Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GliMLINDKBLATT DER ISRAELITISCHEN RELICIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer i rühmt; aber die Lorbeeren, die man auf dem Felde des Feuilletons sich pflückt, welken allzu rasch. So hoch man auch den W ert de.s Feuilletons Herzls und seiner sonstigen literarischen Arbeiten einschätzen darf, so kann doch nur blinde Verehrung Ihn zu den unsterblichen Helden der Feder rechnen. Theodor Herzl schrieb entzückende, zierliche kleine Sachen, literarische Nippes, die einem das Herz im Leibe erfreuen, wenn man sie besitzt, deren Fehlen aber keinen fühlbaren Mangel bedeuten. Durch Verfertigung von Nippsachen erlangt man keine Unsterblichkeit. Nicht als Schriftsteller — als Schöpfer einer großen jüdischen Bewegung hat Herzl seinen Namen in die Tafeln der Geschichte eingeritzt. Bei Theodor Herzl ist der Jude von dem Schriftsteller streng zu sondern. Als Schriftsteller schrieb Herzl nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch im deutschen (leiste. Wilhelm Goldbaum ineinte einmal scherzend, Theodor Herzl schreibe einen pariserisch jüdischen Stil. Pariserisch — wäre wohl möglich, aber jüdisch war Herzls Stil ganz und gar nicht. Um einen jüdischen Stil zu schreiben, dazu muß man mindestens so viel jüdischen Geist besitzen, wie Wilhelm Goldbaum ihn besaß. Wenn der Stil überall den ganzen Menschen ausmachte, so müßte man Karl Emil Franzos für einen bessern Juden als Theodor Herzl erklären. Denn in den Werken Franzos* ist viel jüdischer Geist vorhanden, in den Büchern Herzls dagegen einschließlich der spezifisch jüdischen „Das neue Ghetto" und „Altneuland", ist kaum ein Hauch jüdischen Geistes zu verspüren. Ganz anders war Herzl der Jude. Das war wirklich ein Jude in altneuer Gestalt, eine Mischung von Altertümlichem und Modernem; das Altertümliche verlieh ihm Ehrwürdigkeit, das Moderne — Grazie. Altertümlich wirkte seine üuliere Erscheinung: eine Judengestalt wie aus alter Zeit mit dem Barte eines Patriarchen, der Stirn eines Denkers und der Rede eines Propheten; und modern an ihm war die Anmut in seinem Wesen, das Vornehme in seinem Auftreten und der Esprit seines Geistes. Herzl der Schriftsteller war zart, mild, biegsam und schmiegsam: Herzl der Jude war hart, trotzig, unbeugsam und selbstherrlich. Des Schriftstellers Herzls Stil war graziös, elegant, aber von nicht sonderlich individueller Art [es war der Wiener Feuilletonstil mit geringem Einschlag eigener Färbung). Der Jude Herzl dagegen hatte Stil. Charakter. Großzügigkeit. Ursprünglichkeit — alle Kennzeichen einer starken Persönlichkeit. Theodor Herzls literarisches Testament Das von Dr. I). Nussenblatt herausgegebene, im jüdischen Buchüiii) Kunstverlag, Brünn, erschienene Buch ..Zeitgenossen über Herzl" enthält da-, bisher noch nicht veröffentlichte literarische Testament Theodor Her/N. LS lautet: ..Mein literarisches Testament (am 12. Februar l«y7>. Es gebOhrt sich, auf den Tod vorbereitet zu sein. Ich will keine Redensarten machen. Was ich den Juden war, wird eine kommende Zeit hesser beurteilen als die große Menge der Gegenwart. Mein hauptsächlicher NachlaB sind die tagebuchartigen Aufzeichnungen über mein Wirken in der Judensache. Es sind bis jetzt vier Bücher, die teils bei meinem Vater, teils bei mir liegen. Ich werde sie vielleicht spater an einem sicheren Ort deponieren. Diese Memoiren sollen bald nach meinem Tode publiziert werden. Zur Herausgabe, Sichtung der Texte usw.. ist eine Kommission ZU bilden. In diese Kommission entsendet der ZI OOS verband für Österreich zwei Mitglieder; und einen literarischen Beirat, der, wenn möglich, meinem Freundeskreise angehören soll, ernennt den Vormund meiner Kinder. Es im mit einer anständigen Yerlagsfirina ein Vertrag über die Heransgabe, und zwar in deutscher und englischer Sprache, abzuschließen. Das Vermögensrechtliche daran obliegt dem Vormund meiner Kinder. Vielleicht wird auch eine Sammlung meiner zionistischen Artikel und Reden erwünscht sein. Hierfür gelten die gleichen Bedingungen wie für die Memoln Ferner empfehle ich einen Verleger für meine anderen Schrift« zu suchen. Ich denke, man soll meine 'Theaterstücke in einer Sammlui herausgeben. Mein liebstes Stück ist das .Ghetto'. Auch das Fragment di .Fhekomödie', die ich in Wiesbaden zu schreiben begann, soll in d Sammlung kommen; als Nachtrag dazu die Notizen, die für seh. (ende Künstler ein Kuriosum sein dürften. Ein Band soll die au Frankreich für die .Neue Freie Presse' geschriebenen, noch nicht i Buchform publizierten Feuilletons und Artikel enthalten. Meine übrigens noch nicht in Buchform publizierten Feuilleton werden wohl mehrere Bande füllen. Mein Name wird nach meinem Tode wachsen. Darum glaube ich, daß für alle meine Werke sich ein Verleger finden wird. Ich habe heute, wie in jedem Augenblick, seit ich schreibe, da Bewußtsein, die Feder stets als ein Ehrenmann geführt zu haben. Ich habe meine Feder nie verkauft, nie Gemeinheit, nicht einmal Kameradschaft durch sie getrieben. Dieser letzte Wille kann publiziert werden. Es wird sich selbst nach meinem 'Tode niemand finden, der mich Lügen strafen kann." Theodor Herzls Leben 1860 zu Budapest geboren, erhält er eine Erziehung von nur geringem jüdischen Einschlag. Von 1878 au widmet er sich in Wien literarischen und juristischen Studien und um Ii dann bald seine Absicht, die Richterlaufbahn einzuschlagen, wegen des herrschenden Antisemitismus aufgeben. Nun widmet er sich ganz literarischen Arbeiten und macht sich mit einer Anzahl Feuilletons einen Namen. Von 1890—95 ist er Pariser Korrespondent der ..Neuen Freien Presse". Der Dreyfußprozeß (Oktober 1894) bringt ihn, ihm selbst unerwartet, zu den Gedankengängen, die er im „Judenstaat" in einer Nacht niederlegt. Fr fühlt in Dreyftiß sich selbst aufs tiefste entwürdigt und im Bedürfnis, die Grundlage eigenen freien Selbstgefühls neu zu schaffen, kommt er zu der Ueberzeugung, daß es notwendig sei, in irgendeinem 'Teile der Welt einen unabhängigen .ludenstaat zu begründen. Ein Fanatiker der Tat geht er zum Baron Hirsch, um ihn für seine Pläne zu gewinnen und wird zurückgewiesen. Fr bekommt Fühlung mit chowewe-zionlstlschen Kreisen, den Vorläufern des politischen Zionismus und stellt von mm ah Palästina in das Zentrum seiner Bemühungen, Fr entwirft d&S Bild einer Society of Jews, die getragen voh religiösem Gefühl und Sehnsucht nach einer Heimat, Gruppen von Juden nach Palästina ausreisen läßt, die von Rabbinern geführt, dort ein unabhängiges Staatsleben entwickeln. Für diese Ideen beginnt er, von Max Nordau unterstützt, eine propagandistische 'Tätigkeit großen Stils zu entwickeln. Hier faßt er den Plan eines jährlich zusammentretenden Weltkongresses und gründet zu dessen Vorbereitung aus eigenen Mitteln „Die Welt" unter heftiger Gegnerschaft der offiziellen jüdischen Kreise. Fr eröffnet 1897 den ersten Zionistenkongreß in Basel, der die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina fordert. Zur Verwirklichung dieses Planes besucht er in den folgenden Jahren die einflußreichsten europäischen Höfe und wird wiederholt vom Großherzog von Baden, Kaiser Wilhelm II., von dem König von Italien, dem Papst, dem (iroßvesir und dem Sultan empfangen. Hierbei ebnen ihm der englische Kolonialminister Chamherlaiu, Salisbury, Lord Laudsdown und zahlreiche deutsche und russische Persönlichkeiten von großem Einfluß die Wege. Fs folgt eine Periode des verzweifelten Suchern nach irgendeinem für die Kolonisation in Frage kommenden Boden, eine Kette von diplomatischen Verhandlungen, die. immer wieder scheiternd, schließlich eine heftige Opposition im zionistischen Lager gegen Herzl auf den Plan rufen. Während dieser Zeil und z. T. auch schon vorher schrieb er die sehr erfolgreichen Lustspiele: ,.Der Flüchtling", „Prinzen aus Qenieland", „Wilddiebe", „I love von", „Unser Käthchen", die Schauspiele: „Das neue Gettho", „Grctel", „Solon in Lydien" und „Seine Hoheit", außerdem die zionistischen Schriften, unter denen der Roman „Altneuland" hervorragt und zahlreiche Feuilletons. Während der gesamten Zeit bleibt er der Redakteur des unterhaltenden und literarischen 'Teils der „Neuen Freien Presse" in Wien. Die Vielseitigkeit seiner aufreibenden 'Tätigkeit und nicht zuletzt die Innerzionistischen Kämpfe, verstärkten sein Herzleiden, dem er 1904 am Semmering erlag. Fr starb ohne Hinterlassenschaft. Fr hatte sein ganzes Vermögen der Bewegung geopfert.