Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968790-5969106--2598-4880177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
August GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 ondern auch ein vollständig separiertes Gebäude mit Wannenlädern für Juden ausgestattet wurde. Offenbar erschien diese nvestition durch den starken Besuch durch Juden gerechtertigt Daß aber diese besondere Fürsorge für die Juden :eineswegs auf Philosemitismus zurückzuführen ist, ist mehr ils wahrscheinlich. Allmählich scheint aber doch das Judenbad besser ausstattet worden zu sein, was offenbar auf den Zustrom des ahlungslcräftigeren jüdischen Publikums zurückzuführen war. lenn es rangiert bereits nach zwanzig Jahren vor dem „geneinen" Bad und hält in seinen Einrichtungen ebenfalls die bejammernswerte Mitte /wischen diesem und dem Bad der Vornehmen. Allerdings war es auch dem Gutdünken des Hadcinspcktors überlassen, auch Juden das Bad der Vornehmen, das sogenannte Qehbad, benützen zu lassen, freilich mir ZU einer bestimmten Stunde. Da war nun der Willkür Tür und Tor geöffnet. Scherer, ein edler christlicher Arzt und Menschenfreund, der stets ein Freund und Beschützer der Annen war, tadelt in seiner vor etwa 100 Jahren erschienenen Monographie dieses Vorgehen und erzählt folgende Begebenheit: „Den Israeliten wird morgens angezeigt, der Eintritt ins Schlammbad sei ihnen heute von 12 bis 1 Uhr mittags gestattet. Sic versammeln sich in der drückendsten Julihitze um die bestimmte Stunde. Nun fällt es aber noch gerade einem nichtjüdischen Kurgaste ein, sich um i/,12 Uhr ins Schlammbad zu setzen. Der Mann hat die Taxe von 10 Kreuzer Konventionsmünze bezahlt, draußen harren jedoch wohl 30 Menschen, von denen dreißig auch ein jeder 10 Kreuzer K.-Münze bezahlen mußten, zugleich befinden sich darunter mehrere Gelähmte, die auf ihren Karren in der sengenden Sonne Höllenqualen leiden, die meisten sind noch nüchtern und müssen, soll das mächtige Schlammbad nicht verderbenbringend für sie werden, noch wenigstens 2 Stunden nüchtern bleiben, man heißt sie warten. Endlich wird es 1 Uhr, es vergeht aber noch eine viertel, dann eine halbe Stunde, und die draußen warten fort. Um 2 Uhr steigt der 10 Kreuzermann aus dem Bade, kleidet sich langsam an und entfernt sich, und die um die zwölfte Stunde hierher Bestellten, seit mehr als 2 Stunden Harrenden, werden für diesen Tag nicht mehr ins Bad gelassen, weil man es für den Nachmittag zufüllen wolle. Das Judenbad und alle Beschränkungen, die den Juden auferlegt wurden, wurden erst mit der zunehmenden Emanzipation sistiert, und zwar geschah dies in den 60er Jahren des vorigen Säkulums. Solange mußte es dauern, bis die Menschlichkeit und wenn wir aufrichtig sein wollen der ( kschäftssinn der Badebesitzer Dummheit und Vorurteil zu besiegen vermochten. JULIUS GOLDSTEIN: GEISTES HEIMKEHR Mit Julius Goldstein ist ein bedeutender Mensch dahingegangen. Die jüdische Presse beschäftigt sich in Gedenkworten mit seiner edlen Persönlichkeit Seine Wesensart scheint uns besonders in nachstehendem kleinem Aufsatz deutlieh zu werden, der im „Berliner Tageblatt" am 13. Dezember 1918 erschien, und in dem Goldstein den Gefühlen Ausdruck verleiht, die ihn bei seiner Heimkehr überwältigten. Die Schriftleitung. Nach i() Monaten betrete ich wieder mein Arbeitszimmer als freier Mensch. Ich habe die Uniform abgelegt, die mich meiner bürgerlichen Existenz fast entfremdet hat, Wieder gehöre ich meiner Familie, meinem Heim, meiner Arbeit, meinem alten Kreise von Pflichten. Wie oft habe ich da draußen in Feindesland diese Stunde herbeigesehnt, herbeigeträumt, wie habe ich sie mir ausgemalt, diese Stunde der Heimkehr, voll rauschender Musik, voll wehender Fahnen und nun ist alles anders gekommen! Fahnen hängen zwar aus den Fenstern, aber es sind nicht Fahnen militärischen Sieges. Es sind Fahnen, die dankbare Freude künden sollen über die Rückkehr der Väter und Söhne; es sind darunter auch Fahnen, die Symbole umwälzender Geschehnisse bedeuten. Ich bin unter ihnen hinweggegangen langsamen, gedankenvollen Sehrittes, wie unter einem neuen, noch nicht ganz enthüllten Schicksal. Draußen schon überlief es mich inmitten einer feindseligen Bevölkerung, schreckhaft, unbegriffen, in drohender Sprache; ich war qualvolle Wochen lang von allen Nachrichten der Heimat abgeschnitten; raunende, wilde Gerüchte gingen von Mund zu Mund; Zeitungsfetzen, die der Zufall uns zuführte, enthielten Mitteilungen von Aufruhr und Gewalt. Alles, was wir von den Schrecknissen russischer Zustände gelesen, wurde wach: so sollte es jetzt im Vaterlande aussehen? Wir setzten den Fuß auf deutschen Boden und atmeten auf. Gott sei Dank: die Straßen, die Häuser, die Menschen wie ehedem, es war die alte Heimat, wie wir sie verlassen; Ordnung, wenn auch eine andere, herrschte überall. Ich habe mich zu melden im alten Rathaus, wie früher vor der gleichen Behörde — wenn sie auch aus anderen Menschen besteht. Und wie ich aufjubelte beim Vormarsch 1Q14, da ich den ersten Schritt in Feindesland tat, so jetzt, als ich den ehrwürdigen Boden des Vaterlandes wieder unter mir fühlte Seine Fahnen grüßen mich in stiller, gedämpfter Freude. I lebe Hände haben das Heim erhalten, das ich vor Jahren verlassen. Als Urlauber habe ich es mehrfach betreten zu flüchtigem Aufenthalt. Jedesmal schlich ich scheu an den Büchern vorbei, die aus hohen Regalen, wie aus einer fremden Welt mich anzublicken schienen. Wie ich wohl den Weg zu euch wiederfinden werde? Und wann? Und nun ist der Augenblick gekommen: Geistes Heimkehr! Nun stehe ich vor euch, ihr meine alten lieben Gefährten aus der Zeit, da man noch in den Sicherheiten eines politisch festumhegten Daseins lebte, da man noch i;; kein« ü' von euch eine Zeile finden konnte, die die Ungeheuerlichkeiten eines solchen vierjährigen Krieges auch nur ahnen ließ. Nun kehre ich zu euch zurück, verwandelt und doch der Gleiche. Wie vieles von dem, was ihr mir berichtet habt, von Krieg und Brand, von Heereszügen und Strapazen, habe ich selbst flieht! Ich nehme euch anders zur Hand wie früher, ihr schön gereihten Geschichtswerke. Ihr habt mir geholfen, manches von dem zu begreifen, in das ein unfaßbares Schicksal mich jahrelang hineingestellt hat. Ihr seid mir nicht länger Literatur, nicht länger Sagen aus alter Zeit. Und ich greife weiter mit zögernder Hand zu euch, ihr deutschen Dichter und Denker aus der Zeit, als noch in Jena und Weimar die Seele des deutschen Volkes lebte. Früher habe ich immer ein leises Gefühl der Scham gehabt, wenn ich im alten imperialistischen Deutschland mich in euch vertiefte. Kant und Fichte, Goethe und Herder, Sendling und Hegel auf euch hat man sich stets berufen, wenn man lärmend vom Imperialismus des deutschen Geistes sprach Waren wir wirklich eure Erben? War dieses Deutschland der „Realpolitik", des „nationalen Egoismus", das Deutschland Treitschkes und Chamberlains, war es das Deutschland, das ein Recht hatte, sich auf euch zu berufen? Ich habe es nie glauben können. Aber ich blieb still, gelähmt von dem Unglauben, es könne je wieder ein Deutschland erstehn, das Ernst machen würde mit eurem Geiste, das an euch wieder anknüpfen würde: nicht an das Vergängliche eurer Konstruktionen, wohl aber an euren „Enthusiasmus des Geistes", au eure Forderungen edlen Menschentums, au eure weltweiten