Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 20 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummei i Einfluß der U m w elt. Dafür ein charakteristisches Beispiel: Eine Umfrage bei 12« bis 14jährigen Schülern in Mannhelm und Bremen, meist Kindern sozialdemokratischer Eltern, ergab eine außerordentliche Mehrheit von Atheisten. In Bremen waren unter 4ln Knaben und Mädchen 37U Ungläubige, H Skeptiker und nur _'(> Gläubige. Das gerade Gegenteil zeigte eine ähnliche Untersuchung an den katholischen Schulen Münchens. Im allgemeinen gibt sich das Kind üher seine religiösen Bedürfnisse und Vorstellungen keine Rechenschaft — so wenig wie Millionen der Erwachsenen. Es ist so religiös wie seine Umgebung, glaubt, was es nört. tut, was es sieht und — muß. Die Stufe des reinen Kinderglaubens kann man wohl im allgemeinen bis zum 12. Lebensjahr ansetzen, trotz gelegentlicher frühzeitiger Skepsis. So hat man noch bei 12- bis I3jährigen Mädchen den assoziativen Charakter des religiösen Bewußtseins sowie das Vorherrschen anthropomorpher Gottesvorstellungen festgestellt. Bis dahin sind alle Voraussetzungen wahrer Religiosität gegeben: Furcht. Hilflosigkeit und darum Abhängigkeitsgefühl, Demut. Gehorsam, Sehnsucht nach Führung, Vertrauensseligkeit und bis zu einem gewissen (irade auch Kritiklosigkeit. Ihrem Charakter nach ist die Religiosität der ersten Stufe rein egozentrisch: das Ich mit seinen wechselnden Bedürfnissen bestimmt die Gottesvorstellung und die religiöse Wertung. Anfangs ist es die Furcht — wie bei den Naturvölkern spielt auch beim Kinde das Gewitter eine große Rolle —. die Gott notwendig macht; später braucht man einen allmächtigen Freund, der einem alle Wünsche erfüllt und aus unangenehmen Lagen hilft. Im reiferen Stadium der ersten Periode erscheint der Wert der Religion schon langsam in ihrer Bedeutung als Stütze im Leben, ganz besonders, wenn das Sündenbewußtsein erwacht. Was die (iott es Vorstellung anbetrifft, so ist ja bekannt, daß sie ausnah nlos anthropomorph ist. in früher Kindheit geradezu grotesk. So erhielt z. B. eine katholische Lehrerin der Unterstufe auf die Frage: ..Wie ist der liebe Gott?" (?) die Antwort: „Gelb!" (Nach der Meinung der Lehrerin infolge der Verehrung der Monstranz.) Sehr interessant äußern sieh darüber u. a. Ludwig G a n gh 0 f e r (in seinem „Lebenslauf eines Optimisten"). Gottfried Keller (im „Grünen Heinrich*') und Hebbel (..Meine Kindheit"). Selten sind wohl in dieser Zeit die Fälle, in denen sich die normale Hingabe an Gott zur Schwärmerei und Ekstase steigert. Ich selbst erinnere mich aus meiner Kindheit, daß ich eine Zeitlang abends nicht einschlafen konnte, wenn ich nicht ein selbstverfaßtes Gebet gesprochen hatte. Doch das sind wohl Ausnahmen. Viel allgemeiner und bedeutungsvoller ist die frühzeitige religiöse Skepsis. Allerdings an das Dasein Gottes wagt sich der Zweifel so leicht noch nicht heran, wohl aber an die überlieferten Vorstellungen, an die Wunder und an die Engel So meinte mein siebenjähriges SOhnchen: „Engel gibts nicht. Engel sind Phantasie: aber der liebe Gott, der ist keine Phantasie." Und als die Kinder Israel durchs Kote Meer zogen: ..Ist das eine walue Geschichte oder ein Märchen?" - Schwerer wiegt und nachhaltiger wirkt die Erschütterung des Kinderglaubens, wenn das Kind durch eindrucksvolle Erlebnisse an (iottes Allmacht und Gerechtigkeit irre wird. So verlor Felix Dahn frühzeitig der Glauben an Gott durch die Scheidung seiner Eltern, Heinrich Z s c Ii o c k e durch den Tod seines Vaters. Am bekanntesten ist wohl die Verwirrung des sechsjährigen Goethe durch das Erdbeben von Lissabon (1755). — Ein sehr skeptisches Kind muß auch die kleine Helen Keller (die bekannte taubstumm-blinde Amerikanerin) gewesen sein. „Wenn (iott für uns alle/eit sorgt warum hat er denn heute morgen meine liebe Schwester fallen lassen, so daß sie sich den Kopf arg zerschlagen hat?" Als ein Schiffsunglück Opfer gekostet hatte, meinte sie: ..Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles vermag?" Lud als ihr jemand vom Jenseits erzählte, fuhr sie ihn an: „Woher wissen Sie das, wenn S noch nicht tot gewesen sind?" Aus der gelegentlichen Skepsis entwickelt sich frül r oder später der religiöse Zweifel. Anfangs ein/u Lehren und Anschauungen — die Allmacht, die Gerechtigk (lottes, die Schöpfung, die Offenbarung, das Jenseits - , greifend, religiöse Übungen über Bord werfend, kann er s allmählich so weit entwickeln, daß er die Grundlage der lü . gion, das Dasein Gottes, leugnet. Im Zaum gehalten wird du Wandlung wohl eine Zeitlang durch die Autorität der Erziel und durch die Ehrfurcht vor dem Gotteswort, bis auch i'i keinen Damm mehr bilden gegen die alles niederreißen, Wucht der Verneinung. Damit ist die religiöse Entwickln!: 5 schon in ihre zweite Phase eingetreten, die kritischste d ganzen Entwicklung überhaupt, die über die letzten Schnljali bis ins reifere Jugendalter hineinreichen kann. Psychologisch betrachtet ist der religiöse Zweifel, w jeder andere, die Äußerung einer geistigen Disharmonie. D bisherige Einheit des Bewußtseins, insbesondere die von De ken und Fühlen, ist gestört; sei es durch tiefgehende persö liehe Erfahrungen — wie die oben angeführten Beispiele dei lieh zeigen — sei es durch die natürliche Entwicklung d . Denkens, das allmählich dem bisher unbestrittenen Führer d r Kindheit, dem Gefühl, die Herrschaft zu entreißen versucl . „Das religiöse Problem entsteht im Individuuni erst dur 1 Arbeitsteilung, indem das intellektuelle Interesse von den a dem abgesondert wird und seine Befriedigung auf eigin Wegen sucht." Im Lichte der Völkerpsychologie und Religionsgeschicli erscheint die religiöse Krisis im Jugendalter als die Wiedc holung derjenigen, die die Religion Im Leben der Völker bzv der Menschheit durchzumachen hatte. Im Kindesalter d< Völker gibt es nur ein Interesse, ein Bewußtsein: das rel1 giöse. das das intellektuelle und ästhetische völlig einschließt Es gibt darum keine Wissenschaft und keine Kunst außer de religiösen. Der Priester ist zugleich der Gelehrte, der Be wahrer der Geheimnisse nicht nur vom Jenseits, sonder; auch vom Diesseits. Sobald jedoch die Vernunft sich ihre eignen Interessen bewußt wird, sucht sie sich der Vormund schalt der Religion zu entwinden und auf eigne Füße zu stel len. und dasselbe wiederholt sich auf einer späteren Stufe mi dem sittlichen Bewußtsein. So entsteht zuerst die pro taue Wissenschaft, dann die wissenschaftliche Ethik nebe der Religion. Jede dieser Loslösungen ist unter den schwel sten Kämpfen erfolgt, die jedesmal eine schwere Gefahr fü die Religion bedeuteten, die diese aber iniine! wieder be standen hat. Ihren Höhepunkt erreicht die religiöse Krisis während dei Geschlechtsreife, die bekanntlich den Charakter wie den gei stigen Habitus des werdenden Menschen auf den endgültigei Weg weist. Sie ist die Zeit des seelischen Chaos; innere Zer rissenheit gibt ihr das Gepräge. Rücksichtsloseste Subjektivität in der Form höchster Respektlosigkeit schlägt unvermittelt in Selbstverzweiflung, Anbetung der Ideale, Hingabe an einen vergötterten Führer um. Es ist die Reaktionsepoche, in dei sieh Gefühl und Trieb mit elementarer Gewalt gegen die Vernunft, diese wieder im überheblichsten Selbstbewußtsein gegen jede Autorität auflehnt. Scharfe Herausbildung und Herausstellung des Ichs, Mißtrauen gegen jede Überlieferung, egoistisch und ideal, selbstsicher und anlehnungsbedürftig, kritiscli und schwärmerisch; das ist der seelische Zustand am Übergang vom Kinderins Jugendland. Wir wissen wohl, daß sieh dieser Ubergang nicht immer so stürmisch vollzieht. Nicht selten verläuft die Krisis so ruhig, daß sie den Spiegel des Seelenlebens kaum kräuselt. Dann ist natürlich auch kaum von einer religiösen Krise zu sprechen. Aber das sind wohl auch Grenzfälle. Zwischen den Extremen stuft sich der Verlauf der Pubertät in allen