Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(Semetoöebkt DER ISRAELITISCHEN REL1GIONSGEM&INDE ZU 1 CA \)7\Clm AMTLICH ES NACHRICHTEN BLATT fLLa I lia IV7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Dal Grmrlndrblatt ermhi'lnt |rdcn Kri-ltaK und wird dt'ii Mitgliedern der HVIlKlonsKrmcIndr unentgeltlich ilurdh dir l'ost zu|trs(ellt - Srhrlftlrllunic: Cemelnderabblner Gustav Cohn, Lelpzlu, LohrslraQr lo NUMMER 12 / JAHR6AN6 S FREITAC 9* AU6UST 1020 Anzrl|(rnvrrwaltun|i und Drudi: Rudidrudierel August Mm Leipzig, BrOdrnlr. 5Q - IVrnruf 7<x>OG - Msdirdk Leipzig 53Q20 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet DER EWIGE JUDE IN SAGE UND DICHTUNG Eine literarische Tischo-be-Ab-Betrachtung Von Studienrat Dr. Paul Mirhaclis, Berlin Besteht ein Zusammenhang zwischen der Sage vom „Ewigen Juden", dem rastlosen Wanderer auf Erden, und dem gewaltigsten Trauertage in der jüdischen (,eschichte, dem Tage der Zerstörung des zweiten Tempels (9. Ab)? Ist die Sage von Ahasverus, dem „Ewigen Juden", vielleicht unmittelbar nach der Tempelzerstürung entstanden, etwa als Zeichen und beweis für die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, das in alle vier Huden der damals bekannten Welt zerstreut wurde? Welches ist der Ursprung der Sage vom „Ewigen Juden", die 3UU Ahasver-Dichtungen in der Literatur der Völker geschaffen hat, so daß sie mit Recht „die Königin aller Sagen" genannt werden kann? Die folgende kulturgeschichtliche und literarische Untersuchung über die Entstehung der Sage will zu zeigen versuchen, daß die Legende vom „Ewigen Juden" ursprünglich gar nichts mit der Erinnerung an die Tempelzerstürung zu tun hat, ja, daß mehr denn tausend Jahre seit jenem furchtbaren 9. Ab vergehen mußten, bis die Sage jene (iestalt annahm, in der sie heute in der ganzen gebildeten Kulturwelt bekannt ist. — Wenn wir nach dem Ursprung der Sage fragen, so könnte man vielleicht das Neue Testament um Kat fragen; doch in den vier Evangelien findet sich nicht die geringste Spur. Der spätere Beiname, den der „Ewige Jude" trägt, Ahasver. läßt darauf schließen, daß der unbekannte Verfasser der Sage das Judentum nicht gekannt hat, die Sage also nicht jüdischen Ursprungs ist; denn der Name Ahasver. der im jüdischen Schrifttum nur einmal — in der MegUlath Esther — vorkommt und einem Perserkönig beigelegt wird, lebt im Judentum in trüber Erinnerung. Weder im Alten noch im Neuen Testament findet mau den Ursprung der Sage. Das älteste, bis jetzt nachweisbare Zeugnis über das Urbild des „Ewigen Juden" liefert das Werk eines englischen Mönches, betitelt „Flores Historiarum", aus dem Jahre 1235. Darin schildert der Mönch in echt mittelalterlicher Weise die Ereignisse von der Schöpfung bis zum Jahre 1235 und berichtet folgendes: Jesus wird nach seinem Verhör vor Pilatus von den Römern aus dein (ierichtsgebäude geführt. Als er ms dem Hause heraustrat, hat der r ö m i s c Ii - h e i dn 1 SChe Türhüter CartaphÜUS ihm einen Schlag in den Nacken gegeben mit den Worten: „Vade Jesus, citius vade; quid moraris?" („Geh doch schneller. Jesus; was zögerst du?"). Darauf habe Jesus den römischen Türhüter traurig angesehen und gesprochen: „Ego vado et expectabis donec veniam." (Ich gehe, du aber sollst wandern, bis ich komme."). Und so wartet der r ö in i s c h-heidnische Türhüter nach dem Worte Jesus und lebt — so erzählt der Mönch — seitdem in Armut und Elend Sooft er das hundertste Jahr erreicht, kommt er wieder in das Alter zurück, als er Jesus beschimpfte. Dies ist die Erzählung des englischen Mönches aus dem Jahre 1235 von dem römischen Türhüter. Vom Juden ist keine Rede. In ähnlicher Weise berichtet ein italienischer Astrologe den Vorgang. In einer im Jahre 1267 verfaßten Broschüre berichtet er von Personen, die lange gelebt haben. Kr erzählt, es gäbe noch einen Zeitgenossen Christi, der Johannes Buttadeus heiße und ewig leben müsse, weil er Jesus geschlagen habe. Auch in diesem Bericht w ird ein Jude nicht erwähnt. Wie wurde aus dem Heiden der Jude? Die Erforschung der Sage vom „Ewigen Juden" war das Lebenswerk des verstorbenen Elbinger Gymnasialdirektors Dr. Leonard N e u b a u r. der in fünf Schriften die Grundlage der Sage erforscht und ihre Entwicklung und dichterische Gestaltung aufgezeigt hat. Nach der Ansicht Neubaurs wirkte die Volksphantasie bei der Ausgestaltung der Same entscheidend mit. Wie stand es mit den Juden? Jerusalem war zerstört (9. Ab 70); die Juden waren in alle Länder zerstreut; sie lebten in Italien (Rom), Spanien. Griechenland, Deutschland. Frankreich. Uberall im Abendlande traf man Juden, ein Volk ohne Land. Die Volksphantasie suchte nach einer Krklärung für diese Menschen, die in Tracht. Sprache. Sitten und religiösen Gebräuchen SO ganz anders waren als die Urbewohner. Allmählich wandelte sich in der judenfeindlichen Volksphantasie des Mittelalters die (iestalt des (artaphilus. des römisch-heidnischen Türhüters und die des Buttadeus in einen Juden, ( artaphilus und Buttadeus waren vergessen; im Volke erzählte man: Ein Jude habe Jesus geschlafen. Dieser Römer ( artaphilus ist also nach Neubaurs Zeugnis — „das Urbild des Ewigen Juden". Aus der Person, die von Jesus verurteilt wurde, ewig zu wandern, ist im Mittelalter ein Jude geworden. So hatte sich die ..Saue vom Ewigen