Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968790-5969097--2494-4880081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Juni 1929 GEMEINDEBLATT OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 1. Wirtschaftliche Fürsorge, wie sie im Bunde durch Ar- Itsnachweise, Berufsberatung, Berufsausbildung angestrebt ird. Viele Orte haben, der Not der Zeit entsprechend, auch üttelstandsfürsorge In ihren Aufgabenkreis eingeschlossen. 2. Gehört die Gesundheitsfürsorge hier hin. Sie wird im unde seit seinem Bestellen bearbeitet, indem man im Kampf gen die Tuberkulose und andere Volkskrankheiten Schritt :r Schritt langsam Boden zu gewinnen sucht. Durch Flug- .itler und aufklärende Flugschriften und Vortrage sucht man i wirken. Im Jahre 1927 hat der Bund endlich das langersehnte Heim ir tuberkulös-gefährdete Kinder und weibliche Jugendliche i Wyk auf Föhr errichten können. Weitere Mallnahmen der Gesundheitsfürsorge werden durch eine systematische Vcr-;hlckung von Kindern in die dafür vorhandenen Frholungs- L'inic geübt. Um in diese Arbeit ein System zu bringen und em zeitweilig etwas planlos gewordenen Verschicken zu teuern, hat der Bund vor einigen Jahren gemeinsam mit der entralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden und anderen Or- :anisationen eine Arbeitsgemeinschaft für Erholungsfürsorge gegründet, die durch eine Generalkartothek allmählich in der age sein wird, über jedes In Deutschland zur Erholung verchicktc Kind unterrichtet zu sein. Eine nachgehende Füriorge, wie sie das Wyker Heim gleich für seine Pfleglinge eingeführt hat, soll sich mit der Zeit aus dieser systematischen Erlolungsfürsorge ergeben. Erholungsfürsorge für Jugendliche md Frauen wird jetzt auch in manchen Ortsgruppen schon beirbeitet. 3. Gebiet der sozialen Arbeit ist die Jugendfürsorge, die zum Teil mit der ('■esundheitsfürsorge für die Jugend sich deckt. In der Hauptsache sind es aber erzieherische Aufgaben, die hier gemeint sind, und unter ihnen speziell solche für die sittlich gefährdete Jugend. Und sittlich gefährdet ist heute so ziemlich unsere gesamte Jugend bis hinein in die sogenannten besten Kreise! Hier eröffnet sich ein so ungeheurer Komplex von Aufgaben, daß darüber allein Bände zu schreiben wären. Doch wichtiger als alles Schreiben und Sprechen ist das Tun. In der Hauptsache müssen Unterkunftsheime für junge Mädchen, die heimatlos in einer Stadt sind, und die Beruf und Arbeit oder Ausbildung finden sollen, in großen und Mittelstädten geschaffen werden. Ferner ist als Bundesaufgabe die Schaffung eines ..Bewahrungsheims" in Aussicht genommen. Ein Heim, das im Sinne des zur Beratung vorliegenden Bewahrungsgesetzes den sogenannten asozialen Menschen Unterkommen bietet und das damit die bestellenden Hrziehungs- und Fürsorgeanstalten von schwierigsten Elementen wohltuend entlasten würde. Und hierbei sei als das Positive, das der Bund auf diesem (Gebiete bisher leisten konnte, des Heimes in Neu-Isenburg gedacht, das von Bertha Pappenbelm vor mehr als 2d Jahren gegründet und bis heute geleitet ist. Näheres über das Isenburger Heim, das in vier Häusern etwa 70 Schützlinge, vom Säugling an bis zur — meist unehelichen — Mutter, umfaßt, sagt am besten der umfassende 10. Jahresbericht. Ein „Isenburg für Knaben" gehört leider noch immer zu den unerfüllten Wünschen des Bundes und wird auch so bald von ihm aus nicht verwirklicht werden können; gilt es doch zur Zeit, dem bestehenden Isenburger Heim durch Erweiterungsbauten die dringend erforderliche weitere Ausgestaltung zu geben. Nachdem die Erziehungsaufgaben Im letzten Teil der Ausführungen über die sozialen Aufgaben kurz umrissen wurden, sei nun noch ein Wort über die geistig-kulturelle Seite der Bundes arbeit gesagt. Sie bringt den Bund vielfach mit anderen Organisationen in Deutschland und mit solchen des Auslandes in Berührung. In diesem Zusammenhang sind als wertvolles Band in den eigenen Reihen und weit darüber hinaus die „Blätter des Jüdischen Frauenbundes", die jetzt im fünften Jahrgang erscheinen, zu nennen. Sie regen alle unsere Mitglieder zur Arbeit an und sorgen für Verbreitung der Bundesideen und -aufgaben außerhalb der eigenen Organisation, bei Juden und Nichtjuden, Im Lande und außerhalb. Ferner hat der Künstlerkalender dein Jüdischen Frauenbund im In- und Ausland viele neue Freunde gebracht und hat dabei das Interesse an jüdischer Kunst und an den Schätzen, die Bibel, Talmud und jüdische Literatur bergen, in 'lausende von Familien getragen, die zum Teil sonst völlig unberührt vom „jüdischen Jahr" und jüdischen Leben und Wirken blieben. So ist damit auch ein neues Band geschaffen, das uns den Verkehr mit Frauenorganisationen anderer Länder ermöglicht. In Deutschland steht der Bund in enger Fühlungnahme mit den führenden jüdischen Organisationen, mit denen er zum Teil in Arbeitsgemeinschaften einzelne Aufgaben bearbeitet. Daneben ist er mit der interkonfessionellen Frauenbewegung in ständiger Fühlungnahme durch seinen Anschluß an den Bund Deutscher Frauenvereine, in dessen Gesamtvorstand er durch die Bundesvorsitzcnde vertreten ist. So kann der Jüdische Frauenbund an allen Fragen, die die Rechte der Frau betreffen, beratend und lernend Anteil nehmen und kann für seine eigenen Aufgaben davon profitieren. Die fortschreitende Entwicklung in der gesamten Wohlfahrtspflege wie auch in der konfessionellen, die daraui hingeht, die fürsorgerische Arbeit den Wohlfahrts- und Jugendämtern zu überlassen, erweist in der Erfahrung, daß daneben die Arbeit der Frauen in der sogenannten freien Liebestätigkeit eine unentbehrliche Frgänzung zu dieser behördlichen Arbeit bleibt. Zum Schluß sei in diesem Zusammenhang daraui hingewiesen, daß fast die gesamte Arbeit, die der Jüdische Frauenbund zu leisten bestrebt ist. mit darauf hinausläuft, die Frauen fähig zu machen, mit Sitz und Stimme in den jüdischen Gemeinden mitzuarbeiten. Den Frauen, auch in Preußen, stehen heute keine gesetzlichen Hindernisse mehr im W ege, und so ist es die vornehmste und wichtigste Aufgabe, daß allerorten, wo Frauen noch nicht gleichberechtigt und gleichverpflichtet neben dem Manne in den Gemeindekörperschaften arbeiten, ihnen Eingang iiierzu zu verschaffen. Die Entwicklung geht dahin, daß sich das — wie in der Politik und im gesamten Lebenskampf von selbst ergibt, doch gilt es nachzuhelfen dort, wo noch veraltete Vorurteile oder sonstige Widerstände zu überwinden sind. Erst dann, wenn allerorten die Frau am Wohl der jüdischen Gemeinde ihrer Stadt verantwortlich mitzuarbeiten in der Lage ist, wird der Jüdische Frauenbund von diesem Teilziel zu weiterem Wirken am Ganzen und Großen der Judenheit gelangen können. Häuser / Hypotheken / Hausverwaltunsen REIMANN & KIRMSE / LEIPZIG LEPLAYSTRASSE 3 GEGRÜNDET 1907 FERNRUF 23576