Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 CKMEINDKBLATT UKK ISRAELITISCHEN RELKMONSCiEMEINUE ZU LEIPZIG Nummer 35 Juden" gebildet und lebte in dieser Gestalt (jetzt Jude statt ileide) bis zum 17. Jahrhundert fort. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts taucht die Saue Im neuen Gewände auf. Alles was man üher den „Ewigen Juden" zusammenfabelte, wurde im Jahre 1602 gedruckt Im „Volksbuch vom Ewigen Juden". In diesem Buche erzählt der ungenannte Verfasser folgendes: Der Bischof von Schleswig habe im Jahre 1542 gelegentlich einer Predigt den Ewigen Juden in einer Kirche kennengelernt: es sei eine lange, hagere (iestalt gewesen, bekleidet mit dtlrftigem Rocke, zerfetzten Hosen, fadenscheinigem Mantel. Auf sein Befragen habe er sich für einen Schuhmacher aus Jerusalem, namens Ahasver. ausgegeben, der ihm die Geschichte seiner mehr denn tausendjährigen Wanderung erzählte. — Der neunte Ab Nach Kirchner. Judisches Ccrcmonial.j Mit Genehmigung des Verlags l-Schkol Hertin aus ..Hncyclnpacdia Judaica I". Von diesem „Volksbuche vom Ewigen Juden" hat Neubaur vom Jahre 1602 bis etwa Iniki 7<i Ausgaben nachgewiesen. In diesen 200 Jahren fehlt es von nun an auch nicht an Personen, die ihn mit ei«eneu Auken gesehen haben wollen. In L eipzig erschien er \M2 als ein ..abgelebter und eisgrauer Mann vor den Türen, indem er die Leute um Brot ansprach und vorgab, er sei ein geborener Jude und mit bei Christi Leiden gewesen und müsse bis an den jüngsten Tag herumgehen". Aus Frankfurt erzählt man folgendes: Dort soll der „Ewige Jude" um 1750 herum in sehr abgerissener Tracht aufgetaucht sein und auf der Messe mit dein Trödler um den Preis eines Rockes gefeilscht haben; als Preis habe ei ihm schließlich eine Goldmünze mit dem Bildnis des Kaisers Tiberius gereicht. Als der Trödler ihn fragte, ob er der ewige Jude sei. da sei der Mann plötzlich verschwunden. — Im IS. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, regte sich auch die Zweifelsucht, und es erschienen zahlreiche Streitschriften für und gegen die Existenz des „Ewigen Juden". Man legte der Sage auch eine sinnbildliche Deutung unter: unter Aliasvertis sei nicht eine einzelne Person, sondern das ganze in aller Welt zerstreute jüdische Volk zu verstehen. So urteilt der christliche Rektor Johann Jakob S c Ii u d t in seinen ..Jüdischen Merkwürdigkeiten": Der umherlaufende Jude ist nicht eine einzelne Person, sondern das ganze jüdische. In alle Welt zerstreute, umherstreifende, bis an den jüngsten Tag bleibende Volk." — Der nach der Aussage von Augenzeugen in vielen Städten erschienene Ahasverus „se ein im Kopf verwirrter Mensch oder ein scheinheiliger Be trüger". — Von Deutschland verbreitete sich die Sage nach Frank reich, auch dort schuf die Volksphantasie ein Volksbuch „Histoire admirable du Juif-Errant". In Belgien, wo dei „Ewige Jude" den Namen Josef Lakedem führt, soll er da^ Geheimnis besessen haben, alte Frauen wieder jung zu machen. In England erzählt er, daß er zur Zeit Neros in Rom gewesen sei. In Dänemark. Jütland, Italien und Sizilien lebt die Volksage. In der schwedischen Sagt, geht er barfuß und trägt seine Stiefel auf einem Stabe über dein Rücken, um dadurch Frsparnisse zu machen. In Spanien, wo er den Namen Juan Fspera en Dios führt, wird er mit einem brennenden Kreuze auf der Stirn dargestellt. Das Kreuz verzehrt sein Gehirn beständig, kann es aber nicht vernichten, da es initiier wieder wächst. Als Amerika entdeckt wird, wandert die Sage über den großen Teich; sie erzählt, daß Ahasver 1S6S in Salt Lake City erschienen sei und dort mit einem Mormonen gesprochen habe. Die Legende vom Ewigen Juden ist also keine Lokal¬ oder Ortssage (wie etwa die Sage von der Loreley, der Roßtrappe. Rübezahl oder dem Kyffhüuser), sondern eine internationale oder kosmopolitische Sage, die Gemeingut der ganzen gebildeten Menschheit geworden ist. und die einen tiefen Sinn in sich birgt, nämlich: die Tragödie der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes. Dies haben tief und erschütternd gefühlt und empfunden deutsche Dichter, Christen; sie haben den Stoff aufgegriffen und dichterisch gestaltet. (Der jüdische Lehrer Moritz Meyer- München hat 6in» Nummern von Schriften, die das Ahasverus- Thema behandeln, gesammelt.) Emst und nachhaltig beschäftigt sich Goethe mit dem Problem des „Fwigen Juden". In „Wahrheit und Dichtung" (.?, 15) schreibt er: „Die (iescliichte des Fwigen Juden, die ich in meiner frühesten Kindheit hörte, hat sich tief in meinem (■edüchtnis eingeprägt. Weil nun aber alles, was ich mit Liebe in mich aufnahm, sich sogleich zu einer dichterischen Form anlegte, so ergriff ich den wunderlichen Einfall, die (iescliichte des Fwigen Juden, die sich schon früh durch die Volksbücher bei mir eingedrückt hatte, episch zu behandeln." (ioethe schildert dann ausführlich, wie er sich den Inhalt seines Dichtwerkes denkt. Die (iestalt eines Dresdner Schusters, den er kennengelernt hatte, sollte ihm für seinen Ahasver als Vorbild dienen. Der Plan ist nicht zur Ausführung gekommen: jedoch hat (ioethe Einfluß auf andere Ahasver-Dichter ausgeübt. Schubart, Schillers Landsmann, entwirft in seinem markerschütternden, leidenschaftlichen Gedichte: „Der Ewigo Jude" (1783) ein ebenso furchtbares wie erhabenes Bild. Der I )ichter schildert die Dual des N i c Ii t s t e r b e n k ö n n e n s. Cham!sso, der Vielumhergetriebene, Vielgereiste und Vielgewanderte, der von Heimweh (iequälte („Schloß Boncourt") und sich heimatlos Fühlende griff vor 100 Jahren (IS.'H) die Sage auf und verarbeitete sie in dem Gedichte „Der neue Ahasver". L e n a u. dem Schwermütigen und ruhelos Geächteten, war der „Ewige Jude" eine anziehende Figur. In seinem (iedichte „Der Ewige Jude" stellt er Ahasver, der den Fluch irdischer Unsterblichkeit mit sich herumträgt, in schauerlicher (iröße dar. Julius Mosen aus dein sächsischen Vogtland (Plauen) schreibt in seinen Jugenderinnerungen: „Die Sage vom Ewigen Juden ist mit meinen frühesten Kindheitserinnerungen verwebt. Ich war fast noch ein Kind, als sicli in meinem Geburtsorte das (ierücht verbreitete, daß der Ewige Jude durch das