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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-08-09 · 32 (9.8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
32 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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n August 11189 GEMEINDEBLATT DKR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Stile 9 In ernstfrommen Familien werden die Pasttage ebenso ge- \ issenhaft und mit der gleichen Selbstverständlichkeit gehaU i n, wie alle anderen religiösen Gesetze. Hinein körperlieh i irmalen, ins Stadium der Pflichtenreife gelangten Kinde — I nahe oder Mädchen — aus solchem Hause kommt auch nicht im entferntesten der (iedanke an die Möglichkeit, sich am! asten nicht zu beteiligen. Eher noch sind Vater und Mutter, i :ich solche, die für ihre eigene Person immer den' strengsten Maßstab gelten lassen, in ihrer Sorge um das leibliche Wohl i :res Sprößlings geneigt, die vom Gesetze selber für schwäch- I :he Konstitutionen stipulierte Dispens- und Ausnahniebesthniung für ihr Kind In Anspruch zu nehmen. In der Tat bedeutet i s ein hartes Opfer für ein liebendes Mutterherz, die Blässe Im i eslcht des Lieblings feststellen und ihm doch die so gern egönnte Erquickung vorenthalten zu müssen. Aber in dem von Torageist beseelten Elternpaar gewinnt doch immer iine andere Erwägung die Oberhand. ..Wer eine Mizwa hütet, dem widerfährt kein Leid." Das heilige Religionsgesetz fördert .nser Heil, aber beeinträchtigt es nicht. Das Vertrauen zu ihm Empfinden weckt, dieses Bewußtsein kräftigt der Fasttag; wenn man nach Beendigung desselben seine Abendmahlzeit einnimmt, spricht man sein Tischgebet doch nicht nur gewohnheitsmäßig, wie sonst, sondern fühlt die Bedeutung der Worte: „und in seiner großen Güte hat er uns nicht fehlen lassen, und möge er uns auch weiterhin nicht fehlen lassen. Speis' und Trank". Aber damit allein ist die erzieherische Wirkung des Fastens nicht erschöpft. Das Verständnis für die Dual des Hungerns wird wachgerufen; man lernt ermessen, wie weh es tun muß, den knurrenden Magen aus Not unbefriedigt lassen zu müssen. Der (iedanke liegt so nahe, unsere Fastenleistung hört zur vorausbestimmten Minute auf, dann setzen wir uns an den gedeckten Tisch und entschädigen uns für das uns stundenweise Entzogene — wie ist es aber mit dem. der das Ende nicht kennt, überhaupt nicht weiß, ob er mal aus dein Elend seiner Lage herauskommen wird, der .im Morgen sagt: ..Ach, wäre es doch erst Abend" und am Abend denkt: „Wird es noch einen Morgen geben?" Stammsitz Berlin Gegründet 1851 Kapital u. Reserven 187000 000.- RM ERÖFFNUNG 15. AUGUST 1929 DIRECTION DER DISCONTO-GESELLSCHAFT FILIALE LEIPZIG im Bankgebäude: Schillerstraße 4, Ecke Neumarkt ★ BANKGESCHÄFTE ALLER ART Fernsprecher: Sammel-Nr. 70311 Drahtanschrift: Discontoge Leipzig ist stärker, als das zum tüchtigsten Arzt. Was die Religion uns zumutet, können wir auch vertragen. Unter der Wucht dieser ("Gedankengänge verstummt die leicht zur Übertreibung neigende Besorgnis der Kitern um das körperliche Gedeihen des Kindes. Aber selbst wenn Vater und Mutter einen Pflock zurückstecken und dem Kinde Absolution erteilen wollten, sie würden in den seltensten Fällen Cilück damit haben. In frommen Häusern geht es mit religiösen Leistungen etwa so. wie mit den sportlichen in sportbegeisterten Kreisen. Der Jugend paßt es nicht, zurückzustehen: Nichtbeteiligung kommt ihr beinahe einer Feigheit gleich. Wenn die Erwachsenen einen Tag lang auf Speis' und Trank verzichten können, so spekuliert das unverdorbene Gemüt des Jugendlichen, dann können wir es erst recht. Dali es pädagogisch ungemein wertvoll ist. wenn mau die Jugend anleitet, sich im Entsagen und Entbehren, also auch Im Hungern zu trainieren, bedarf keines Beweises. Wer hungern gelernt hat. ist besser zum Lebenskampf gerüstet als der, dem diese Kunst fremd geblieben ist. Aber aus dein l asten ergeben sich auch noch andere wertvolle Konsequenzen. Durchs Fasten gewinnt das Essen an Bedeutung. Der Segen des täglichen Brotes wird dem Hungernden offenbar. Das natürliche menschliche Verlangen befriedigen, das normale Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme decken können ist ein Glück, ein dankenswertes Geschenk des Himmels. Dieses Freiwilliges Hungern macht das Herz mitleidig und ruft soziales Empfinden wach. Nicht umsonst eifert Jesaja dagegen, dal! man den Sinn des Fastens verkennt und meint, die leibliche Tortur sei der eigentliche Zweck. Hin Fasten kann nur dann eine Gott wohlgefällige Uebung sein, wenn es dazu führt, da Ii der Besitzende an dem Besitzlosen, der Glückliche an dem vom (ilück Verlassenen seine sittliche Schuld einlöst. Wer von seinem kärglichen Brote dem noch Aernieren reicht, dem Obdachlosen in seinem Hause Unterschlupf gewährt, die Blölle des Nackten bedeckt, mit jedem Leidenden fühlt, weil er ihn wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet, der hat nach der Meinung des Propheten im Sinne Gottes und des Judentums seinen Fasttag gehalten. Die Kunst des Jugenderziehers ist es. dem Zögling auch das grolie von Rellgions wegen geforderte Opfer gegenüber seinem wesentlich größeren Gewinn für Geist und Gemüt gering erscheinen zu lassen. Fr soll es wissen, daß Charakterstärke eine erlernbare Kunst ist und wird ohne weiteres einsehen, dali auch das l asten eine Station auf dem Wege ist. der ZU souveräner Beherrschung der natürlichen menschlichen Schwäche führt. Bei uns hat die Natur nicht einfach ihr Recht zu fordern: jedenfalls wird die Berechtigung dieser Forderung von uns erst geprüft und nur nach Maligabe unseres bewährten durch Jahrtausende sanktionierten Gesetzes anerkannt und bewilligt.

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