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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-07-12 · 28 (12.7.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
28 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Ntininu 2H unter Nichtjuden wirkend darstellen könnte, der durchaus nicht von inneren und äußeren Widersprüchen geschüttelt wird, sondern so gut wie jeder andere Mensch sein Werk mit dem Blick .uns Werk tut. wenn er es natürlich auch so tut wie eben ein Jude. Nun. w ir besitzen ein solches Dokument wahrhafter Emanzipation — nicht in der deutschen Literatur, aber in einem jüngst übersetzt erschienen russischen Roman von A. Fadejew ..Die Neunzehn". Dies Buch gibt uns einen Ausschnitt aus dem Bürger- und Interventionskrieg in Ostsibirien, die Erlebnisse der Partisanenabteilung Lewinsohn. Gleich auf der ersten Seite ist unser „Problem des jüdischen Führers" angetönt. Jossei Abramowitsch Lewinsolm gibt einem einen unangenehmen Befehl. ..Spitzbube." dachte die Ordonnanz gekränkt blinzelnd, ..alle Juden sind Spitzbuben." Wie bewältigt nun Lewinsohn dies Problem? Hinfach: indem er die Aufgabe des Führers überhaupt bewältigt. Die Situation ist einzigartig und wahrhaft eines Juden würdig. Ohne jede militärische Ausbildung, sogar ohne schieben zu können, ist Lewinsohn als Befehlshaber zur Truppe geschickt worden. In der ersten Zeit muß er fast seine ganze seelische Kraft im Gefecht darauf verwenden, die Angst um das eigene Leben zu überwinden. Ks heißt von ihm: „Er kannte viele der eigenen Schwächen, auch die anderer, und dachte, daß man die Menschen nur führen könne, wenn man sie auf ihre Schwächen hinweist, die eigenen aber unterdrückt." Und: ..Niemand ahnte, daß er zaudern könnte, er präsentierte immer ein fertiges Ja oder Nein." Oder in einer angstvollen und unsichtigen Lage: ..In seiner äußerlichen Haltung gab er förmlich kund, daß er ausgezeichnet wisse, wozu dies alles geschähe und wohin es führe." Und wenn die Gefahr der Situation sich nicht mehr verbergen läßt, gibt Lewinsohn ein Beispiel: „Er war jetzt immer unter den Leuten... der einzige, der noch nicht das Lachen verlernt hatte." Und er muß führen, um des Zusammenhaltens w illen, selbst wenn er nicht mehr wissen kann, wohin: ..Kr wählte diese Richtung, weil er der Abteilung irgendeine Richtung unbedingt geben mußte," heißt cs auf der Flucht in den Waid. Sie geraten in den Sumpf: „Sie suchten einen Schuldigen an ihrem Unglück. Und selbstverständlich war dies Lewinsohn! Hätten sie ihn jetzt sehen können... Da erschien er plötzlich vor aller Augen ... Nervös und scharf seine hohe heisere Stimme: .Wer tritt aus der Reihe? Keine Panik!" und zog seine Pistole. .Abteilung. Achtung! Wir überdämmen den Sumpf!*" Wieder hat er eine Richtung gegeben; einen Plan, eine Aufgabe! „Und die Masse, die eben noch bereit war. zu weinen oder zu töten, geriet plötzlich in eine unmenschlich rasche, gehorsame, eifrige Bewegung.'* Wir haben hier gleichzeitig ein Beispiel, w ie Lew insohn Meutereiversuche bewältigt: er weiß, sachlich zu packen! Prachtvoll überhaupt, wie er Menschen ohne ihr Wissen zu lenken verstellt! An der letzt zitierten Stelle treibt ihn allerdings die Tragik der außerordentlichen Lage w ider Willen, eine „Kraft, die über der Abteilung stand." zu werden: „Aber auch dazu war er bereit, überzeugt, daß seine Kraft eine gerechte sei.*' Für gewöhnlich aller hat Lewinsohn nur eine Funktion i n der Abteilung: ..Jedem erschien als seine vorzüglichste Eigenschaft gerade die. daß er die Abteilung kommandiere." Kr erwirbt absolutes Vertrauen, weil er dem Mann alle Sorge abnimmt — aller sich auflädt („Wie hätte auch jemand denken können, daß er müde ist wie alle und schlafen will!") — sich auflädt auch im tieferen Sinne: „Lew insohn war überzeugt, daß diese Menschen ein anderer Instinkt als bloß das Selbsterhaltungsgefühl treibe, sie aber, bedrängt von den Alltagsbedürfnissen, ihre w ichtigste Sorge Stärkeren anvertraut haben, indem sie diese verpflichteten, an diese Sorge mehr zu denken, als daran, daß auch sie essen und schlafen müssen."! las ist der Führer. Und er ist es als ein typischer Jude. Über sein Äußeres heißt es einmal: „Fr sah aber so;jn aus und fuchtelte so komisch mit dem mächtigen Mauser he daß es schwer fiel zu glauben, er sei die hauptsächlichste tunggebende Kraft." Oder ein andermal: „Hin kleines M chen in hohen Stulpenstiefeln mit langem, kegelförni leidenschaftslosem Kupferbart, einem Gnomen aus Kii rmärchen ähnlich, mit großen, schlauen, dunkelblauen, ahw i den Augen." Aber auch so: „Seine kleine, straffe Gestalt luden sicheren knappen Bewegungen stand vor den Leuten le die Verkörperung irgendeines unfehlbaren Planes." Jüd .Ii ist auch sein zartes Verhältnis zu Frau und Kindern. Wen r nach allen dienstlichen Friedigungen noch in später Sti le seiner Frau antwortet, wird gesagt: „Anfangs scheute er i. den (iedankenkreis. welcher mit dieser Seite seines Lc verknüpft war, zu bewegen, aber nach und nach geriet i Eifer. Sein Gesicht erglühte ... In den eng beschriebenen / . i Bogen stand gar manches Wort, von dem niemand venu hätte, daß cs Lewinsohn bekannt sei." Jüdisch ist auch s natürliche Mission als kultureller Städter in dem rückstündi n Bauernland: „In der Uberwindung der Kargheit und Ar it dieses Landes lag der eigentliche Urzweck seines Daseins, l j Lewinsohn wäre ein anderer gewesen, lebte in ihm nicht j ,c gewaltige, mit keinem anderen Wunsch zu vergleichende < r nach einem neuen, schönen, starken und guten Menschen." I J jüdisch ist auch, was ihm fehlt und wofür er die natürliche gänzung in dem russischen Bauern der Abteilung findet: N h des Hirten Metelitza Tod fühlt Lewinsohn eine kleine Anw. hing von Schwäche, und es wird ihm bewußt, wie angem n es ihm gewesen war, neben Metelitza zu reiten. Fr hatte , n durch die Kraft seiner Vitalität gefallen, die, ein unversi ..- lieber Quell, in ihm sprudelte und die Lewinsohn fehlte." 11 dieser Schwächeanwandlung ist charakteristischerwci.se a h irgendwie schuld, daß ein schwacher intellektueller Schwäm r unter den Partisanen Lewinsohn an seine eigene Vergang heit erinnert. Sohn eines Trödlers, der sich vor Mäusen für - tete und auf der Oeige kratzte, hatte sich der „engbrüstige Judenknabe" aus intellektueller Schwärmerei zur Erkennt s Aar kartan \\':ri. 1: .1.1...:* ..... , Alvr un Ii.nun >» H KiiCiUMMi Bröl um cni ingvu mussvii, Auer i c 'freudige Erkenntnis stärkt ihn: „Ich habe nicht nur mand s gewollt. Ich habe auch manches gekonnt — das ist der gar e Unterschied!" Und symbolisch ist auch, daß Lewinsohn, w« n die Abteilung nach der furchtbaren Nacht im Sumpf wieder n einen Hinterhalt gerät, den heroischen Entschluß zum Dur. - bruch nicht aus eigenem faßt: „Fr schaute sich hilflos um Da sah er plötzlich sehr klar das knabenhafte ('esicht B lanows brennend vorgebeugt in Erwartung eines Befehls. I - winsohn fuhr zusammen. Schmerzlich süß erklang es in ih , Plötzlich zog er den Säbel und beugte sich wie Baklanow i glänzenden Augen vor: .Durchbruch versuchen?' und schwa ä unerwartet den Degen über dein Kopf, daß er in der Sonne i - glänzte." Wie im Mythos Anthäos von der Berührung mit d Mutter Frde. so bekommt hier der Führer erst Kraft von t! Berührung mit seiner Mannschaft — der jüdische Führer n seiner russischen Mannschaft. Dies ist ein Bild vom Juden als Führer wirkend um Nichtjuden gesehen aus neuem Oeist, mit dem vorurteilslos! reinen und scharfen Blick des neuen Menschen, gestaltet n der Hellsieht und Unabhängigkeit eines wahren Dichters. D in seinen Geschehnissen entsetzliche blutige, brünstige, ab keusch und zukunftsgläubig geschriebene Buch ist ein Dok ment auch einer neuen Epoche der Emanzipation der Judi Und ist vielleicht noch in einem buchstäblicheren Sinne dok mentarisch: Ich entnehme einer Autobiographiensammlu: (Moskau \92H) die auch sein freimütiges russisches Bauer gesiebt Im Bilde bringt, daß der junge Fadejew ein Bauer söhn ist, an den Kämpfen in Ostsibirien selbst teilgenoninu hat — offenbar also eigne Erlebnisse in seinem Roman vei dichtet.

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