Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Juli 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG St!te 3 Jüdische Verbände und Gemeinden I ine thüringische Staatsleistung für Rabbinerbesoldung Der thüringische Landtag verabschiedete, wie aus Weimar tele- .iphiert wird, den Etatvoranschlag Uber die Staatsleistungen an die relic. Von der Gesamtausgabe in Hölie von 3460000 Mark erhallen le katholische Kirche 55 000 Mark und die jüdische Gemeinschaft als i leitrag zu den Dlenstbezflgen der Landesrabbiner in Elsenach und ieiningeu 5000 Mark, während 3,4 Millionen Mark der evangelischen andeskirche zufließen. Diese Leistungen werden sich aber in Zu - unft noch wesentlich erhöhen. Der Abgeordnete Dintcr, der wegen eines Kampfes gegen die katholische Kirche aus der nationalsoziastlschen Partei ausgeschlossen worden ist, hielt heute Im Landtag Ine Rede, in der er ausführte, die heutige Kirche sei nichts anderes, ls eine jüdisch-christliche Kirche, eine jüdisch-römische Diktatur. Die Arbeitslosenunterstützung muß an Schomre Schabbos gezahlt werden Entscheidung des Oberversicherungsamtes gegen das Landcsarbeitsamt In Frankfurt Bekanntlich war gegen das Landesarbeitsamt in Frankfurt ein l'rozelJ angestrengt worden, weil dieses einem sabbathtreuen Arbeiter lie Arbeitslosenunterstützung entzogen hatte, als er sich weigerte, eine ihm zugewiesene Stelle mit Sabbatharbelt anzunehmen. Vor der Spruchkammer des Oberversicherungsamtes In Wiesbaden hat nun unter dem Vorsitz des Regierungsrat Dr. Langenhagen ilie Verhandlung gegen das Landesarbeitsamt stattgefunden und mit einer für alle beteiligten Kreise überaus wichtigen Entscheidung geendet Das Urteil der Kammer ging dahin, daß es dem beklagten Präsidenten des Arbeitsamtes nicht gelungen sei, den De weis dafür zu erbringen, daß innerhalb der Arbeitsvermittlung die Rücksichten geübt worden sind, die von einem größeren Personenkreis in beiUg auf dessen religiöse Einstellung mit Recht gefordert werden dürfen. Somit ist von vorneherein, bei Zuweisung einer am Sabbath nicht arbeitsfreien Stelle an einen religiösen .luden gegen den obersten Grundsatz der individuellen Arbeitsvermittlung verstoßen worden. Deshalb — so führt das Urteil weiter aus -- liegt in der Weigerung, eine solche Stelle anzunehmen, nicht nur keine unbegründete Arbeitsverweigerung im Sinne des Gesetzes, sondern es ist auch darüber hinaus die Feststellung zu treffen, daß einem religiösen Juden nicht die Leistung der ersten besten Arbeit abverlangt werden darf, wenn diese ihn in schwere Gewissenskonflikte bringt. Demgemäß entscheidet das Urteil, das in weitesten Kreisen die allergrößte Befriedigung ausgelöst hat. daß dem Kläger die Arbeitslosenunterstützung nicht entzogen werden darf. Die Jahresversammlung des Rates von HIAS-JCA-EMIGDIREKT in Paris In Paris wurde in diesen Tagen die Jahresversammlung des Rates von HIAS-JCA.EMIQDIREKT (HICFM) unter dem Vorsitz von Dr. Oskar Cohn abgehalten. Fs nahmen an den Beratungen teil die Herren A. Benjamin und Dr. James Bernstein von Hl AS in New York. Justizrat Dr. HIau-Fraiikfurt a. M., der Vizepräsident der .ICA Leonard L Cohen und d'Avigdor Qoldsmid aus London. Direktor Joachimsohn- Herlin, Gribeschok-Riga, Prof. Dr. Mittwoch-Herlin, Leo Motzkin- Paris, Geh.-Rat Dr. J. Stern-Berlin, Dr. M. Krainin-Paris, Latzki- Bertholdi-Riga. Dr. Fdouard ()ungre-Paris, S. Reinaeh-Paris, M. Sehalit-Wilna. Als Gäste nahmen an der Sitzung teil Dr. Alfred Klee- Herlin. Dr. Louis <lungre-Paris. Dr. Silberschein-Lemberg. Hei Heginn der Sitzung machte der Vorsitzende Dr. Oskar Cohn Mitteilung über das in Paris erfolgte plötzliche Ableben des Präsidenten der Jewisfa Colonosation Association (JCA), Franz PhlHppson, der zur Leitung einer Sitzung des Rates der JCA aus Brüssel hier eingetroffen war. Nach der Gedenkrede des Vorsitzenden wurde die Sitzung zum Zeichen der Trauer geschlossen. Hei Wiedereröffnung der Sitzung gab der Vorsitzende ein Resume des ausführlichen Berichtes der Direktion über die Tätigkeit von HIAS-.ICA-FMIGDIRFKT für die Zeil vom 1. April 1927 bis 31. Dezember 1928. Nach dem Frgebnis dieser zwei Jahre zu urteilen, hat sich die jüdische Auswanderung auf jährlich .15 000 bis 41)(MK) Personen stabilisiert. Ungeachtet dieser Verminderung der jüdischen Auswanderung im Vergleich zu früheren Jahren wird der Emigrantenschutz immer schwieriger, der Umfang der Arbeit wird immer größer. Im Hinblick auf die bestellenden Einwanderungseinschränkungen in den europäischen Ländern geht der ganze Strom der Auswanderer nach Uebersee. Dieser Zustand drückte sich in der Arbeit von HIAS-ICA- EMIQDIREKT in folgenden Ziffern aus: Im Jahre 1927 haben sich rund •MOnO, im Jahre 1928 mehr als 5.100(1 Auswanderer an die Komitees von HICFM in den Auswanderungsländertl gewandt. Die HICEM- Komltees gewährten luridischc und konsularische Hille in 10 975 Pillen im Jahre 1027 und in 19816 I allen im Jahre 1928. Die Zahl jener Einwanderer, die die Hilfe der Komitees in Argentinien, Brasilien, Uruguay, Kanada, als in lenen Ländern, in denen HICFM eine intensivere Tätigkeit entwickelt, in Anspruch genommen haben, betrug im Jahre 1927: 645.1, im Jahre 1928: 10831. Die Zahl der Einwanderer, die in diesen vier Ländern durch die Arbeltsbüros von HICFM Arbeit zugewiesen erhalten haben, betrug 1927: 188«, 1928 : 4367. Im Jahre 1928 haben 2444 Einwanderer in Argentinien und Kanada ihre Einwanderungszertifikate durch die Komitees von HICFM erhalten. Finc große Zahl Emigranten nahm auch materielle Hilfe in Form von Darlehen und Vorschuß auf Reisekosten in Anspruch. Die Gesamtsumme dieser Darlehen betrug 1927 über 45 000 Dollar. 192S über 100 000 Dollar. Die Gesellschaft hat Vorkehrungen getroffen, um die Einwanderer den Lebensbedingungen in den Einwanderungsländern anzupassen, und hat zu diesem Zweck Sprachkurse eingerichtet und für eine berufstechnische, sowie landwirtschaftliche Ausbildung der Wanderer gesorgt. Der Frfolg der Sprachkurse steht schon heute fest. Uebcr die Resultate der'berufstechnischen und landwirtschaftlichen Ausbildung kann man endgültige Feststellungen noch nicht machen, das Experiment wird fortgesetzt. In der zweiten Hälfte 1928 baute HIAS-.ICA-FMIGDIRFKT die Kredithilfe in den Einwanderungsländern aus. Fs wurden geschaffen bzw. gestützt Leih- und Sparkassen in Argentinien, Hrasilicn und Uruguay. Den Einwanderern wurde der Erwerb von Produktionsmitteln erleichtert, wodurch sie sich schneller den bestehenden Arbeitsbedingungen anpassen konnten. Zum Schluß wies Dr. Oskar Cohn darauf hin. daß sich in der allerletzten Zeit die Lage im Auswanderungswcseu sehr viel verschlechtert hat. Die Einwanderungsbeschränkungen in Argentinien. Kanada. Südafrika und in anderen Ländern werden immer strenger gehandhabt; Hauptaufgabe von Hl AS-IC A-FMIGDIRF.KT in der nächsten Zukunft wird es sein, energische Maßnahmen zur Erweiterung der Finwanderuugstnöglichkeiten für jüdische Wanderer zu ergreifen. Direktor Joachimsolm erstattete den Bericht des Revisiousansschusses und stellte fest, daß die finanziellen Operationen vollkoi.....ei im Rahmen des Budgets und in bester Ordnung durchgeführt wurden. Nachdem Leo Mofzkin in einer eingehenden Ansprache die guten Resultate der bisherigen Zusammenarbeit zwischen HIAS-.ICA und FMIGDIREKT auf dem Gebiete der Auswanderung festgestellt hatte, bestätigte der Rat einstimmig den Tätigkeits- und Finanzbericht und ratifizierte das Hudget der Emigrationsvereinigung HICFM für das Jahr 1929. welches zu Jahresbeginn durch die Executive genehmigt wurde. Der Rat nahm mit Bedauern zur Kenntnis, dal! der Vertreter von Hias of America in der Direktion von HIAS-JCA-FMIGDIRFK I". Herr Dr. James Bernstein, sein Arbeitsfeld in Europa verläßt und nach den Vereinigten Staaten zurückkehrt. Der Vorsitzende dankte Dr. Bernstein für seine befruchtende und erfolgreiche Mitarbeit und gab der Hoffnung Ausdruck, daß er auch in den Vereinigten Staaten für das Werk der Emigrationsvereinigung wirken wird. Der Vorsitzende begrüßte den neuen HIAS-Vertreter in Europa. Herrn A. Heniamin. Vizepräsidenten von HIAS in New York, dessen großes und hingebungsvolles Wirken auf dem Gebiete der jüdischen Emigration allen bekannt ist. Zum Vorsitzenden des Rates von HIAS-.ICA-FMIGDIRFKT für das kommende Geschäftsjahr wurde einstimmig Herr Dr. James Simon-Berlin gewählt. Die bisherige Executive wurde wiedergewählt mit dem Unterschied, daß Herr Benjamin au die Stelle von Dr. James Bernstein tritt. Der Rat drückte der Direktion, die nun aus A. Benjamin, Dr. Fdouard Oungre und Dr. M. Krainin besteht, das Vertrauen aus und nahm die Mitteilung der Direktion zur Kenntnis, daß das Abkommen zwischen den drei Gesellschaften Hl AS-JCA-FMIGDIRFK I am 30. März 19.10 abläuft. In Anbetracht der erreichten wichtigen Resultate der Zusammenarbeit drückte der Rat den Wunsch aus. daß das Abkommen erneuert werde. (Wie schon mitgeteilt, soll das Abkommen zwischen HIAS, JCA und FMIGDIREKT über die gemeinschaftliche Führung und Kontrolle des gesamten jüd. Auswanderung*- wesens vorläufig bis zum Jahre 19.1.1 verlängert werden.)