Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Juli 1029 GEMEINDEBLATT DFR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite S as Konkordat in Italien und die Italienische Judenheit. le Juden Italiens ungeachtet der Versicherangen Mussolinis um ihre . ukimN besorgt. — Yor/iigsbchandliing der katholischen Kirche in ragen von Ehe und Krechting. — Jüdische Schulkinder einer Atmoihfire des Hekehrimgswillcns ausgeliefert. — Die kommende jüdische eneratlon gefährdet. — Errichtung eines iüdischen Schulwesens der Inzlge Ausweg. — Die Weltjudenheit darf nicht weiter gleichgültig leihen. Rom. I, Juli (J, T. A.). Der Regierungschef Italiens Signor Musilinl hat vor kurzem gelegentlich des Empfanges des JTA-DIrektors lerrn Jacob Landau diesem gegenüber die Versicherung abgegeben, aß das /wischen dem römischen Staate und der katholischen Kirche eschlossene Konkordat die Lage der jüdischen Gemeinschaft In Itacn womöglich noch verbessert. Ungeachtet dieser Versicherung lacht sicli in den verantwortlichen Kreisen der Italienischen Judenteil hinsichtlich der Auswirkungen des Konkordats eine starke Besorgnis geltend. Der Absehhiß des Konkordats wird als ein Wendepunkt in der Geschichte der italienischen Judenheit und als ein Er- Ignis von Bedeutung auch für die Juden der ganzen Weif angesehen, Mle Leiden der luden im Mittelalter waren auf die Tatsache ZUrückutühren. daß der Kirche Macht In den Dingen des Staates eingeräumt wurde und daß das kanonische Recht gegenüber dem weltlichen Gesetz Geltung hatte. Emanzipation und politische Gleichberechtigung wurden von den Juden Italiens erst nach der Trennung Jer Kirche vom Staate errungen. Das letzige Konkordat nun. das den Status der katholischen Kirche Innerhalb des Staates wieder befestigt, bedeutet in dieser Hinsicht einen Rückschritt. Die Erklärung Mussolinis, dali die niclitkatholischen religiösen Gemeinschaften auch nach dem Konkordat der katholischen Kirche gegenüber gleichberechtigt sind, stimmt mit der Wirklichkeil nicht Oberein. In mehreren wichtigen Punkten, wie Im Erziehungswesen und im Eherecht ist die katholische Kirche sehr im Vorteil gegenüber den nichtkatholischen Gemeinschaften. Der Staat anerkennt z. B. eine Ehe schon als xt'iltin. wenn sie von einem katholischen Priester gemäfl dem kanonischen (iesetz vollzogen wird: auch Trennungen solcher katholischer Ehen werden von rein kirchlichen Gerichten erledigt. Ehen nlchtkatholischcr Religion werden aber nach dem Zivilgesetz geschlossen, die Priester fungieren mir als Zelebranten. Ein noch gröberer Unterschied besteh) bei Ehetrennung, Wenn ein EheschluB durch einen Rabbiner vollzogen wird, kann nur das Zivilgericht eine solche Ehe trennen, während bei Ehen, die durch einen katholischen Priester geschlossen w erden, nur eine von einem Kirchlichen Gericht gemäß kanonischem Gesetz ausgesprochene Trennung als gültig anerkannt wird: so kann z. B, das kanonische (iesetz gewisse Fälle von Ehetrennung sanktionieren, die nach italienischem Zivilgesetz nicht zugelassen sind. Den Juden wird es schwerer gemacht, eine Scheidung, besser gesagt, Trennung einer Ehe durchzuführen, als den Katholiken. Mierin stellt Italien einzig in der Welt Weder die katholische Kirche, noch uas Zivilgesetz lassen eine Ehescheidung zu. aber die katholische Kirche darf in besonderen Fällen eine Trennung der Ehe aussprechen. In dieser Hinsicht ist das Zivilgesetz noch viel strenger als das kanonische Recht. Die Jüdische Gemeinde ist au die Regierung mit dem Ersuchen herangetreten, den Rabbinern zu erlauben. Ehen, ähnlich wie im kanonischen (iesetz vorgesehen, zu trennen: das Verlangen wurde zurückgewiesen, damit nicht der Anschein erweckt wird, dal! die Jüdische Kirche den gleichen Status wie die katholische Kirche besitzt. Die katholischen Kreise beharren darauf, daß die katholische Kirche die einzige Staatskirche ist, und dali die anderen Kirchen mir geduldet sind, wobei diese Kreise erklären, dali die Aenderiin« der Bezeichnung „geduldet" In ..anerkannt" In Wirklichkeil die Sache nicht anders macht. Auch die Lage Im Erziehungswesen der Juden hat sich verschlechtert. Die italienischen Staatsschuld! sind katholische Schulen. Früher einmal konnten jüdische Kinder Staatsschulen besuchen, ohne in religiöser Beziehung Gefahren ausgesetzt zu sein. Die Schulen waren noch weltlich, l('-'.f aber setzte der damalige faschistische Unterrichtsminlster Prof. Qentlle ein Unterrichtsgesetz durch, das die Schulen In katholische Institutionen umgewandelt hat. Artikel 3 dieses Gesetzes besagt, daß „das Lehren christlicher Doktrinc gemäß der durch die katholische Tradition gebildeten Form li.isis und Ziel des elementaren Unterrichtes in allen seinen Stadien ist". Demzufolge setzten jüdische Eltern, die ihre Kinder in die Staatsschulen schickten, diese dem katholischen Einfluß ans. Befreiung von der Teilnahme am Religionsunterricht löst das Problem nicht; denn gemäß dem Gentile-Qesetz sind auch die Gesangsstunden religiöser Musik gewidmet und auch der Untcricht in Italienisch wird dazu benutzt, um die Helden und Märtyrer des katholischen Glaubens zu verherrlichen. Im Geschichtsunterricht wie In den meisten anderen Fächern sind die Lehrer angewiesen, soviel wie möglich religiöse Themen zu behandeln. So ist der gesamte Unterricht in den Staatsschulen vom katholischen Geiste durchtränkt Die wiederholten Bemühungen der italienischen Juden, irgendeine erleichternde Maßnahme bei der Regierung durchzusetzen, blieben immer erfolglos. Womöglich wurden lüdische Schulen eröffnet, die das Unterrichtsprogramm der Regierung befolgten, dabei die Jüdische Religion pflegten. Die Regierung wurde ersucht, diese Schulen finanziell zu stützen: aller obwohl Prof. Qentlle Im Jahre lO'.S dem inzwischen verstorbenen jüdischen Senator Polacco das Versprechen gab, diese Schulen zu subventionieren, ist dies bisher in keinem Falle geschehen. Damals schilderte Senator Polacco In einer bewegten Rede im Senat die schwere Lage der iüdischen Fitem und jüdischen Kinder und rief: Ihr mach! aus den Schulen Zentren religiösen Proseiytentums! Das religiöse Bewußtsein der Iüdischen Kinder wird verkrüppelt, die Kinder werden Ihren Familien entfremdet. Wir Italienische Juden, die stets Vaterland und Glauben als eine Einheil angesehen haben, fühlen ietzt. daß in diesem Lande Gleichberechtigung und religiöse Toleranz vernichte) werden. Das ist moralischer Pogrom, der nicht weniger schrecklich ist ah physischer Pogrom, wie er von fanatischen Massen rückständiger Länder veranstaltet wird. So weit Polacco. Die Ifidische Gemeinschaft in Italien ist die älteste In Europa. Ihre Beziehungen zu der nichtjüdischen Bevölkerung waren suis freundschaftlich, ja intim. Die Juden bilden hier einen so kleinen Prozentsatz der Bevölkerung, dal! Italien eines der wenigen Länder gewesen ist. die eine Judenfrage nicht kennen. Vor zehn Jahren wäre ein Vorschlag, iüdische Sonderschulen zu errichten, als absurd angesehen worden. Heute erscheint die Errichtung indischer Schulen als der einzige Weg. um die italienische Judenheil vor dem Untergange zu retten. Aber der Gedanke, ein eigenes lüdlsches Schulwesen zu errichten, ist angesichts der kleinen Zahl von Juden in Italien auch ein finanzielles Problem, In Rom. das die größte jüdische Gemeinde Italiens beherbergt, kann die lüdische Schule nur 250 Kinder aufnehmen; mehr als lniiii jüdische Kinder müssen allgemeine Schulen besuchen. Die Führer der italienischen Juden wissen nicht Rat W wie Signor Mussolini behaupte) hat, die jüdische Gemeinde wirkl den gleichen Status wie die katholische Kirche haben, so müßte der Staat für den Unterhalt indischer Schulen zumindest in den Kl Gemeinden sorgen. Vielleicht befürchte! die Regierung, daß dann auch die Deutschen in Südtirol auf Unterstützung ihrer Seh leu Anspruch erheben würden. Es würde jedoch nicht das gleiche sein, weil die iüdischen Schulen italienische Schulen sein würden mit dein einzigen Unterschiede, daß statt der katholischen die lüdische Religion gelehrt wird. Die katholischen Schulen und auch die katholische Geistlichkeit werden durch Steuern erhalten, zu denen die luden beitragen; die Juden haben deswegen ein Recht darauf, daß der Staat ihre Schulen finanziell unterstützt. Es herrsch) hier das Gefühl vor, daß diese Frage die Zukunft des Judentums In Italien berührt und CT Central-Theater -BETRIEBE LEIPZIG Anton Schneider / Diu rieh ring 19 CT-KAFFEE-RESTAURANT Gastspiel der Kapelle Ernö Geiger aus Wien CT-C ASINO-TANZC AB ARET Ilse van Wyk Engelbert Milde ■ Duo Orloffs Täglich 5-Uhr-Tee bei freiem Eintritt Kein Gedeckzwang!