Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DKK ISRALLITISCHEN RKUC.IONSC.EMEINDE ZU LEIPZ1C. Nummer 31 geht aber das Wissen. Die jagende Mast einer Zeit, die so schweres Ringen um das Dasein aufzwingt, gestattet aber nicht vielen die Vertiefung in die Einzeldarstellungen. Das Wissen muß vielfach da entnommen werden, wo in knapper Kürze nur eben gerade das geboten wird, was als Frage auftauchte. So silu im das „Jüdische Lexikon" dazu berufen, vielen luden die Kenntnis und damit das stolze Bekennen zum |udentum neu zu vermitteln. Wir kennen so manchen, der bei jedem ihm unbekannten jüdischen Begriff zum „Lexikon" eift und sich gerne von dem einen zu vielen anderen leiten läßt um mit großer Befriedigung die stete Bereicherung seiner Kenntnisse zu genießen. Außerordentlich aber wird der Nutzen sein, den das Lexiin nichtjüdischen Kreisen schaffen wird. Eis gibt doch mehr Menschen außer unseren Weihen, als wir meist /n glauben geneigl sind, mit einer aufrichtigen Bereitschaft, jüdische Dinge i bjekth zu beurteilen. Sie werden im „Jüdischen Lexikon" ein vollkommenes Hilfsmittel zur ersten Orientierung besitzen. In öffentlichen Bibliotheken, in Redaktionsstuben, in Lehrerbüchereien und in den Handbüchereien der Schriftsteller, der Politiker, der Gelehrten und zahlreicher Qebildeter, überall, wo mau jedem begegnenden unbekannten Worte nachgeht, weiden diese Bände reiche Aufklärung verbreiten. Man wird erfahren, daß es Fälschung der Tatsachen war, wenn man den luden die Fähigkeit zur kulturellen Leistung absprach; denn man liest von all den jüdischen Persönlichkeiten, die in allen Gebieten der menschlichen Kultur anregend, fördernd und schöpferisch sich einen unvergänglichen Namen erworben haben. Ls weiden Vorurteile über unsere Lehre, über die Aus drucksformen jüdischer Frömmigkeit, über jüdische Rechts begriffe, jüdische Lebensgestaltung ins rechte Licht gestellt werden. Man wird objektiven Einblick iu das gegenwärtige lebendige Judentum nehmen können. Und das wird um s wertvoller sein, als die bisher zur Verfügung stehenden Nach Schlagewerke fast ausnahmslos sich nur auf das Judentum din Bibel und ik s ueutestaineniliclu n Zeitalters beschränkten, kann je auch nur auf die Zeit des Talmuds eingingen. Und docl sollte gerade das Urteil über die jüdische Qegenwaii befrei werden von all den Irrtümern, die bewußte Entstellung und ungewollte Verkennung hervorgerufen haben. Qroß ist dei Anteil, den wir Juden in Ländern und Städten am allgemeiner Leben nehmen, in den verschiedensten Berufen wirken Juden zum Besten Aller und wollen und fordern nichts anderes, als daß sie ungestört ihr Leben eingliedern können in das dei Umgebung, daß sie, unbehindert in ihrem Judentum, gewertet weiden lediglich als Menschen. So wird das „Jüdische Lexikon" wirken: festigend im Kreise unserer Gemeinschaft, klärend und verbindend in den Kreisen um uns herum. Die hunderte jüdische Gelehrte, die ihre Wissenschaft iu den Dienst dieser großen Aufgabe ge stellt haben, verdienen aufrichtigen Dank; und besonders "cbührt ein solcher dein Jüdischen Verlag, der dein Werke ein anziehendes Außere gegeben hat: der hervorragende reiche Bildschmuck unterstützt die ausgezeichnete Anordnung des trefflichen Druckes, um auch rein äußerlich die Benutzung des Lexikons zu einein Vergnügen ZU machen. DER ANTISEMITISMUS UND SEINE HEILUNG Von Heinrich Mann Soeben erscheint Im P. Zsolnay-Verlag In Wien das neue Werk Heinrich Manns: ..Sieben Jahre Chronik der Qedanken und Vorgänge", aus dein nachstehende Skizze entnommen Ist Die selbstbewußten Völker unseres Kulturkreises sind am wenigsten antisemitisch, her Antisemitismus beginnt dort, wo man au Erfolge nicht lange gewöhnt ist und die Stellung in der Welt noch als Problem empfindet. Kr artet aus. wo ein Volk geknechtet ist. Er erhält sich in mehr ider weniger bösartiger Form nach nationalen oder politischen Befreiungen, die /war im Addieren vollzogen, aber innerlich noch nicht erworben sind. her deutsche Antisemit, oder vielmehr der ..national" genannte Menschentyp, der die meisten Antisemiten stellt, war I ranzosenfresser, bis der Zw ischenfall eines deutschen Sieges über Frankreich ihn in dieser Hinsicht erleichterte. Er verlegte sich auf den Haß Englands, bis der Weltkrieg ihm die Wohltat erwies, ganz Europa, auch England, Im Wert herabzusetzen. Sieger, denen selbst nicht all/u wohl ist. zehren immerhin weniger an seinem ungefestigten Selbstbewußtsein, als vor der Niederlage. Die Qual dagegen, die sein Judenhaß Ihm bereitet, kann der deutsche Antisemit durch gewalttätige Ereignisse nicht loswerden. Das wäre Selbstzerstörung, denn er hat mit seinen Juden alles gemein, das Land, die Wirtschaft, die Art zu denken und zu leben, seine Haitun« vor Fremden, vor den Aufgaben der Welt und Sogar die (litte seines Selbstbewußtseins. Mau hält die jüdische Selbstironie iiir den Kest einer gedrückten Daseinsform. Auch der deutsche Antisemit hat iu seinem lilut noch immer die einstige Benachteiligung des historischen Deutschland. Kr ist unter deutschen Typen der mit dem hartnäckigsten nationalen Gedächtnis. Sein Gedächtnis bildet in ihm einen „Minderwertigkeitskomplex". Er kann die Zeiten nationaler Unterlegenheil nicht vergessen. Er braucht daher die Ueberbetonung des nationalen Wertes, mögen andere ihn längst als selbstverständlich empfinden. Unentbehrlich ist ihm der Hall, und unentbehrlich die Nähe des Gehaßten, ein sichtbarer, täglich erreichbarer Gefährte, an dem er sich ausläßt, mit dem er um die Palme streitet. Denn Antisemitismus ist nicht nur die Ableiikiinj; eigener innerer Nöte. In der Vorstellung des Antisemiten ist der Jude der schlaueste und härteste der Lebenskämpfer. Jeden, der Erfolg hat. ist er zuerst geneigt, als Juden anzusprechen. Man frage nicht lange, was der Antisemit am liebsten auch seinerseits wäre und in gelungenen 1 allen wirklich wird. Er wird genau das. was er jüdisch nennt. Ihm entgeht freilich zumeist der Anteil des Juden au der gerade vorhandenen Geistigkeit — und eben dies ist ein wichtiges Geheimnis der jüdischen Erfolge. Der Antisemit wäre konkurrenzfähiger, wenn er weniger Geringschätzung hätte, für Werte, die nicht sogleich Geld ergeben. Er täte gut, seine Begier nach Macht auf die Ideen auszudehnen. Sie sind grolle Mächte. Wenn der Antisemit denken lernte, w ürde er erstens Zusammenhänge entdecken, die ihm noch fehlen, so die hier genannten. Wie erst, w enn er besser denken lernte als die Juden, die darin heute auch nicht Meister sind! Kr würde sich selbst samt seinen Juden über die Landesgrenzen hinweg in eine umfassende bei weitem wichtigere kulturelle Gesamtheit einreihen. Der Gedanke an seine Nation wäre ihm kein (irund zur Gereiztheit mehr, keine Qual mehr. Kr wäre zugleich bescheidener und stärker. Kr würde sich vor der Welt nicht mehr brüsten, mit dem Juden sich nicht mehr messen wollen. I:r würde, um leben zu können, des Hasses nicht mehr bedürfen. Er wäre glücklicher. Er wäre daher kein Antisemit mehr. Die selbstbewußten Volker unseres Kulturkreises sind die Italiener und die Bürger der Vereinigten Staaten. Tatsächlich gibt es weder hier noch dort nennenswerte Aeuljcrungen des Antisemitismus. Ein Volk, das am schwersten an Minderwertigkeitsgefühlen laboriert, ein Volk, das diese Mindcrwertigkeits-