Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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i&meitiö cblott I5ER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEMEI N DE ZU | (■|D7|^LAMTLICHES NACHRICHTENBLATT L«m I Im l\7 DER GEMEINDE-VERWALTUNG* Das (lenielndeblalt erscheint Joden 1'reltag und wird den Mitgliedern der Rellglnnsgemeinde unentgeltlich tlurdi dir Post zugestellt - Schrlftlcltung: Genieinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstrattc lo NUMMER IO / JAHRGANG S FREITAG 26» JULI 1920 Anzelgcmerwaltuug und Druck: Huduliink« i« l Anluvt Pries, Leipzig, Brüdcrslr- SO — 1 ernrul 7000Ö - l'ostschecic Leipzig 5.V> 2() — Nachdruck mir mit Ourllenangabe und mit (•ciic-bmigung des VlifftlI■ gdtattefl THEODOR HERZL Zu seinem 25. Jahrzeitstag, 28. Juli Von S. MciscK Voilä 1111 Juli — konnte man auf Theodor Herzl einen bekannten Ausspruch abwandeln. Mau mag sich /.um Zionismus stellen, wie man will — Freunde, (ieguer und Überwinder, sie gestehen ZU jeder Zeit: Theodor Herzl w ir ein großer Jude, einer der Größten, die das Judentum hervorgebracht hat. In der Geschichte des Judentums hat er sieh einen Ehrenplatz erkämpft, erworben und für die Ewigkeit gesichert. I£r war ein Mann voll Biederkeit und Ritterlichkeit, grob" im Wollen und stark im Glauben au sein Ideal. Sein Streben war selbstlos, sein Wille ehrlieh, Ein ehrlicher Wille ist selbst eine «mite Tat. Theodor ller/.l war der Schöpfer des Zionismus. Der politische Zionismus ist sein < iedanke und sein Werk. Ihm widmete er alle seine geistigen und physischen Kräfte, für ihn kämpfte, stritt und litt er bis zum letzten Atemzuge seines Lebens. Herzl war auch ein grolJcr lirweeker; in Tausenden und Abertausenden von jungen Juden rief er das jüdische Selbstbewußtsein wach. Sein Mahn- und Weckrui »Rückkehr zum Judentum 1M tönte durch alle Judenbezirke und fand allenthalben mächtigen W iderhall. Herzl selbst aber isi diesem seinem Weckruf zu allererst gefolgt. Den Weg. den er zeigte, war er selbst gegangen: die K'ückkehr zum Judentum vollzog er in seinem eigenen Herzen, l ern war er dem Judentum, um nicht zu sagen fremd, da drang der Schrei seiner leidenden Brüder au sein Ohr, und er erwachte aus dem sflBetl Rausch eines an Erfolgen reichen Schriftstellerlebens, sein Geist klärte sich, sein Herz weitete sich, er kehrte zu seinen Brüdern zurück und überhäufte sie mit seiner Liebe. Die erste Frucht von Herzls Rückkehr zum Judentum war die Schrift „Der Judenstaat". Das Buch wirkte wie ein Fan« tarcnstol!: ein alter Traum ward wieder rege, eine alte Hoffnung hatte einen frischen Lebeushauch bekommen. Iis gab auch vor Herzl Zionisten; aber sie wußten nicht klar, was sie eigentlich wollten, sk arbeiteten ohne deutlich sichtbares Ziel, vielleicht in der Meinung, da Ii sich aus der Arbeit Zweck und Ziel von selbst ergeben würden. Der Zionismus in seinem primitiven Zustande war eine Ulyssestahrt; erst Herzl steuerte ihn in den richtigen Hafen. Nicht was sie wollen, sondern was sie wollen sollen, das hat Herzl die Zionisten gelehrt. Zwar haben schon vor ihm etwelche geistige jüdische Männer dasselbe, wenn auch mit weniger präzisierten Worten, gesagt, geschrieben und drucken lassen, aber Herzl hatte das Glück, gehört zu werden, und deshalb gebührt ihm der Ruhm, der eigentliche Schöpfer des Zionismus zu sein. Theodor Herzl war nicht nur ein Mann der Leder, sondern auch in weit höherem Maße ein Mann der Tat. Anregungen geben, die ein anderer ausführen sollte, war seine Sache nicht. Hatte er erst den Plan entworfen, so wollte er ihn auch selber ausführen. Bereits ein Jahr nach dem Erscheinen des „Juden- Staates" berief er den ersten Zionisten-WeltkongreB nach Basel. Wir haben uns heute au Zionistenkongresse schon gewöhnt, sie machen heute nicht mehr einen nach außen wirksamen Eindruck; aber der erste Zionistenkongreß, der im August des Jahres 1897 in Basel tagte, war doch wirklich ein nie gesehenes historisches Ereignis. Das Synhedrioii Napoleons, von dein in der jüdischen Geschichte so viel Aufhebens gemacht wird, war ein Miniaturbild im Vergleich zu dieser imposanten Versammlung. Schon als Demonstration hatte der Kongreß eine außerordentliche Bedeutung. Für die zionistische Bewegung selbst hat er Vieles und viel Braktisches geleistet. Er hat klar die Bahnen des Zionismus gezeichnet, ein Prograinni geschaffen, eine Organisation ins Leben gerufen, die Schekel-Institution erneuert, die Kolonialbank begründet. I s war ein langgehegter W unsch des Professors Hermann Sclwpira in Heidelberg, dal! eine jüdische Kolonialbank gegründet werde. Bei Schapira blieb es jedoch ein frommer Wunsch, ein Lieblingsgedanke, erst Herzl Meli diesen Gedanken zur Tat reifen. Mau hörte es früher oft und hört es zuweilen noch heute: Herzl war ein Träumer. Allein der Kongreß, die zionistische Weltorganisation, die Schekelinstitution, die Kolonlalbank sind doch wahrlich etwas mehr als bloße Träume. Und wir dürfen auch nicht vergessen: der Zionismus, so sehr er sich auch in den letzten Jahren durch neue Anschauungen und neue Verhältnisse weit weg von Mer/I entwickelt haben mag, bleibt doch schließlich llerzls W erk. Als Theodor Herzl Führer der Zionisten wurde, bedauerten manche. daß ein so geistvoller Schriftsteller und glänzender Stilist der Literatur verloren «ehe. Die Leute, die so sprachen, haben entweder den Zionisicnführer Herzl unterschätzt oder den Schriftsteller Herzl überschätzt. Als Führer der Zionisten ist Herzl eine historische Persönlichkeit geworden, wäre er aber nur Schriftsteller geblieben, so hätte die Zeit seinem Ruhme eine gar enge Grenze gesetzt. Herzl war ein Schriftsteller von Rang und als Feuilletonist wirklich be-