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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-06-14 · 24 (14.6.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
24 (14.6.1929)
Date
1929-06-14
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 24 war, den Todesstoß hat die Vielgötterei und damit die in ihr wurzelnde alte Völkerwelt schon damals erhalten. Man hat gefragt, was denn für uns neuzeitliche Menschen, die wir den Götterwahn längst überwunden haben und kaum noch eine Geneigtheit verspüren, uns an Götter zu halten, was denn also für uns das zweite Gebot noch immer zu sagen und zu bedeuten habe. Braucht man einem Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts noch immer zuzurufen: Du sollst keine fremden Götter vor meinem Angesichte haben? Wer denkt heute mehr an Götter? Aber das ist so, wie wenn etwa ein Amerikaner das 25. Stockwerk eines seiner zivilisationsvollendeten Kiesenhäuser betreten würde und dabei verächtlich sagen wollte: „So, jetzt brauche ich das Erdgeschoß nicht mehr". Es wird nie eine Errungenschaft, sei es auf welchem Gebiete immer, geben, die ihres ersten ursprünglichen Unterbaues, auf dem sie ruht, aus dem sie herausgewachsen ist, entraten wird können. Im Entwickelten ist immer das erste Saatkorn der Entwicklung wirksam, und der wahre Kulturmensch wird stets mit einer gewissen Ehrfurcht und Demut auf die Vorläufer und Wegbahner zurückblicken und zurückgteifen, auf jene pioniermäßigen Faktoren, denen er das Schwerste und Wichtigste, nämlich den Anstoß, verdankt. Aber abgesehen davon, sind wir aufgeklärten Kinder unseres hochentwickelten Zeitalters denn wirklich so über den Wahn der Abgötterei hinausgewachsen, so darüber erhaben und völlig frei von dieser Sucht? Brauchen wir wirklich nicht mehr davor gewarnt zu werden? Gewiß, ein religiöses Heidentum ist uns fremd, und wir glauben an keine Götzen mehr. Aber um so schlimmer, daß wir, ohne — wie einst die naiven Völker — an sie zu glauben, sie in seelenbarer Gedankenlosigkeit dennoch haben und sie in heuchlerischer UnWahrhaftigkeit anbeten. Wir meinen nämlich die Götzen unserer Eitelkeit und Überkultur, die Abgötter unserer Genußsucht und falschen Nachbeterei. Das zweite Gebot, das von der Untersagung des Götzentums spricht, hat auch diese Abart des Götzendienstes im Auge und nennt dessen Objekte Elohim acherim, Götter anderer. Elohim acherim wird nämlich im allgemeinen fälschlich als „andere" oder „fremde" Götter übersetzt. Denn das zweite Gebot, lau jihje lecho elohim acherim al ponai, würde ja so besagen: Es gibt Götter, aber sie sind dir die anderen, die fremden, und du sollst keine fremden Götter haben.—Nein, elohim acherim heißt nach der Erklärung maßgebender Schriftdeuter1) „Götter anderer", oder besser gesagt, „Götter durch andere". Andere machen sie zu Göttern, durch andere sind sie willkürlich zu dem gestempelt, was sie darstellen sollen, an sich selbst aber sind sie das nicht. An ihnen und in ihnen ist aus eigener Wesenheit heraus nichts, aber die anderen, die Menschen machen sie zu etwas. Gott ist Gott auch ohne unser Hinzutun, ob wir ihn anerkennen und anbeten oder nicht, er ist an und für sich Gott. Nicht so die Götzen, sie macht nur die Bekcnuung der Menschen zu ihnen In den Augen der Betörten zu etwas. Nach dieser zweifellos richtigen Auffassungsweise ist gerade das zweite Gebot wie kaum ein anderes ein Ewigkeitsgebot, ist über die Jahrtausende hinweg ein zielsicherer Pfeil, der scharf auch unserer Zeit ins Herz trifft. Denn: dienen wir denn nicht mit aller Kraft und Hingebung solchen Göttern anderer, Göttern, die die Betörtheit und Verblendung zu Göttern macht? Dinge des Lebens, die an sich nichts sind, erheben wir zu Wichtigkeiten, denen wir nachjagen, und das ewig Werte und Wesentliche lassen wir unbeachtet oder werfen es gar von uns. Nur was durch andere zu ihrem Schön und Gut erhoben wird, das ersehnen wir, begehren und vergöttern wir, was aber an und für sich uns ein Segen sein würde, das verkennen wir. Wir sind eben moderne Menschen, und der moderne Mensch hat weder Zeit noch Geduld und Willenskraft, ') Mcdiilta, Raschi, K'badi. Haktsaw wcliakchala. eigene Anschauungswerte zu bilden und aus Erkenntnis;en heraus eine Meinung zu fassen. So sehr er sich einbildet, frei zu sein, so sehr ist er nie ganz selbst, nie ohne eine Voreingenommenheit durch andere. Er schwankt beständig zwischen <!n. was er möchte, und dem, was andere ihm aufdrängen wollen! Er macht sich täglich neue Götter, an die er nicht glaubt und die ihn schnell wieder langweilen, aber er muß sie im Lr wieder haben. Nachahmungssucht heißt das Gängelband, an dem der neuzeitliche Mensch geführt, oder besser ges <t, durch das er genarrt wird. Die Mode tyrannisiert ihn. aLe Politik hetzt ihn, die Genüsse locken ihn, die Gewinnst! In treibt ihn, und so nicht mehr Herr über sich selbst, wirft er sich vor Allem und Jedem in den Staub nieder, was Ihm der launenhafte Zeitgeschmack als wünschenswert und verehrui swürdig vorführt; ohne zu überlegen, ob es ein Gott oder In Götze ist, das er anbetet, ob es ihm zum Nutzen oder Schaden gereicht, in was er sich verrannt hat. Es gibt auf diese trt lausende von Dingen, sei es im täglichem Gebrauchst ien oder im verfeinerten Getriebe, die man nur erstrebt und I egehrt, weil sie auch andere haben, ohne von ihrer Segenhafn.nkeit und Unentbehrlichkeit im mindesten überzeugt zu sein. Ist das nicht Götzendienst, moderner Götzendienst, ein violleicht noch schlimmerer als der alte, naive Götzendienst? Es untergräbt bewußt der Menschheit Heil, bedroht Sitte und Moral, zieht alle Laster nach sich und führt am Ende /.ur Wiederaufhebung und zum Verfall jeder wahren Kultur. Das Bedauerliche ist nur, daß bei diesem hohlen Treiben neuzeitlicher Abgötterei auch diejenigen nicht zurückstehe n. die am ehesten wissen sollten, daß Götzendienst jeglicher Art zu den Todsünden gehört; daß auch Juden, deren Ahnen am Sinai standen und aus Gottes Mund vernahmen, die Götter anderer zu verabscheuen, an diesem modernen Fetischismus teilhaben. Ja, nicht nur teilhaben, .sondern vielfach andere überbieten und überholen. Am schmerzlichsten aber ist es, daß diese Anbetcrei des blindlings den anderen Abgeschaukn und Abgelauschten auch nicht vor dem Heiligsten Halt macht; daß eine Sucht, auch in die Keligionsübung und Gestaltung di s Kultus' Elemente der Nachahmung und Entlehnung hineinzutragen, viele erfaßt hat. Und da sollte das zweite Gebot nicht mehr nötig, nicht mehr zeitgemäß sein? Hat es doch die Abgötterei der letzten Art ganz besonders im Auge, wenn <. sagt: „Du sollst keine Götter anderer al ponai, vor meinei Angesichte haben". Das heißt, wenn du vor meinem Auki sichte stehst, — spricht Gott, — meinen Dienst zu pflegei sollst du nicht zugleich denen, die Götter durch andere situ dienen. Ist es denn, — so muß man fragen, — wirklich schon ai und für sich ein Maßstab für Schön und Gut, um es der Nach ahmung wert zu finden, nur weil es den anderen für ihre Zwecke so erscheint? Man sollte doch meinen, schön und gut zur Huldigung für Gott kann Juden nur das sein, was Gottes Wille selbst als schön und gut ansieht und als Huldigungsmittel erwartet. Wir wollen doch bei aller Modernität nicht wie einst die Samaritaner in ihrem Tempel auf dem Berge Gerisim sein, die in ihrem Kultus halb den Gott Israels und halb eine selbstgebildete Kultgestalt anbeteten. — „Wie schön sind deine Zelte Jakobs, deine Wohnungen. Israel", hat Bileam ausgerufen, aber das konnte er nur, weil er sie an ihrer durchaus gewahrten und genau gehüteten Eigenart als die Zelte Jakobs und die Wohnungen Israels erkannte. Aime Palliere. ein französischer, katholischer Priester, der von den Wahrheiten und Schönheiten Israels angezogen, den Weg zu unserer heiligen Religion fand, erzählt in seinem ergreifenden Buche „Das unbekannte Heiligtum", wie nur das rein jüdisch Charakteristische ohne Beiwerk der Nachahmung und Entlehnung imstande ist, den Fremden zu fesseln und auf ihn seine bezaubernde Wirkung auszuüben. Auch bei ihm waren es einzig und allein diese ursprünglich jüdischen, schlich-

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