, die Stadträte, die Stände, die Geistlichkeit, fast alle I stanzen seiner eigenen Regierung. Nur das Kammerkollegiu n mit Hen nicke an der Spitze teilt die Ideen des leitenden Ministers. Daß man die Haltung Brühls durch Bestechun j zu erklären suchte, ist begreiflich; sein Bild wird ja noch immer in der Geschichte Sachsens nicht gerade mit hell« n Farben gezeichnet. In Wirklichkeit ist es aber die Politik, die seine Stellung zur Judenfrage beeinflußt; die Sorge um dm Staat und um die Volkswirtschaft sind die Triebfedern fi seine Duldsamkeit den Juden gegenüber. Ob die Toleranz der Aufklärungszeit dabei mitspielte, bleibt dahingestellt; sie kommt vielleicht darin zum Ausdruck, daß er die Angriffe auf den jüdischen Kultus einfach ignoriert oder vernünftig zi: rückweist. Die jüdische Geschichte darf es Koitzsch nicht bloll dankbar anrechnen, daß er das Bild Brühls in so charakteristi sehen Zügen ohne Vorurteile dargestellt, sondern auch eine unerschöpfliche Fülle von Material für die Einzeigeschicht der Juden in Sachsen und selbst außerhalb Sachsens geböte hat. Sein Werk wird außerdem für die Wirtschafts- und Kul turgeschichte der Juden fortan eine der wichtigsten Quellet bilden. Ich kann diesen Dank für die Leistung, die er in s> staunenswertem Fleiße und so sorgsamer Gewissenhaftigkeit vollbracht hat, nicht besser zum Ausdruck bringen als in den Wunsch, daß er das noch nicht verwertete Material zur jüdi sch.cn Geschichte, das sich in seinen Händen befindet, gleich , falls der wissenschaftlichen Benutzung zugängig machen möge Unsere neue Zeitschrift für die Geschichte der Ju den in Deutschland, auf die ich bei dieser Gelegenheit das Interesse der Leser dieses Biattes ausdrücklich hinweisei möchte, wird gerne einen solchen Mitarbeiter zu den Ihrigei zählen. AUS DER JUDISCHEN WOHLFAHRTSARBEIT IN AMERIKA (Aus: Zeilsthr. f. jüd. Wohlfahrtspflege, 1929, Heft 4)' Die freie Wohlfahrtspflege in Amerika ist zum Unterschied von der öffentlichen stark entwickelt. Bis in die jüiiKste Zeit beschrankte sich die öffentliche Wohlfahrtspflege auf die unmittelbaren Unterstützungen, die von den örtlichen Armenverwaltungen in schematischer Weise gewährt wurden. I üeses unzulängliche System der Armenpflege hat ein starkes Mißtrauen in den weitesten Bevölkerungsschichten bewirkt. Es zeigte vidi vor allem darin, daß mau durch Solidergesetze einzelnen Gruppen von Hilfsbedürftigen die Unterstützung außerhalb der Armengesetzgebung gewährleistete. Erst in der letzten Zeit beginnt zum Unterschied zu der öffentlichen Fürsorgearbeit der Armenverwaltung eine staatliche Fürsorgearbeit für bestimmte Sondergebiete sich auszubilden (Fürsorgt für (leisteskranke. Rechtsbrecher, Strafgefangene usw.). Aus dieser Schwäche der öffentlichen Wohlfahrtspflege heraus ist die Entwicklung der freien Wohlfahrtspflege In Amerika zu verstehen. Die privaten Vereinigungen widmeten sich solchen Arbeitsgebieten, wo die öffentlichen Organe versagt haben. In jeder größeren Stadt Amerikas gibt es eine ganze Reihe von solchen Wohlfahrtsvereinen. Sie sind sowohl örtlich als auch konfessionell in Arbeitsgemeinschaften (Federatkms) organisiert. Neben der Festsetzung von Mindestforderungen an den Inhalt der Arbeit und der Vorsorge für die Bedürfnisse KtouiWe po<sJS&ßd. \ —a# _1 Pralinen

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