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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-08-02 · 31 (2.8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Stmeinöcbktt 3ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-MErlNDE* ZU I Cm\ \yi\Clm AMTLICHES NACHRICHTENBLATT LL 11 I\7 DER GEMEIN DEVERWALTUNGB Da» Crmrlndrblatl rrathrlnt |rdrn In-Uaff und wird den Mitgliedern der RcllfilnnsKcnirlnde unenlgrlllld] dunh dir l'nsl ziiccstrllt - Srhrlitlrltung: Genu-Indcrabblnrr Custav Cohn, Leipzig, Lohrotrafir 10 NUMMER tl / JAHRGANG 5 FREITAG 2» AUGUST 1929 AnzelgenverHaltung und Druck: Hudiriruikrn I August l'ries, Leipzig, Brtiderstr. 5Q - l'ernruf 7000Ö - Pott« sdiedt Leipzig 53Q20 — Nudulruik nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet DER PLAN EINES JÜDISCHEN NATIONLHEIMS VOR HUNDERT JAHREN Von Rabbiner Dr. Carlebach, Leipzig Es dürfte nicht allzu Vielen bekannt sein, daß schon vor mehr als 100 Jahren ein Mann von großein Anseilen und Einfluß, ein genialer Kopf und warmherziger Jude mit dem Gedanken vor die Öffentlichkeit trat, für die verfolgten Glaubensgenossen aller Länder eine neue Heimat ZU schaffen, ein Land, in welchem die über den Erdball zerstreuten Jakobskinder eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte finden sollten. Dieser Mann verdient es, daß sein Name der Vergessenheit entrissen werde. Mordechai Manuel Noah kam 1785 in Philadelphia zur Welt. Einer der Hochzeitsgäste bei der Vermählung seiner Eltern war George Washington, der erste berühmte Präsident Nordamerikas. Jung verwaist hat Noah mit eiserner Energie an seiner geistigen und sittlichen Vervollkommnung gearbeitet. Er war einer der begabtesten Literaten des Landes, dessen Stilgewandtheit und dessen hoher Gcdankenflug allseitig Bewunderung erregte. Verschiedene Zeitungen hat er redigiert und sich vor allem durch die Herausgabe der „City Gazett" einen klangvollen Namen gemacht. Mit wuchtigem Appell hat er sich an seine Mitbürger gewandt, das englische Joch abzuschütteln und den Kampf für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten bis zum glücklichen (icliugcn durchzufechten. In Anerkennung seiner großen Verdienste um den Staat übergab ihm die Regierung das hohe Amt eines Gesandten in Tunis. Aber sein schneller Aufstieg weckte den Neid. Da war eines Tages ein Schiff mit amerikanischen Waren von Seeräubern überfallen und die Besatzung in Gefangenschaft geführt worden. Von Washington aus kam der Auftrag, die Gefangenen auszulösen und vom Bai von Tunis die Hergabe einer großen Summe zu fordern, mit der Begründung, daß er die Seeräuberei in seinem (iebiete hätte verhüten müssen. Der Bai übergab wirklich etwa 10 000 Dollar dem amerikanischen Vertreter Noah, und dieser hat sie auftragsgemäß zur Auslösung der ihrer Freiheit beraubten amerikanischen Bürger verwendet. Aber seine Feinde setzten das Gerücht im l Imlauf, daß er bei diesem Geschäft Gelder veruntreut habe. Er wurde abberufen und kehrte nach New York zurück. In einer Schrift, betitelt „Reisen in England, Spanien und den Staaten der Barbarei'' (New York 1819), rechtfertigt er sich gegen die Anwürfe seiner Feinde mit glänzenden Argumenten. Er hat nachgewiesen, daß das Mißtrauen nicht seiner Person, sondern seinem jüdischen Glauben gelte. Noch deutlicher hat er dieser Überzeugung, daß selbst im freien Lande Amerika der Jude zu Beginn des 10. Jahrhunderts noch schlimmsten Verdächtigungen ausgesetzt sei, in einer Rede Ausdruck gegeben, die er vor großer Öffentlichkeit anläßlich der Einweihung einer von ihm gegründeten Synagoge hielt. Eine Abschrift der Ein- Weihungsansprache übersandte er dem Präsidenten, und dieser schrieb ihm unterm 18. Mai 181S die nachfolgenden denkwürdigen Worte: Herzlichen Dank für die Obersendung Ihrer Ansprache bei der Synagogeneinweihung. Ich habe sie mit Freude gelesen und viele mir unbekannte Dinge aus der jüdischen Geschichte erfahren. Das Leid der Judenheit ist ein trauriger Beweis für den Haß, den die Bekenner der einen Religion gegen die, einer anderen religiösen Auffassung Huldigenden im Herzen tragen. Solange sie sieh schwach fühlen, wagen sie sich mir ihrer Feindschaft nicht ans Tageslicht; sowie sie aber Oberwasser haben, lassen sie sich zu Schmähungen hinreißen. Unser freies Land hat solch verabscheuungswürdigem Treiben ein Ende zu machen gesucht, und hat seine wahrhaft menschlichen Prinzipien jenem tödlichen Gift der Unduldsamkeit entgegengesetzt und den Grundsatz der Gleichberechtigung für alle Bewohner ausgesprochen ohne Unterschied des Glaubens und der Herkunft. Aber leider sind wir doch noch weit entfernt von unserem Ziel. Unsere Gesetze verkünden zw u Freiheit und Gleichheit, in der Praxis aber opfert die große Menge noch immer auf den Altären der Inquisition, und so mancher kleine Gewalthaber ist blind genug, den Wunsch zu hegen, daß auch bei uns noch Scheiterhaufen entzündet und Autodafes gefeiert werden sollen. Die Edlen im Lande leiden unter dein Haß, der sich gegen Ihre Religion richtet, die doch so viel älter ist als die unsrige. Lassen Sie uns hoffen, lieber Freund, daß wir noch die Tage, in denen sich ein Gesinnungswandel bei den Menschen vollzieht, erleben werden, die Zeit, in welcher man auf allen Seiten den edlen Kern entdecken wird, der sich in jeder Konfession findet. Dieser Kern ist das Wesentliche, das allen Braven Gemeinsame! und demgegenüber darf die geringfügige Verschiedenheit zwischen einer Religion und der anderen nicht in Anschlag gebracht werden. Ihr Sie hochverehrender ... Thomas Jefferson. Der Kongreß hatte inzwischen die Angelegenheit von Tunis untersucht und Noah vollkommen rehabilitiert; auch

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