Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT ÜL-K ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 25 sclie Faktoren, die bei der jüdischen Jugend in ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt eine wichtige und erschwerende Rolle spielen, in Wegfall kommen, wird in den christlichen Gemeinden mit einem ganz anderen Aufwand an geistiger und finanzieller Kraft die Jugendarbeit gefördert Christliche Kirchengemeinden, seihst solche, deren Mitglieder sich fast ausschließlich ans Arbeiterkreisen zusammensetzen! verwenden einen wesentlichen Teil ihrer finanziellen Mittel für diese Jugendarbeit. Ein Vergleich mit den entsprechenden Etatposten unserer Groß- und Mittelgemeinden (von den Kleingemeinden Kauz zu schweigen) müßte den kenntnislosen Außenstehenden zu der Folgerung verleiten, daß in der jüdischen Gemeinschaft eine Sorge um die Erziehung und Interessierung der Jugend Überflüssig wäre. Mit einer erschreckenden Verstündnislosigkeit überlassen Gemeinde und Gemeindeverbände, mit seltenen Ausnahmen, die Sorge um die Erziehung jüdischer Jugend, der schulpflichtigen und der schulentlassenen, privaten Institutionen, die nur durch die Opferwilligkeit einer kleinen Schicht besorgter Menschen ihre wichtige Arbeit leisten können. Vor allem aber haben fast alle Kirchengemeinden ihr größtenteils vorbildlich ausgestattetes Jugendheim, das gleichzeitig Mittelpunkt des Gemeindelebens ist. — In Hinterstuben von Wirtshäusern und sonstigen unzulänglichen Lokalitäten, in Privat» Wohnungen und nur in Kauz seltenen Fällen in gewöhnlich unzulänglichen eigenen Räumen versammelt sich jüdische Juxend zu Erziehungsarbeit, Die Vereinigungen der Älteren. Logen, politische Gruppen, gesellschaftliche Vereinigungen, entbehren ebenfalls eines Gemeindeheims, dessen Fehlen ihnen in vielen Fällen die Möglichkeit einer regelmäßigen Durchführung ihrer Veranstaltungen nimmt. So spielt sich das Leben der jüdischen (ieineiude in kleinen, abgeschlossenen Zirkeln ab, die voneinander selten etwas wissen, deren Abgeschlossenheit das Fremdheitsgefühl unter den Mitgliedern ein und derselben Gemeinde steigert. W ir wissen aus den Gemeinden der amerikanischen und englischen Judenheit. die ja ausschließlich auf freiwillige Zuwendungen angewiesen sind, daß sie in großzügigster Weise praktisch diesem Problem zu Leibe gerückt sind. Auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland müssen die Errichtung von Gemeinde- und Jugendheimen als ihre dringendste Aufgabe empfinden, zumal es den Anschein hat, als wäre jetzt noch durch eine sofortige Inangriffnahme dieser Arbeit mancher Zersetzungserscheinung entgegenzuwirken. Das Gemeinde« und Jugendheim, das als die Stätte der Arbeit aller Vereinigungen gedacht ist, wird für das Zusammenwirken und Kennenlernen der Gemeindemitglleder von höchster Bedeutung und darüber hinaus endlich eine Stätte für Gemeindeversammlungen und frohe Feier jüdischer Feste sein. Dieses Gemeindeheim, das dann gleichzeitig Gemeindebüro, Wohlfahrtsamt usw. in sich aufnimmt, ermöglicht es, dali sich auch dieser Teil des Gemeindelebens unter den Augen der Gemeindemitglieder abspielt, was für ihre Interessierung von höchster Bedeutung ist. Dieses Gemeinde- und Jugendheim muß schließlich In seiner Ausstattung und Verwaltung dem Bedürfnis heutiger Menschen an ein Heim in vollem Umfange Rechnung tragen. Die finanziellen Bedenken, die diesen Plänen entgegenzustehen scheinen, lassen sich bei einigem guten W illen und einem planmäßigen Vorgehen überwinden, da unter Umständen aus öffentlicher Hand für die Errichtung von Jugendheimen ausreichende Mittel zu für heutige Verhältnisse ungewöhnlich billigen Zinssätzen zu haben sind. So wird das Gemeinde- und Jugendheim ein wichtiges Mittel für den Neuaufbau unserer Gemeinden. Auch die jüdische Jugend wird, zunächst räumlich wieder in Beziehung zur Gemeinde gesetzt, der tiefen Bedeutung der jüdischen Gemeinde für ihr Leben allmählich inne werden. Fs wird dann mit wachsendem Erfolg möglich sein, jüdische Jugend organisch in die Geineinden hineinwachsen zu lassen. Die Errichtung des Gemeinde- und Jugendheims ist lüi die verantwortlichen Führer unserer Gemeinden eine dringlich gewordene Aufgabe. Künftige Geschlechter werden es Ihne zu danken wissen, wenn sie Mut und Weitblick in dieser an if. lÖSUngserschelnungen SO überaus reichen Zeit aufbringen, e -n neuen, aber aussichtsreichen Weg für die Neubelebung jüdischen (iemeinde zu gehen. Aus: Jugend- und Gemeindeheime Von Paula Ollendorff, Breslau, 2. Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes •■• Wie soll nun ein Jugendheim bei uns aussehen? Von der Gewißheit ausgehend, dali die körperliche U fielt notwendig für die seelische Reinheit ist, muß die Juj j im Hause Gelegenheit iinden. ihren Körper zu reinigen um u erfrischen; und wenn es auch kaum möglich sein wird, bei s, wie in Amerika, in jedem Heim ein Schwimmbad einzurlch 11, so muß jedenfalls für große Bade- und Duschräume Sorge , - tragen werden. An diese schließt sich ein Turn- und Gj 11nastiksaal an für den Winter; im Summer dient dazu der Garten. In beiden wird auch Sport im notwendigen und m liehen Maße gepflegt. Die Wohnräume des Hauses, aufs 1 nfachste und in voller W ürdigung der „neuen Sachlichkeit" a gestattet, sollen trotzdem ein behagliches Heim darstellen. Dies ist umso notwendiger, als die arbeitende Jugend, mehr als jede andere Bevölkerungsschicht, unter der Wohnungsnot leii t. Die Raumnot der Jugend ist zum Schlagwort geworden, und doch, wenn der Begriff ganz verstanden würde, brauchten ir nicht mehr um das Jugendheim zu kämpfen. Das Zuhause Jugend — oft ist es ein, selten sind es zwei oder mehr Zimmer — dient der ganzen Familie zu Arbeit und Ruhe, für die Mahlzeiten und für die Muße; es dient den Kranken und d n Gesunden, hier treten Menschen in die Welt und hier gel andere aus der Welt, kurz, es ist eine Stätte, wo der Inh; l! des Menschenlebens in voller Ganzheit jammervoll und erschreckend zum Vorschein kommt, wo aber auch der Inhalt vieler junger Seelen, die Sehnsucht vieler junger Herzen gestaut wird bis zur seelischen und körperlichen Unbeweglk fceit. Diese gestaute Jugend, deren Tätigkeitsdrang und Erle iiishunger bisweilen in die Umwelt getragen wird und de I explodiert oder in falsche uujüdische Bahnen gelenkt wir!. kann sich in den vier Wänden des FamUienheims nicht au - wirken. Oft fehlt es dort auch au innerer Harmonie. Die Kind r hören die Litern hart gegeneinander sprechen oder hart gege einander schweigen. Das trifft die jungen Seelen am schw< sten in der Zeit ihrer Reifung, wo sie Recht von Unrecht, l - sache von Wirkung nicht unterscheiden können und in einen Konflikt zu den Eltern geraten, der seinen Ursprung häufig) in solcher Raumnot hat als in anderen Lebensbedingunge Diese Jugend kann im Jugendheim Harmonie finden. Wärm und wohltuende Räume, in Form und Farbe beruhigend, wie e dem jungen Menschen bisher unbekannt und ungewohnt wai üben neben dem körperlichen einen geistigen, seelischen Ein fluß aus. Die Jugend, die zu Hause verdrossen, mürrisch, un zugänglich war, wird offen, heiter, zuversichtlich. Der Ein wand, daß diese Jugend durch das Heim dem Flternhausc nocl mehr entfremdet werde, ist irrig, im Jugendheim selbst lern« die Kinder die Wege zu den Litern finden, wie es in Lond<> gezeigt wurde, wenn sie die richtigen Führer haben. Fs müsse Klubräume mit einer Bibliothek und mit Beschäftigungsspielei es müssen Lehrräume in notwendiger Größe vorhanden sein ja es empfiehlt sich, einen so großen Raum zu schaffen, daß ei1 Jugeiidgottesdienst darin abzuhalten wäre, was den Gemeindet eine Sorge abnimmt und eine ihrer Pflichten gegenüber dei Jugend erfüllt. Das Haus muß so groß sein, daß es die Möglich keit bietet, mehrere Sitzungen und Beratungen zu gleichet Zeit stattfinden zu lassen und den Jugendvereinen und Klub*- „Abende" im eigenen Hause zu ermöglichen. Fs wäre sehr