Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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toeinöeblatt C&R ISRAELITISCHE-N RELIGIONSGE-M&INDE ZU I CA D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT | ,1m I iL IV7 DER GEMEIN DEVERWALTUNGB Gcmclndrblatt erscheint |cdcn Freilag und wird Mitgliedern der Rellglonsgcmelnde unentgeltlich durch die Post zugestellt - Schriftleitung: i nrlndcrabblncr Gustav Cohn, Leipzig, Lohrs! raße 10 NUMMER 28 / JAHRGANG 5 FREITAG 12* JULI 1020 Anzrlgrnvcrwaltung und Druck: Buchdruckcrel August I'rtcs, Leipzig, BrQderstr. 59 - Fernrul 70006 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet DER JUDE ALS FÜHRER (In zwei jüngsten Romanen) Von Dr. A. Suhl Nach der Anzeige des Verlages „rollt" ein soeben ererscliienener Roman „Der Aufruhr des schiefen ("ahn" von (ierh. Herrn. Mostar „das Problem des jüdischen I i irers auf, der wohl den psychischen Mut mitbringt, physisch al r versagt". Diese Formulierung des „Problems" dürfte die iche sein. Man braucht sich nur an den selig verflossenen npf um den Reserveleutnant zu erinnern, wo auch dem len nicht sowohl die geistigen Qualitäten als die physischen er personliche Mut*') abgesprochen wurden, die zur Führung einer Mannschaft unerläßlich seien. Bei der Lektüre des Romans aber stellt sich wieder einmal heraus, daU auf Waschzettel kein Verlall ist. Man müßte eher II ikehreil uiid sagen, daß Mostar dem jüdischen 1 ührcr den physischen Mut zuspricht und ihn psychisch scheitern läßt. I lige Beispiele: Der -18er Aufruhr in dem Ländchen Bcrnburg- A halt beginnt damit, dafi der jüdische Lohgerber Abraham ( ihn (es soll sich um eine historische Persönlichkeit handeln) / eeks Befreiung einer verhafteten, schwangeren Arbeiterfrau d n Gendarm vor die Brust packt und einen Berghang hinab- S >ut. Oder: bei Ausrufung der Republik auf dem Markt schießt euBlsches Militär in die Menge, und alles flieht, was noch chten kann, der „schiefe Calm" aber schreitet allein auf dem ren Platz den fünfzig (iewchrinündungen mit dem provo- •renden Ruf entgegen: „Schießt! Ks läwe die Republik." Und t einem ähnlichen Bild schließt der Roman: 20 Jahre später i irschiert der alte ('ahn in Leipzig an der Spitze einer Ar- I iterdemonstration auf schußbereites Militär zu: „Brüder, s hießt nicht auf Hure Brüder!" — Physisch läßt Mostar seinen I Iden also nicht „versagen". Hingegen kann der „schiefe ' ihn" es nicht ertragen, daß Menschen gleichsam um ihn ge- I llen sind, er aber lebt. Und gar noch, daß das preußische ilitär, statt ihn zu erschießen, ihn auslacht, das zerschmettert i 'i so, daß er fortan einen „Knacks" hat. unter der fixen Idee iclet, jedes Lachen irgendwo sei hämisches (lelüchter über ii. Also wohl nicht physisch, aber seelisch kann hier der Jude cht standhalten. Ist nun etwa in dieser Formulierung das Problem des dischen Führers gültig gefaßt? Ich glaube, ganz und gar icht Mostars Gedankengang ist vielmehr durch seine Verendung eines spezifischen Charakterschemas bedingt. Der cid seines Romans gehört nämlich zu jenen Judentypeu in er deutschen Literatur, die von Shakespeares Shylok abtammend, in (mstav Freytags oder auch Rauhes muffigen Judenfiguren „klassische", oft gebrauchte Schablone wurden. So ist auch Mostars Jude natürlich ein Monstrum (bei dessen Anblick der schwachsinnige Herzog in Ohnmacht fällt) und hat natürlich eine schöne Tochter (das einzige Gut des einsamen Witwers), die ihn natürlich um eines christlichen Liebhabers willen verläßt — kurz ein Shylok Nummer zwei, der natürlich auch „starr religiös" ist und „mauschelt". Diese alte Schablone, aus Judenverachtung geboren und zur Frweckung von Judenhaß geeignet, benutzt Mostar zur Darstellung eines Helden, für den er Sympathie hat und Achtung erwecken möchte. Diese seine Einstellung ist anerkennenswert. Aber Shylok oder Veitel-Itzig als revolutionärer Volksführer — das muß natürlich zu einem „psychischen Zusammenbruch", ja eigentlich zu einer Karikatur führen. Der Leser begreift auch gar nicht, wie die Handwerker auf der Bierbank dazu kommen, ausgerechnet den „schiefen ("ahn" zu ihrem Führer, ihrem „Hecker" auszurufen. Die neue Hinstellung erforderte unbedingt auch neues Sehen, einen neuen ( haraktertyp. Niemand kann wundernehmen, daß die alte Schablone und die neue Gesinnung einen klaffenden Widerspruch aufreißen. Mostar sucht ihn mit Reflexionen anzufüllen: der Schmied Iiiner will ( ahn zum Führer, weil es größer ist, wenn einer erst seine Anusi überwinden muß und dennoch handelt, der „Fremdblütige" seinerseits, den „das Gerechtigkeitsgefühl seiner Rasse treibt", der sich als „Sündenbock" fühlt, als einer, der für die anderen, die Ängstlichen, handeln und leiden muß: hat „anne Heimat wollen han"! Damit sind wir glücklich in der Sphäre der sogenannten Judenromane angelangt mit ihrem berühmten Judenschmerz und ihrem Ringen um deutsche Heimat und seelisches Deutschtum. Es scheint, daß für den deutschen Dichter Jude-sein und eine schlichte, unzerrissene Seele haben eine contradictio in adjecto bedeutet. Vielleicht meint Schnitzler so etwas, wenn er in seinem „Weg ins Freie" von einem nationaljüdischen Studenten bemerkt, er hätte auch ein Grieche sein können und von seinem Diskussionsgegner. einein um sein Deutschtum ringenden Literaten, er habe ausgesprochen jüdisch gewirkt. In diesem Sinne wäre die gesamte Literatur der Ostjudeu „unjüdisch", da Jude-sein dort kaum /wiespalt bedeutet, sondern eine Lebeustatsache. eine stille Beschaffenheit. Was es ja doch an sich wirklich ist! Lud es wäre zweifellos ein Dokument der vollendeten Judenemanzipation der wirklichen Freiheit der Hirne und Herzen, wenn ein deutscher Dichter einen Juden