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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-05-17 · 20 (17.5.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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I Mai 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seile;( i, glichen Graden ab. Das aber kann man wohl sagen: die i eferen Naturen sind es in der Regel nicht. die am lelch- > ten davonkommen. In welchem Grade aber auch die rellise Krise auftreten mag, immer haben wir sie als einen ganz i! rmalen Vorgang zu betrachen, und je tiefer die Kindesnatur, i! i so schwerer das „Frflhlingserwachen". Nahrung von außen erhält der religiöse Zweifel nicht zu- Ii /t durch den Profanunterricht, der seinen Weg geht unb kümmert um die Lehren der Religion und die Forderungen r] s Religionsunterrichts. Die gefährlichsten Klippen heuen jed ch in der Religion bzw. in der religiösen Überlieferung s bst Zwar stellt der Lehrgehalt der jüdischen Religion dem S liüler und dem Unterricht nicht solche Probleme, wie der rj christlichen Bekenntnisse, aber es bleiben auch für uns n< ch genug der Schwierigkeiten bestehen, wie sie eben jede B ikenntnisreligion bietet. Und hier wird das psycho- 1 g 1 s c h e P r o b 1 e tu zugleich das religiöse. Es ist nämlich nicht so. daß sich die Religion damit beifügte, dem Gläubigen Lebens werte zu geben, sie will ihm auch Lebenserkenntnisse vermitteln. Sie lehrt uns nicht n r. Gott und das Göttliche in seiner Bedeutung für uns schätzen, sie will dieses und das Weltbild auch erklären. So erzählt sie von der Entstehung der Welt, von d r Erschaffung, dem Vergehen und Weiterleben des Men- < heu und vom Eingreifen Gottes in das Menschenschicksal u id das Naturgeschehen. Dieser „Lehrinhalt" brauchte keinen Kampf hervorzurufen in einer Zeit, da die Religion berufen \;tr. alle geistigen Bedürfnisse zu befriedigen, da die Kultur ilie religiöse Einheitskultur war. In dein Augenblicke jedoch, wo der Intellekt jene Erkenntnisse in seiner eignen Sphäre teilt und zum Teil auch findet, muß der Gegensatz wischen Glauben und Wissen entstehe n. Es i t. genau genommen, ein doppelter Gegensatz: einmal der Gegensatz zwischen Wissenschaft und biblischer Lehre und weitens der grundsätzliche zwischen Wissenschaft und Religion. Und diese Gegensätze sind wirkliche, keine scheinbaren; aran kann keine Sophistik etwas ändern. Was ich weiß. rauche ich nicht zu glauben, und ich glaube eben da. wo die Möglichkeit der Erfahrung aufhört. Daraus erhellt, daß durch Jas Wissen der (Haube nicht etwa aufgehoben wird, sondern m Gegenteil: in dieser grundsätzlichen Verschiedenheit ist lie Möglichkeit, ja. wenn man will, die Notwendigkeit des Glaubens erst recht begründet. Darum leistet man der Religion selbst den schlechtesten Dienst, wenn man jenen Gegensatz als einen erdichteten aus der Welt zu schaffen sucht. Und tbenso unzulässig ist es, wenn die Krkenntnis ihre Grenzen überschreitet und in die Glaubenssphäre übergreift oder sie auch nur stolz abtun zu können glaubt. Iis ist auch leicht gesagt: „Ignorabimusl" Der Ceisi kann aber nicht einfach ignorieren. Ebenso wenig wie die Natur verträgt er ein Vakuum. Wo sich nur die kleinste Lücke im Wissen zeigt, oder wo die Erfahrung ihre Grenze findet, gleich ist der Glaube da — wie die Luft im leeren Räume — um sie auszufüllen bzw. sie zu überfliegen. Nun ist aber, worauf Spranger (Lebensformen) besonders hinweist, der Gegensatz von Glauben und Wissen noch ein anderer. Nicht nur. daß der Glaube die gradlinige Portsetzung des Wissens ist. er kann auch n e b e n diesem bestellen. Insofern nämlich, als „ein und derselbe Objektkomplex (z. B. ein Schicksal) theoretisch erfaßt und religiös gedeutet werden kann." So sehen wir deutlich, daß der unleugbare (iegens.it/. von Glauben und Wissen deren Verträglichkeit nicht unter allen Umständen zu hindern braucht, was auch erfahrungsgemäß durch die Tatsache bewiesen ist. daß es Gelehrte und Denker gegeben hat und noch gibt, die zugleich tiefgläubige, auch dogmengläubige Menschen waren bzw. sind. Nur müssen ihre Grenzen eingesehen und gegenseitig geachtet werden. Im anderen Falle muH der angreifende Teil Schaden nehmen; im günstigen Falle wird er verwässert, im schlimmsten aber in seinem Sein gefährdet. Darum muß es als eine religiöse und logische VerIrrung bezeichnet werden, daß man versucht hat. das Dogma und den dogmatischen Unterricht durch die Rationalisierung schmackhafter zu machen, bekanntlich ein Erbteil aus der Zeit der Aufk'ärung. Man sucht ..Beweise" für das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit und naturwissenschaftlich „befriedigende" Erklärungen für die Wunder — und merkt dabei gar nicht, daß man damit dem Glauben den Boden unter den Füßen wegzieht. Denn man glaubt an Gott, an das Jenseits, oder man glaubt nicht daran — ein Drittes gibt es nicht. Und dasselbe gilt von den göttlichen Wundertaten: ein W under, das man erklären kann, ist ein Widerspruch in sich selbst. Hier wird so recht augenfällig, welche Verwirrung die Aufhebung oder auch nur Verwischung de: (irenze zwischen Glauben und W issen anrichtet. Die Stufe des religiösen Wiederaufbaues ist psychologisch erreicht, wenn der Jugendliche die Erfahrung gemacht hat. daß auch die Wissenschaft nicht in der Lage ist. die Welt- und Lebensrätsel zu lösen. Dann ist die charakteristische Einstellung d s Reifenden auf das „Entweder—Oder" überwunden, und die Geisteshaltung des Gereiften, die ein „Sowohl — als auch" anerkennt, eröffnet der religiösen Betrachtung des Weltbildes wie des Menschenschicksals neue Möglichkeiten. 50 Jahre Verein Israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands Nach den anläßlich des 25 jährigen und des 50 jährigen Jubiläums erschienenen Festschriften Die jüdische Lehrerwell hatte schon längst erkannt, ü.ili ein Rutenbündel Stärker ist und. schwerer ZU zerbrechen als ein einzelnes Stäbchen. Zwar hallen sich die jüdischen I.einer au öffentlichen Schulen an den Konferenzen und Versammlungen ihrer nichtjudischen Kollegen Überall wacker beteiligt. Doch drann Kar bald die Erkenntnis durch, daU dies den jüdischen Schulen und ihren Lehrern nicht genügen konnte. I loch wenn es auch keine besondere jüdische Pädagogik uibt. so nimmt doch der jüdische Lehrer in vielen Beziehungen eine andere Stellung ein als der christliche. Einmal sind viele indische Lehrer nur an „Religionsschulen" angestellt; ferner haben sie meistens die Leitung des (iotlesdienstes als „Kantoren" oder „Prediger" mit zu versehen: endlich ist die Stellung der jüdischen Lehrer dadurch eine ganz andere, dali sie in der Mehr/ahl der deutschen Länder nur durch Privatvertrag von den Qemeinden angestellt sind, welche durch keinerlei gesetzliche Bestimmungen an Irgendwelche Bedingungen gebunden sind. Am drückendsten wird in solchen Verträgen der Mangel der definitiven Anstellung, Pensionsberechtigung und Reliktenversorgung empfunden. Alle diese Erwägungen hatten die iüdischen Lehrer schon längst da/u geführt, besondere lüdischeLehrervereinigungen zu gründen. Dies war besonders in denjenigen Ländern oder Provinzen leicht, wo auf verhältnismäßig nicht zu groBem Raum ziemlich viele jüdische Lehrer dicht beisammen wohnten. So hatten sieh in der Provinz Hannover, im ehemaligen Kurfürstentum Hessen. In den Provinzen Rheinland und Westfalen, in Hävern usw. sehen lünnst jüdische l.ehrcrvei eine gebildet und sowohl durch ihre Vereins Versammlungen, als auch durch ihre Unterstützungskassen segensreich gewirkt, Nur in den thüringischen! ändern. In Sachsen und in der preußischen Provinz. Sachsen war eine Vereinigung der indischen Lehrer noch nicht vorhanden. Die iüdischen Qemeinden sind daselbst ziemlich vereinzelt, liegen räumlich weil auseinander: der Weimarer Lehrer kannte den Meininger ebensowenig, wie der Qothaer den sächsischen usw.

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