Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-08-02 · 31 (2.8.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968790-5969106--2597-4880176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMHINDE ZU LEIPZIG Nummer 31 nicht der Scharten eines Verdachtes blieb haften. Noah stieg die Stufenleiter der Ehren empor; das Amt eines Sheriffs wurde ihm Übertragen. Er war nun einer der einflußreichsten Männer des Staates. Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge wandte sich sein edles Herz seinen jüdischen Brüdern zu. Er war zwar von der i berzeugung durchdrungen, daß die prophetische Verheißung von der Erlösung Israels durch einen Gesalbten Gottes sich erfüllen werde, war aber der Meinung, daß dem Messias vorgearbeitet werden und der leidenden Judenheit der Gegenwart ein, wenn auch nur vorlaufiges, Asyl bereitet werden müsse. Zu diesem Ende kaufte er für 1 f>985 Dollar ein in seiner Ausdehnung riesiges Gelände auf der Insel Grand Island bei Buffalo und bestimmte es zu einer jüdischen Massen- Siedlung. Die Aufrufe, die nun in allen amerikanischen und europäischen Blattern erlassen wurden, hatten die Form und den Stil ehrwürdiger Sendschreiben. Da lebe ein jüdischer Mann im l ande Nordamerika, einhoher und erhabener, angesehen in den Augen der Völker; einst der Vertreter seines Staates bei dem mächtigen Bai von Tunis, jetzt oberster Richter in der Hauptstadt New York. Nun habe Gott den üeist dieses Mannes erweckt, eine grobe Zufluchtsstadt für Israel zu erbauen am Ufer des Stromes Niagara, und deshalb wende er sich an seine jüdischen Brüder, an alle Versprengten und Zerstreuten auf dem Erdball mit der Nachricht, daß er den Wunsch und den Willen habe, ein Asyl für alle Juden zu schaffen, in welchem sie unangetastet und unangefochten leben, Handel und Geschäfte treiben könnten in Frieden und in Sicherheit als ein Volk von Brüdern. Von überall hei mögen sie kommen — wo immer ihr früherer Wohnsitz gewesen sein mag , jetzt sollen sie nur durch ihre Zugehörigkeit zum Judentum geeint sein, alle nur Glieder der von Gott erwählten Nation. Am Rausch Chaudesch Ador 5386 7, Februar 1826 wurde die Grundsteinlegung zu dieser jüdischen Siedlung mit großer Feierlichkeit begangen. An den Ufern des Niagara war eine ungeheure Menschenmenge versammelt; die Spitzen der Behörden, Vertreter aller jüdischen Korporationen waren erschienen. Das Fest wurde mit einem Gottesdienst in der Synagoge zu Buffalo eingeleitet. Regierungssoldaten bildeten Spalier, und Kanonendonner ertönte, als die jüdischen Deputierten ihren Einzug hielten. Nach Gebeten in hebräischer Sprache und Psalmgesängen wurde in schwungvollen Reden die Bedeutung des Tages gefeiert. Es war der größte Tag im Leben Noahs. Ein Denkstein wurde enthüllt, der den Namen der neuen Stadt Ararat, Zufluchtsort für Juden - trug, und darüber in goldenen Lettern die Worte yoff brnw zeigte. Aber von dem großangelegten Entwurf blieb nichts übrig als dieser im Museum zu Buffalo aufbewahrte Stein. Noahs Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Heftige Widersprüche gegen seine Absichten wurden laut diesseits und jenseits des Meeres. Die Zeit war für dergleichen nicht reif. Die Stadt Ararat ist nicht gebaut worden. Aber die Absicht war gut und edel und sichert dem, der sie gehegt, ein ehrendes Andenken. DAS JUDENBAD ZU PISTYAN Von Kurarzt Dr. Ladislaus Lichtenstein, Bad Pistyan Bn dem tätigen Anteil, den das jüdische Element am Badeleben unserer Zeit hat, erscheint es eigentlich erstaunlich, daß in der Geschichte der Medizin die Rolle der Juden in den einzelnen Kurorten so wenig erwähnt wird. Hiermit sei natürlich nicht gemeint, oh und inwieweit jüdische Persönlichkeiten in der Entwicklung der einzelnen Heilbäder nk: Gesundbrunnen eine verdienstvolle Tätigkeit entwickelt haben. Denn das wird sicherlich des öfteren der Fall gewesen -ein. Kulturhistorisch erscheint es jedenfalls vom höchsten Interesse, inwiefern das jüdische Element sich der Kurmittel bediente, und ob dasselbe überhaupt zum Gebrauch derselben zugelassen wurde. Bei dem Geiste, der das Mittelalter und die Anfänge des 17. Jahrhunderts durchwehte, erscheint es ganz selbstverständlich, daß derartige Beschränkungen bestanden haben, obgleich in der diesbezüglichen Literatur sehr wenig hierüber bekannt geworden ist. Und doch erscheint mir eine Forschungsarbeit, die sich auf diese Gebiete der balncologischen Geschichte erstrecken würde, äußerst lohnend. Daß es in der Geschichte des Bades Pistyan Bestrebungen gegeben hat, die zweifellos vom antijüdischen (ieist beseelt waren, erscheint sicher. Die erste Erwähnung dieses Badeortes erfolgt in einem medizinischen Werke des (ieorgius W ernherus in dem im Jahre 1545 in Köln in lateinischer Sprache erschienenen Werke „Von den wunderbar!ichen Wassern zu Hungern Bericht". Dieser berichtet, daß an den Ufern des Waagflusses im Freien Gruben von den Badenden gelbst gegraben wurden, die sie mit Reisig und Laubwerk auskleideten. In den Grund dieser Höhlen schoß dann das heiße Thermalwasser und der Thermalschlamm ein. Da nun dieses Badeterritorium doch immerhin ziemlich groß war, und jeder sein eigener Bademeister und Zimmermeister war, sich überdies in Gottes freier Natur Rassengegensätze leichter verwischen, ist aus dieser Zeit nichts darüber berichtet, daß Juden irgendwie im Badegebrauch beschränkt oder gehindert worden wären. Da es stabile Badeanlagen bis in das Jahr 1780 kaum gegeben hat, es sei denn, daß man größere Badegruben unter freiem Himmel, in der 30 40 Leute zugleich baden konnten, als solche auffaßt, kann bis in diese Zeit von einer Beschränkung kaum die Rede sein. Und so gab es auch zu jener Zeit Juden, die das Bad besuchten, so berichtet Dr Justus Johannes Tor kos in einem medizinischen Werke aus dem Jahre 1745 von einer jüdischen Frau, „mulier Judaica". die an Geschwüren am ganzen Körper litt und durch den Gebrauch der Pistyaner Thermen geheilt wurde. Kaum waren jedoch stabile Anlagen gebaut, und dies war zu Ende des 18. Jahrhunderts der Fall, da mußten die „gemeinen" Leute noch in Gruben baden, indem die „bemittelten" Kurgäste auch in einem Badegebäude, in dem sogar Wannen standen, ihre Kur gebrauchen konnten. Es ist selbstverständlich, daß die Juden zu den „gemeinen" Leuten gezählt wurden und ihnen im Gebrauch des Badehauses Beschränkungen auferlegt wurden. Noch krasser trat dies zutage, als die Badeanlagen zu Anfang des vorigen Jahrhunderts weiter ausgebaut wurden. Das gemeinsame Badebecken wurde durch Bretterwände in drei Teile geteilt, nämlich in das „Gehbad" für „ansehnlichere'' Leute, das in dem vorderen Teil desselben untergebracht war, ferner in das „gemeine" und in das „Judenbad''. Die „ansehnlicheren" zahlten 6 Kreuzer, die „gemeinen'' Leute und die Juden zahlten in gleicher Weise 3 Kreuzer. Wir sehen also, daß bei gleichen Pflichten, bei gleicher materieller Leistung es selbst einem „gemeinen" Menschen nicht zugemutet werden konnte, mit einem „Juden" gemeinsam zu baden, von den Vornehmen gar nicht zu reden, die ja für dieses Recht doppelt soviel zahlen mußten. Das Prinzip: „Jud, drei Schritt vom Leibe", kam also zur vollen Geltung. Im Jahre 1813 vernichtete ein Hochwasser des Waagflusses alles, was an bescheidenen Badeanlagen bestanden hatte. Für den reaktionären und rückschrittlichen Geist jener Zeit ist es charakteristisch, daß nicht nur ein „Judenbad" in einer ähnlichen Form, wie früher als Bassinbad wiedererstand,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.