Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GKMKINDEBI.ATT DliK ISKAKLITISCHHN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer X KTOItWERO^ Kakao Schokolade I Pralinen. deutende .indische Dichter haben eher ihrer Sehnsucht nach Zion Ausdruck verliehen; der Ahasverstoff „lag" ihnen nicht. I »aber sind von jüdischer Seite keine großen Leistungen aufzuweisen. Berthold Auerbach läßt In seinem Romane ..Spinoza, ein Denkerleben" (1837) zum Schluß die sagenhafte (lestalt des Ewigen Juden auftreten. Dem aus der Judengemeinde ausgestoßenen Spinoza erscheint Im Traum Ahasver und verkündet ihm, daß er, Spinoza, zum Heile der Menschheit geboren .sei. und daß er auch ihn. Ahasver, erlösen werde. Auerbach läßt Ahasver sterben: „und der Ewige Jude beugte sich über den schlafenden Spinoza und küßte ihn: es war der Kuß des .sterbenden Ahasver ..." Seligmann Heller, ein österreichischer Jude, versucht in einer weitläufigen Dichtung, dem philosophischen Epos „Die Wanderung des Ahasver" (1866) nachzuweisen, daß Ahasver erst dann zur Ruhe kommen werde, wenn die Menschheit ihren kulturellen Höhepunkt erlangt haben werde. In Fritz M a u t h n e r s Roman „Der neue Ahasver" (1 KS 1) legi sich Ahasver nach der Nacht vom 4. auf den 5. August 17s1' beglückt ins Grab und glaubt, er wäre tot. Plötzlich aber taucht das Gespenst des Ewigen Juden wieder auf; und in der (iestalt des „Neuen Ahasver" als der Verkörperung des gehetzten, jüdischen Volkes, versetzt Mauthner den Leser in die neueste Zeit, in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, und polemisiert gegen den Antisemiten Dühring. David Pinski läßt in seinem Drama „Der Ewige Jude" Ahasver auf der rastlosen Suche nach dem Messias wandern. Schließlich sei erwähnt, daß eine hebräische Zeitschrift in Lemberg den Titel trug „Hajehudl hanizchl" (Der Ewige Jude). Zusammenfassend läßt sich über die Sage vom Ewigen Juden folgendes sagen: Alle Bearbeitungen stimmen darin überein. daß sie Dichtungen der Sehnsucht sind: Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, Sehnsucht nach dem Tode. Selmsucht nach einem befreienden Ideal. Für die christliche Volksphantasie ist Ahasver der Vertreter des zählebigen Volkes Israel, das seine Heimat verließ, um eine ruhelose Wanderung über die ganze Frde anzutreten. Für uns Juden aber hat der Begriff des Ewigen Juden eine ganz andere Bedeutung, nämlich die des ewigen jüdischen Volkes, des am olam. das trotz der Tempelzerstörung, trotz der Heimatlosigkeit weiter lebt und strebt, wie es der Prophet Jesajas (-44.7) ausgesprochen hat: „Und wer will verkünden und mir es ansagen und darlegen, wie ich verkündet habe, seitdem ich das Volk der Fwigkeit eingesetzt?" DAS FASTEN (Zum neunten Aw) Von Rabbiner Dr. Carlebach, Leipzig D en siebenzehnten Tammus haben wir glücklich hinter der neunte Aw steht uns noch bevor. uns Mitten in die schönste Jahreszeit hinein fallen diese beiden Tage von ernster, düsterer Prägung. Die Jugend sehnt die Ferienwochen das ganze Jahr herbei, vielen bringen sie Frholung, Reisen. Luftveränderung, entführen sie ihrem Milieu, ihrer alltäglichen Umgebung, aus der Stadt aufs Land, in Gottes freie Natur, an die See. ins (iebirge. den anderen, weniger Glücklichen bedeuten sie zumindest Befreiung vom lästigen Zwang der Schule. Bewegungsfreiheit, selbständige Verfugung über sieh, die Gestaltung des Tagesprogramms nach eigenem Wunsch und eigener Neigung — und gerade diese Zeit wird durch zwei Tage unterbrochen, an denen eine schwere Leistung gefordert, die Fähigkeit zu verzichten und entsagen auf eine harte Probe gestellt wird — die beiden längsten Fasttage des Jahres, der eine mit Tagesanbruch, der andere sogar mit dem Fintritt der vorhergehenden Nacht beginnend; da dehnen sich die Minuten, da schleichen sie wie die Schnecken die Stunden des endlos langen Sommertages. Die Geduldsprfifung hält an — bis endlich die hervortretenden Sterne der Nacht das Ende der entbehrungsreichen Kasteiung anzeigen. Ein Religionslehrer hat erzählt) daß er immer wieder aufs Höchste erstaunten (iesichtern begegne, wenn er im Uhterricht die sechs Fasttage des Jahres behandle: die meisten Schüler, auch die aus schon ziemlich religiös eingestellten Häusern stammenden, kenneu nur den Jauni Kippur und meinen schon wunder wie stolz auf ihre Opferfreudigkeit sein zu dürfen, daß sie an diesem Tage ganz bis zum Schluß durchhalten: vom Tischow Beaw haben sie vielfach schon gehört, meinen aber, daß er nur bis zur Mittagsstunde dauere. Unglaublich jedoch will es ihnen scheinen, daß es Im Ernst sechs Tage gäbe, an denen das Religionsgesetz von jedem erwachsenen, also 13 Jahre alten Juden — von den Mädchen sogar schon vom vollendeten zwölften Lebensjahre ah — verlangt, daß er sich bis zum Sonnenuntergang jeder Speise und jedes Getränkes enthalte. Der in Rede stehende Lehrer pflegte dann scherzweise seine über ein solch hohes Maß religiöser Zumutung erschreckten Zöglinge mit dem Hinweis zu beruhigen, das sei doch nicht schlimm, denn von den 354 Tagen des jüdischen Jahres blieben dann doch noch immer 34N „Fßtage". da könne man sich ja für die paar Fasttage schadlos halten. Häuser / Hypotheken / Hausverwaltunsen REIMANN & KIRMSE / LEIPZIG LF.rLAYSTUASSF. j GEGRÜNDET 1907 FERNRUF 23576