Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ni. August 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSC.EMEINDE ZU LEIPZIG Seite refühle Iiis zu den höchsten künstlerischen Erlebnissen zu iteigern vermag, ist das russische. Dostojewski war Antisemit ius Kanzem Herzen, sublimierte aber seinen Masochismus zu inerhörtester dichterischer Leistung. Man weiß aus seinem iterarlschen Nachlaß, daß er sich eines Taues in eine systemaische briefliche Diskussion mit einem polnischen Juden einließ, die zum Schluß gar nicht zugunsten Dostojewskis ausiel. In Frankreich erreichte der Antisemitismus seinen Höheunkt nach der schweren Niederlage Im Jahre 1N7<>. Die ganze Ireyfuß-Affäre wäre undenkbar ohne den für Prankreich tui- [Iflcklichen Ausgang des deutsch-französischen Krieges. Heute?ibt es in Prankreich, mit Ausnahme von ganz unbedeutenden Manifestationen, die von royalistischer Seite herkommen, Dberlaupt keinen Antisemitismus mehr. Mit dem Sieg über Deutschland war auch dieses Problem endgültig erledigt. Die Engländer verhielten sich dem Judentum gegenüber in ihrer charakteristischen Art sehr klug. Sie bekämpften die Juden niemals, sondern machten sie unter der Patronanz Balfours zu ihrem Bundesgenossen, erw iesen sich derart als ihnen vollkommen ebenbürtig und hatten, wie man in der Folgezeit sah. nur Nutzen davon. Gab es vor l')l-4 in Deutschland eine ernst zu nehmende antisemitische Bewegung? Schlimmstenfalls eine halbliterarische, die sich aber praktisch niemals ausw irkte. Der geniale Jude Ballin war der erklärte Freund W ilhelm II. Juden waren zum großen Teil führend in der deutschen Literatur. Die Judenhelt fühlte sich wohl in Deutschland, war patriotisch, zog bei Beginn des Weltkrieges mit ebensolcher Selbstverständlichkeit ins Feld, wie alle anderen Deutschen. Lrst nach dem urolieii Debakel der Novembertage flackerten in deutschen Landen da und dort Progromflammen auf. Das unglückselige und ver- .■ibscheuuii^swürditfe Resultat war, daß Waltet Rathcnan meuchlings erschossen wurde ... Bemerkenswert übrigens, w ie sich immer und innner w leder Judenhaß und Bolschewismus heimlich die Hände reichen. Lud die perfideste Verdrehung Kauz einfacher psychologischer Tatsachen ist es, wenn mau das Judentum für die Seuche des Bolschewismus verantwortlich macht. Waren es die rassenreinen Juden, die den Kommunismus entdeckten? Ganz im Gegenteil es war das herostratische Werk etlicher Renegaten, die den Brand ihrer inneren Zwiespältigkeit in alle Well Hauen wollten ... Eine neue Theorie über den jüdischen Witz Im der psychoanalytischen Zeitschrift „Iiimko" veröffentlicht Theodor Reik. ein Schüler Siegmund Freuds, eine interessante Abhandlung Uber den jüdischen Witz, mit einer originellen Theorie. Ihm erscheint als das Typische des jüdischen Witzes die Selbstkritik, |a SelbstherabsetzunK. Er erinnert an die Darstellung von Inden und von Ifldischem Lehen. Wie sie von manchem Schauspieler, etwa von Eisenach, der Werbezirk u. a. gesehen werden, um diese Bloßstellung der eigenen Verächtllchkeit, diese manchmal grundlose Demonstration der eigenen Erbärmlichkell zu zeigen. Wie ist diese Sucht, sich herabzusetzen, zu erklären? Reik erinnert diese Stiehl an eine geistige Erkrankung, in welcher ein ähnliches Verhalten zn linden ist. d. i. In der Melancholie. Auch hier findet Herabsetzung stall. |)er Melancholiker schildert sein Ich als moralisch verwerflich und erbärmlich, macht sich schwere Selbstvorwürfe und beschimpft sich aufs härteste. Die Selbstanklagen steigern sich manchmal bis zum Paroxlsmus, wobei aber das ganze Benehmen des Melancholikers keine Spur von Scham über sich zcic't. sondern eher eine An lästiger Mitteilsamkeit. Die Psychoanalyse erklart nun dieses merkwürdige Verhalten der Melancholiker in der Weise, dal', diese Selbstanklagen eigentlich einem andern «eben, und zwar iener Person, durch welche dei Melancholiker eine schwere Kränkung oder Enttäuschung erfahren hat. Lr nimmt gleichsam darin besteht die Erkrankung diese Person in sich auf, und alles, was er gegen die Person zn sageil hat. bezieht er min auf sich selbst. Die Selbst vorwürfe und Selbstanklagen der Melancholiker gelten also in Wahrheit dem verlorenen Qblekt, das ins ich aufgenommen worden Ist. In derselben Laue Wie der Melancholiker befindet sich nun der lüde, der im Witz sich selbst herabsetzt: er meint Im Grunde nicht sich, sondern die Wirtsvölker, die er durch Selbstvcrhöhnung so /n treffen sucht. Wie der Melancholiker die Person, von der ihm Lnrechl geschehen Ist In der Verhöhnung, welche der indische Wüz gegen das eigene Volk richtet, werden in latenter Art .iber doch ihr das Unbewußte erkennbar die Wirtsvölker angeklagt und verspottet. Die Selbstkarikatur enthält Im Qehelmen die Schilderung derlenigen, welche das mannigfache Elend der .luden verschuldet haben. Es ist so. wie wenn der ludcnwitz sagen wollte: Seht, so sind w i r und i Ii r: oder: seht, zn wie kläglichen, schwachen, verängstigten und frechen, kleinlichen und gierigen Kreaturen ihr uns gemacht habt! Es steckt also in der Selbstherabsetzung eigentlich die Herabsetzung der anderen. Im zweiten Teile seiner Ausführungen ergänz! und vertieft Reik diese seine Theorie mit Argumenten ans Trends Lehre vom Witz. Trend hat gezeigt, daß der Witz auch eine Tendenz hat. und zwar die. eine Hemmung zu beseitigen. Per Witz gestattet uns. obszön. aggressiv, |a unvernünftig zu sein: und Reik zeigt, wie gerade Im jüdischen WM/ sieh dein Juden der Wck öffnet, zur l 'eberw inditii v des Respektes, und zwar allem gegenüber, selbst wie Reik .1 Witzen zeigt, dem Talmud und Qotl gegenüber. Die Überlegenheit über den Qegcnstand, die so errungen wird, einspricht aber nicht mehr der StiiiiunniK des Melancholikers, sondern dem Qegenteil, der des Manikers. des krankhaft Heiteren Trend hat gezeigt, daß die Manie denselben seelischen Inhalt hat, wie die Melancholie, nur daß hier in der Manie das Obiekt bewältigt erscheint. Ähnlich ist es nun beim jüdischen Witz: auch er fuhrt zur Befreiung des Ich von der grausamen Unterdrückung, unter der es so lange gestanden hat. Lud so vergleicht er schließlich das Zustandekommen des jüdischen Wiizes mit einein Wechsel von Melancholie und Manie, der in einem Augenblicke vor sich «eilt: gleichsam ein Momentbild en miniature der bekannten melancholischmanischen Erkrankung. Die Theorie Reiks ist. wenn auch originell und in vielem auf- Khlnßreich, im wesentlichen doch nicht überzeugend. Aber sie weist uns den fruchtbaren Weg zur Erforschung dieses interessanten (iebictes. indem sie auf die Abhängigkeil des indischen W itzes nicht nur von den licyebcuheiteu der jüdischen Psyche, sondern auch von den geschichtlichen Erlebnissen des indischen Volkes und deren Wirkungen auf die Seele dieses Volkes hinweist. KTOItWERCI-^ Kakao Schokolade 1 Pralinen