Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REUG10NSGBMBINDE ZU LEIPZIG Nummer | Gemeindeanlagen Die Gemeindemitgliedei, die mit der ersten Abschlagszahlung auf die Gemeindeanlagen für 1929 im Rückstände sind, werden um deren umgehende Entrichtung ersucht. Die Gemeindekasse Löhrstraße 10 ist werktäglich geöffnet von 9—I Uhr. Postscheckkonto Nr. 50533 I I I P/IG. DEN 20. AUG. 1959 Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig KURSACHSEN UND DIE JUDEN IN DER ZEIT BRÜHLS Zu dem Buche von Fritz Koitzsch Von Dr. Max Freudenthal, Nürnberg Wir jüdischen Geschichtsforscher begrüßen es gewöhnlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wenn nichtjüdische Gelehrte über jüdische Dinge schreiben. Wir freuen uns /war des Interesses an unserer Gemeinschaft und ihrer Geschichte, an der wissenschaftlichen Exaktheil und Sorgsamkeit, mit der die meist durch treffliche Methodik und Gelehrsamkeit ausgezeichneten Männer ihre Stoffe ZU bearbeiten gewohnt sind. Trotzdem haben wir von diesen Bearbeitern schon die allerschwersten Enttäuschungen nlebt, weil so viele von ihnen mit irgendeiner feststehenden Anschauung über Juden und Judentum an ihre Arbeit herangehen, Anschauungen, die sie von irgend woher genommen haben, entweder aus ebenso subjektiv fundameiitierten Werken oder gar aus dem Tagcslauf oder noch schlimmer aus irgend- 1 iner seichten parteimäßig eingestellten Schrift über jüdische Dinge. Diese Forscher haben keine Ahnung von dem, was wirklich Judenheit und Judentum bedeutet, verstehen nichts von der jüdischen Seele, nichts vom jüdischen (ieist und sind deshalb gar nicht in der l äge, das urkundliche Material, das sie bearbeiten, richtig zu werten. Es stellt dem Verfasser des hier ZU besprechenden Werkes schon von vornherein ein treffliches Zeugnis aus, daß er sich dessen bewußt ist, wie neben der w irtschaftlichen Seite, die im Vordergrund seiner Darstellung steht, doch auch noch ein (ieistiges und Seelisches in der Geschichte der Juden einherlauft, das nicht übersehen werden darf, wenn man ein wirkliches Gesamtbild der jüdischen Geschichte irgendeiner Zeit gewinnen will, und daß zur wirklich wissenschaftlichen Darbietung dieses Gesamtbildes zum mindesten amh die Kenntnis der einschlägigen jüdischen Literatur unbedingt erforderlich ist. Was die Arbeit von Koitzsch darum so besonders wertvoll macht, ist die schlichte Darbietung des geschichtlichen Materials ohne jede Voreingenommenheit und Einseitigkeit des Urteils. Wo Beurteilung und Kritik nötig sind, sind sie vorsichtig und zurückhaltend, mit verständigen Gründen belegt und nicht aus irgendeiner subjektiven Werteinstellung heraus geschöpft. Das Werk von Költzseh ist aus einer größeren allgemeinen Arbeit „über die religiösen Verhältnisse in Sachsen unter Brühl" herausgewachsen, bietet aber selber nur einen Teil des reichen Materials, das der Verfasser auch über jüdische Dinge gesammelt hat Ls stammt aus der Bearbeitung des Urkundenmaterials im Dresdener Hauptstaatsarchiv und Ratsarchiv. Die zur Bearbeitung benötigte Literatur, auch die jüdische, ist dem Verfasser wohl vertraut. Zwei Fragen waren es, die ihn interessierten: Wie kommen die Juden zur Ansiedlung in Sachsen, das ihnen so lange versperrt war, und wie stellen sich die verschiedenen Behörden, insbesondere der Ministei Brühl zu ihnen? Diese Fragen sind ein Teil des ganzen Fragenkomplexes der beginnenden Emanzipation der Juden sind aber hier von besonderem Interesse, weil die Leipz.igci Messe einen gewichtigen Anteil an der Neugestaltung dei jüdischen Geschichte in Deutschland und speziell in Sachsen hat. Sie ist der große Sammelpunkt der Juden aus Deutsch land, osterreich, Polen und weiterliegenden Ländern. Durch sie kommen die Juden in Beziehung zu den sächsischen Fürsten, ihrem Hof und ihren Behörden, gewinnen großen Einfluß auf die fürstlichen wie auf die staatlichen Wirtschafts¬ und Finanzverhältnisse und beeinflussen dadurch auch die ■öffentliche Stimmung, so daß sie allmählich aus Meßgästen in Leipzig feste Ansiedler im sächsischen Lande werden. Der Umschwung vollzieht sich natürlich wie alle geschichtliche Entwicklung nur langsam und unter großen Widerständen. Die Aufdeckung dieser langsamen Entwicklung mit ihrem Für und Wider, mit ihrem Vorwärts und Rückwärts, mit ihren freigesinnten und toleranten und mit ihren gehässigen und abweisenden Anschauungen, mit ihren Freunden und Feinden am Hof, bei den Behörden, beim Adel, beim Volk, in den Wirtschaftskreisen, bei den kirchlichen Vertretern, bei den Ge leinten und Literaten zeigt das Buch von Koitzsch in einem zahlreichen und außerordentlich interessanten und wertvollen Material auf. Die Siedlung von Juden in Sachsen wird natürlich durch Juden von auswärts eröffnet, und die Darstellung von Koitzsch beginnt deshalb zunächst mit der Schilderung der im kurfürstlichen Dienst stehenden auswärtigen Juden. Diese werden vom Hofe des Königs August III. zur Beschaffung von Geldern, Edelsteinen und Luxuswaren gebraucht; für den Betrieb dieser Geschäfte erhalten sie Freipässe, zur Belohnung werden sie Hoffaktoren und erhalten Niederlassungsrechte besonders für die Hauptstadt Dresden. Andere wiederum werden für die Münze gebraucht; sie müssen das Material zur Prägung der Münzen beschaffen. Alle aber sind notwendig, um Geld an den Hof und in das Land zu bringen, Geld, das bei der Üppigkeit des Hoflebens, bei den Unternehmungen in Polen und bei den fortwährenden Kriegszügen innerhalb und außerhalb Sachsens in maßlosen Strömen dahinfloß und immer wieder von neuem herbeigebracht werden mußte. Die ganze judenfreundliche Politik des Ministers Brühl ging nur darauf