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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-05-31 · 22 (31.5.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Mal 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RKLICIONSOKMI-INIW ZU LKIPZIC Seite 3 >e gelobten gesetzlichen Bestimmungen der Babylonier, Asrier und Chetlter („Babel und Bibel"). Nach dem Zeugnis in Kolller können wir mit Stolz sagen, daß „eine Reibe von manen Bestimmungen Im talmudischen Recht weit eher zur nn geworden, als im römischen". Die schönste, zugleich testamentarische und humane Gedanken atmende Rede neuen die Todesstrafe, die je in einem deutschen Parlament gehalten wurde, war die unseres Glaubensgenossen Eduard Lasker Im Norddeutschen Reichstag (.'7. Februar 1869). So haben wir Juden auch hinsichtlich der Todesstrafe, wie jeder unbefangene Kenner zugeben muH, der Menschheit mit der Fackel der Humanität vorangeleuchtet. DAS ERSTE GHETTO Von S. Meisela as Ghetto, sowohl das Wort als auch das, was es beizeichnet, ist italienischen Ursprungs, Ein Ghetto für die Juden wurde zum ersten Male 15ln in Venedig eingerich- und seither führte jedes abgegrenzte Judenviertel diesen inen. Die gewöhnliche Annahme. Ghetto sei urverwandt mit m neuhebräischen ,.Kct". Scheidung, oder mit dem althebräihen ..Kcder". Umzäunung, ist sprachgeschichtlich nicht haltr. Auch die Ansicht, daß dem italienischen Worte „ghetto" r althochdeutsche Stamm „Kat" oder „Kit" der „Vereinigung" deutet und von dem das Wort „Gitter" herkommt, zugrunde uge, ist historisch schwer zu begründen. Die Geschichte des Wortes bezeug! vielmehr seine rein italienische Herkunft. Enno ittmann weist in seinem ausgezeichneten Buche „Morgenlänsche Wörter im Deutschen" darauf hin, dali das Ghetto in enedig sich an einer Stelle befand, die den Namen „Ghetto ihrte, noch bevor sie zu einem Judenviertel eingerichtet wurde, er Ort wurde aller Wahrscheinlichkeit nach wegen der dort efindlichen Gießereien so benannt: das Wort Kchört also zum alienischen ..gettare". Pas Ghetto ist demnach sprachlich und istorisch nicht allein italienischen, sondern auch (im engern Sinne) venezianischen Ursprungs, Mit dem ersten Ghetto in Venedig haben die spätem ihettos In den verschiedenen Ländern wirklich nur den Namen eniein. Das venezianische Ghetto entsprach in nichts der Vorteilung, die man sich gewöhnlich auf Grund kulturgeschichticher Schilderungen oder eigener Erfahrungen von der „Gasse" lacht. Für gewöhnlich sehen wir im Ghetto ein düsteres Bild 'ach der Art. wie es uns Hciicrsmans in seinen Qhetto-Schildeungen malt. Da stehen verwitterte Häuser mit bemoosten lächern, und darüber wölbt sich ein nülclÜK trüber Himmel, der •ine gewisse melancholische Stimmung erzeugt. Da ist alles ■trau in grau, und die einzelnen verirrten Streiflichter dienen nur lazu. die gehäuften Dunkelmassen erst recht sichtbar zu machen. Nicht viel anders sahen die Menschen aus. die darin lebten. Es .varen verdüsterte Gestalten, von ewigem Hall umlauert, von ler Lieblosigkeit der Menschen einKesclnichtert.es waren Meuchen, deren Leben in wenig Licht und wenig Luft mit einer kcvissen Gleichförmigkeil dahinging. An den Mauern des Ghetto flössen die Kulturströmungen der Zeiten fast spurlos vorüber, ohne in das Innere einzudringen. Das ist das Bild, das man sich iiigemein vdm Ghetto macht. Fs ist möglich, dali diese Vorstellung nur zum Teil der Wirklichkeit entspricht, aber Immerhin bleibt die Tatsache bestehen, daß das Ghetto jahrhundertelang von der groben Welt und ihrer Kultur geradezu hermetisch abgeschlossen war. Ganz anders sah es im ersten Ghetto aus. Das Ghetto in Venedig hatte durchbrochene Mauern, durch die die Bildungsströme der Zeit hineinfluteten, es hatte offene Fenster, die der Sonnenseite der Renaissancekultur ziiKckchrt waren. J'rotz der politischen Beschränkung, in der sie lebten, hielten sich die Menschen dort die Kulturzugänge offen, und sie ließen den „Zeitgeist" zu sich kommen, SO sie nicht zu ihm kommen konnten. Auch gesellschaftlich lebten sie durchaus nicht von den andern abgesondert. Die llesteii der venezianischen Gesellschaft gingen in diesem Ghetto ein und aus. italienische Dichter schlössen Freundschaft mit jüdischen Gelehrten, und junge Adelige pflegten geistigen Umgang mit geistreichen Jüdinnen In diesem Ghetto nahm die KeistiKe Oberschicht alles in sich auf. was die Zeit an Bildungswerten hervorbrachte; sie beschäftigte sich mit Kunst und Wissenschaft, trieb daneben Musik, GcsatiK und Tanz, las flcißis die italienischen Dichter, und dichtete selbst, sofern Neigung und Begabung dazu befähigten, anmutige Verse in italienischer Sprache. Die Juden in Venedig so schreibt ein jüdischer Historiker lebten während des Mittelalters in blühendem Wohlstand und in KcistiKer Freiheit. In der Heimat eines Petrarca. Dante und Tusso hatte die allgemeine Bildung auch auf sie eine mächtige WirktuiK geflbt. Die Juden in Venedig hatten zwar ihr Ghetto, ein schön gelegenes Wohnviertel, das noch heute „Giudccca" genannt " ird. sie waren aber von der Gesellschaft nicht ausgeschlossen, standen vielmehr mit ihren christlichen n literarischem Vcr- >m w\f i Mitbürgern sowohl in geschäftlich kehr. Männer wie Leon da Modena. Simone Luzzatto. Inda de Somml und mehrere andere waren ebenso vertraut mit der lateinischen und italienischen wie mit der hebräischen Sprache und ihre italienischen Schriften wurden von Christen und Juden gleichviel gelesen und geschätzt. Wissenschaft und Poesie, Gesang und Musik fanden l>ci den Juden im venezianischen Ghetto liebevolle Pflege. Die Nobill ergötzten sich au dem Gesänge der Jüdinnen, die christliche Jugend von dem hohen Adel bis zu dem Bfirgerstande besuchten die Gcsangschulen in der .Giudccca". 'Später wurde den Juden unter Androhung von Gefängnis- und Geldstrafe verboten. Christen in ihren SinK- und Spielschulen zu unterrichten: man hegte nämlich die BcsorKiüs. die Juden könnten durch die Kunst christliche Jünglinge und Jungfrauen zur Annahme des Judentums verleiten.) So weit der jüdische Historiker. Aber auch christliche Geschichtschreiber bezeugen, daß das Ghetto in Venedig während des Mitte' alters den geistigen Mittelpunkt der Lagunenstadl bildete. Das Ghetto in Venedfg hat auch die ersten italienischjüdischen Gelehrten und Schriftsteller hervorgebracht; sie schrieben ihre Werke zum Teil in hebräischer, zum Teil in Italienischer Sprache. Fs gab auch poetisch Veranlagte, die schöne italienische Verse schrieben. Neigung und Begabung zum Dichten zeiKten liier insbesondere die Frauen. In diesem Ghetto trat zum erstenmal die Jüdin als italienische Dichterin auf und offenbarte das schöne Talent, mit leichter Mühe und viel Geschick die Sprache Tassos zu meistern. Mehrere dieser italienischen Dichterinnen erwarben sich als solche Ruf und Ansehen. Ihre Namen sind heute noch dem Literaturbeflissenen bekannt. Das erste Ghetto war also ein lichtvolles Ghetto. Frst in spätem Jahren ist in den europäischen Ländern die Düsterkeit ins Ghetto eingezogen. Freilich so düster, wie es manche Kulturschilderer malen, w ar es vielleicht nie und nirgends, aber immerhin fehlte es darin an Ficht und Luft und vor allein an Freiheit, in der allein Kultur gedeihen kann.

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