Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-06-07 · 23 (7.6.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4876568-5968790-5969097--2493-4880080
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 2 Zum 25jährigen Bestehen des Jüdischen Frauenbundes Die Arbeit des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland Von Bettina Brenner, Leipzig Bei der mir gestellten Aufgabe, über jüdische Frauenarbeit in Deutschland zu berichten, ergibt sich für mich naturnotw endig, daß ich von der Arbeit des Jüdischen Frauenbundes erzähle. Nicht weil ich mit dieser seit etwa eineinhalb Jahrzehnten eng verknüpft bin, sondern weil in der Tat die jüdische Frauenarbeit, die in Deutschland zur Zeit geleistet w ird. ihre Zusammenfassung im Jüdischen Frauenbund findet und zu einem wesentlichen Teil auch von ihm selbst geleistet wird. Iis bedarf heute, in Zeiten, in denen die Zentralisation auf allen Gebieten sozialen Wirkens längst als eine notwendige Voraussetzung erkannt ist. nicht mehr der Begründung für eine solche. Anders stand es damit vor fünfundzwanzig Jahren. In weitvorausschauender Erkenntnis der Fntwicklung waren es zwei Frauen: Bertha Pappenheim und Sidonie Werner, die im Jahre 1904 gelegentlich ihres Zusammenseins bei einer internationalen Tagimg zur Bekämpfung des Mädchenhandels in London es als notwendig erachteten, die in Deutschland bestehenden jüdischen Frauenvereine zusammenzuschließen. Bei Gründung dieses Zusammenschlusses waren es einige 40 Vereine, die den Bund bildeten. Im Jahre darauf schon 70 und in fortschreitender Fntwicklung. die nur in der Kriegs- und Nachkriegszeit eine Stagnation erfuhr, sind es heute etwa 430 Vereine, die im Jüdischen Frauenbund vereinigt sind. Und zwar handelt es sich bei diesem Streben nach Frfassen tunlichst aller Vereine nicht um ein nur scheniatisches Organisieren, das den Hauptwert auf die große Zahl der Anschlüsse legt. Fs soll zweckhaft ein gemeinsames Arbeiten für gleiche oder verwandte Ziele erreicht werden, ein Voneinanderlernen, ein Frgänzen und Immerweiterausbauen aller Gebiete, die sich der Bearbeitung jüdischer Frauen in unübersehbarer Fülle darbieten. Uber das Zweckhaite hinaus aber will der Bund in jedem Verein und tunlichst in jeder Frau das Ciefühl des Verbundenseins wecken und pflegen; das Ciefühl des Verantwortlichseins einer für die andere, des Fintretens einer für alle. Fr versucht durch direkte Fühlungnahme mit seinen Mitgliedern und ihre indirekte Beeinflussung durch die Vereine das Gewissen der Frau als F'rau wie als Jüdin wachzurütteln für all die mannigfachen Pflichten, die die (legenwart uns jüdischen Frauen weit mehr als andern auferlegt. Die Zeit der Gründung einer jüdischen zusammenfassenden und führenden ITauenorganisation war damals schon dadurch gekommen, daß die anderen Konfessionen ihre Frauen lange vordem zusammengeschlossen hatten, und daß neben ihnen die Interkonfessionelle Frauenbewegung Jahrzehnte früher sich iiir die Frreichung der Frauenrechte einsetzte. Daß diese Frauenrechte am besten mit dem Wort zu kennzeichnen sind, daß die Frau das Recht auf die Frfüllung ihrer Pflicht erreichen wollte, ist rückschauend wohl allen Frauen klare Erkenntnis geworden. Doch geht das Ziel der Frauenbewegung, und ganz speziell der jüdischen, ja nicht allein dahin, den Frauen Rechte zu erkämpfen, die Frauen zur Pflichterfüllung zu erziehen, sondern sie kommt auf diesem Wege dazu, wertvollen Anlagen, die individuell verschieden in jeder Frau latent vorhanden sind, zur Entfaltung und Ausgestaltung zu verhelfen. Die Gliederung des Bundes vollzog sich in organischer Entwicklung so. daß man schon in den ersten Satzungen im Jahre 1905 die Bildung von Ortsgruppen vorsah. Diese sind als die lokalen Stellen gedacht, die die Idee des Bundes und die Kenntnis seiner einzelnen Aufgaben zu verbreiten und immer mehr zu vertiefen haben. Fs gilt hierbei auch, in Verbindung mit anderen Organisationen das Neue zu erfassen, um es für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen. In dem ersten Jahrzehnt bis zum Kriege entstanden 10 Ortsgruppen in größeren Städten. Seit 1920 hat sich die Zahl der Ortsgruppen auf 31 erhöht und neben ihnen umfaßt der Bund jetzt 11 Landes- und Provinzialverbände. In ihnen kann von einem Landes¬ oder Provinzzentrum aus das Interesse für die Bundesaufgaben in kleine und kleinste Orte getragen werden. Und wie die Juden, nicht nur die Frauen, von kleinen Gemeinden, in denen oftmals nur ein Verein besteht, der an Mangel von Betätigungsmöglichkeiten krankt, jede Anregung begrüßen und sie dankbar aufnehmen, das lehrt uns seit Jahren die Arbeit in unseren Landesverbänden. Es würde im Rahmen dieses Artikels zu weit führen, die einzelnen sozialen Aufgaben zu nennen, die speziell zur Bearbeitung von Landes- und Provinzialverbänden geeignet sind. So wie der Bund als solcher eine in der Fntwicklung der Zeit notwendig gewordene Zentralisation darstellt, die andere große Frauenorganisationen, wie den „Verband der Schwesternlogen" und den „Verband für Kulturarbeit in Palästina" umfaßt, ohne sie im mindesten in ihrem Arbeitsbereich zu beengen oder zu beeinträchtigen, so ist ein ZweckderOrtsg r u p p e n, die in der Stadt bestehenden Vereine zusammenzuschließen. Auch hier wird die Selbständigkeit des einzelnen Vereins nie angetastet, sondern im Gegenteil gelangt es den örtlichen Vereinen zum Vorteil, eine Stelle zu haben, die für manche wichtige Frage dadurch als zuständig angesprochen werden kann, weil in ihr die Vertreterinnen anderer Frauenvereine mit ihren Erfahrungen und Kenntnissen Sitz und Stimme haben. Was einem Verein oftmals nicht gelingt, kann die vereinte Kraft, die mehr als die Summe der Finheiten darstellt, in vielen Fällen durch die Summe der in ihr vereinten Erfahrungen und durch, die größere Stoßkraft erreichen. «Eine wesentliche Seite der Bundesarbeit in den Ortsgruppen wie im Bunde selbst ist die völlige Neutralität, die ihn alle Vereine und Finzelpersonen, unabhängig von ihrer religiösen oder jüdisch-politischen Richtung, umfassen läßt. Die jüdischen Frauen haben somit Gelegenheit, alle Richtungen und Strömungen im Judentum kennenzulernen, und gewinnen damit die Möglichkeit überparteilicher Kritik, die oftmals eine wertvolle Förderung für Arbeiten werden kann, die ohne sie allzu leicht als Spielball von Parteihader zu kurz kommen können. Während jeder Frauenverein sein Spezialgebiet, das zumeist karitativer Art ist, bearbeitet, ist die Ortsgruppe dazu da, alle die Aufgaben zu erfassen, die noch der Frfüllung harren, und sie entweder selbst auszuführen oder den dafür geeigneten Stellen dazu zu verhelfen. Ferner will die Ortsgruppe, im Gegensatz zum Verein, möglichst alle ihre Mitglieder aktiv machen, indem sie sie auf jede Weise (Vorträge, Diskussionsveranstaltungen, Arbeitsgemeinschaften, Kurse) für jüdisches Wesen und Wissen und für soziale Arbeiten interessiert. Aus den hier ganz kurz angeführten Aufgaben des Bundes und seiner Ortsgruppen ergibt sich, daß es drei Gebiete sind, die die Bundesarbeit umfaßt: Das der sozialen Arbeit, ferner sind es Frziehungsaufgaben. und zwar solche, die an sich selbst ebensowohl wie an der erziehungsbedürftigen Jugend und an der gleichgültigen Frauenwelt zu erfüllen sind. Und zum dritten sind es geistigkulturelle Aufgaben, die den Bund beschäftigen. Um über das große Gebiet der sozialen Arbeit noch einiges zu sagen, muß auch hier eine Dreiteilung beobachtet werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.