Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968790-5969093--2441-4880032- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummi ig schätz fließen. Zamenhof hielt sich besonders an die internationalen Lehn- und Fremdwörter, und er veränderte sie nur. wenn die Notwendigkeit es erforderte. Wie aber die zahllosen Worter und Formen und das Gewirr der Grammatik bemeistern? I>.i lenkte Zamenhof seine Aufmerksamkeit zufällig auf die russische Überschrift „konditorskaja" (Konditorei). Dieses „skaja" fesselte ihil und wies einen Weg", wie man mit Hilfe der Bildungssilben, der Anhänge-, aber auch der Vorsilben aus einem andere Worter bilden kann, ohne sie besonders zu erlernen. „Ein Lichtstrahl fiel," wie sich Zamenhof ausdrüekt, ...hu die schrecklichen, gewaltigen Wortschätze, und sie begannen schnell kleiner zu werden vor meinen Augen." Mit seinem phänomenalen Sprachtalent und Wissen studierte er nun alle europäischen Kultursprachen und achtete besonders auf die Bildungssilben, die meist ohne Ordnung und Regelmäßigkeit gebraucht werden. Warum sagt man .1!. „Schneider", aber nicht „Schuher", ..(üitc". aber nicht „Schlechte"? Zamenhof fand, daß sich durch Ausbildung eines regelmäßigen Systems dieser Bildungssilben, die er den natürlichen Sprachen für alle möglichen Beziehungen entnahm, und denen er eine bestimmtgültige Bedeutung gab, aus einem Kleinen Wurzelstamm von mehreren hundert Wörtern ein reicher Wortschatz von Zehntausenden von Wörtern ohne besonderes Lernen gebildet werden kann. Die Grammatik schmolz mit allen Ausnahmen unter seiner Hand auf 16 (Irundregeln zusammen. Es ist interessant, daß wie bei SO vielen großen Männern auch hei Zamenhof die Eingebung und der Grund zu seinem Lebenswerke bereits in den Knaben- und ersten JünglingSjahren entstand. Am 15. Dezember 1N7.S feierte der 19jührigc Gymnasiast im Kreise einiger Kameraden die Geburt der neuen Hilfssprache. Sie war noch unvollkommen, aber sie war da. In seiner Umgebung, auch von selten seines Vaters, fand er darüber nur Spott, und er fühlte die Einsamkeit, das Los der grollen Inspiratoren der Meiischengeschichte. Er ließ seine Arbeit liegen und wandte sich mit Elfer den medizinischen Studien zu. Es verging eine Reihe von Jahren, bis er sein Werk von neuem aufnahm. Nach vielen unablässigen Müllen war es ihm gelungen, der Sprache Leichtigkeit und I luß zu verleihen. Er hauchte ihr Leben ein. sie war nicht mehr ein Derivat der andern, sie hatte ihren eigenen Charakter gewonnen. Die Tat Zamenhofs war die nachträgliche Beseitigung der in die Nationalsprache eingedrungenen Unregelmäßigkeiten (Wüster). Was in diesen Nationalsprachen wesentlich, zweckmäßig und gemeinsam war, das nahm er auf und schuf daraus eine neue Sprache. Er schuf, wie ans dem gegebenen Stoff der Sprache und der Sage der Dichter schafft, w ie der bildende Künstler Gestalten schafft aus dem steinernen Stoff der Natur. Lud wie die lebenden Sprachen sich enta ickeln, indem Blätter und Zweige sich vermehren, während alte Blätter lallen, nach den gleichen Gesetzen sollte der Stamm der internationalen Hilfssprache leben und wachsen. Durch den Gebrauch der Sprache, durch Originalschriften und Ubersetzungen wurden in der folge die Mängel erkennbar, sie wurden beseitigt, und so machte die Sprache eine natürliche, aber außerordentlich verkürzte Entwicklung durch. So wurde die Sprache erfunden und verlebendigt von einem Manne, der begabt war mit universeller Sprachkenntnis, Sprachgefühl, und dem feinen Empfinden für die Bedürfnisse einer Internationalen Sprache, von einem Manne mit der grollen Inspiration und Schöpferkraft Jes Genies. Der Zeitpunkt war für die Veröffentlichung nicht gerade günstig, denn wenige Jahre vorher hatte das Sprachobjekt Schleyers, das sogenannte „Volapük" die Welt enttäuscht, weil es sich als ungeeignet erwies. Endlich im Jahre 1887 trat Zamenhof an die Öffentlichkeit unter dein Pseudonym „Doktoro Esperanto", zu Deutsch der Hoffende. Von allen Seiten kamen bald begeisterte Zustimmungen, sogar bereits in der neuen Sprache, die innerhalb von wenigen Wochen S| bis zur Beherrschung erlernt werden konnte. Die Zahl r Anhänger wuchs. Im Jahre 1889 enthielt das Adresse: zeichnis bereits 1000 Namen aus den verschiedensten Länd n. Die Sprache des Dr. Esperanto hieß von mm an Espera Nur langsam gewann die Bewegung Boden. Der gi;e Fortschritt begann erst im Anfang des neuen Jahrhund er ging von Frankreich aus, wo der Zamenhofsche (led.;e sofort verstanden und von einflußreichen wissenschaftlii n Gesellschaften unterstützt wurde. Von Frankreich verbrei te sich die Bewegung schnell über die meisten Kulturländer, i im Jahre 15)05 konnte der erste Kongreß in der französist n Küstenstadt Boulogne zusammentreten. Leicht und lebei ig ging das Wort der neuen Sprache von Mund zu Mund. j begeisterter Jabel erfüllte den Saal, als ein kleiner, besclu ner Mann das Podium betrat, um den Festvortrag zu hall n, Von nun an fand alljährlich ein Kongreß, abwechseln i einem anderen Lande, statt, der zweite 1906 in Genf, r dritte 1 *>»»7 in Cambridge, wo die Unverletzlichkeit s Zamenhofschen Fundaments sanktioniert wurde. Das Esperanto zeigte sich allen Anforderungen genügt J. als Umgangs- und Hilfssprache. für alle Zweige der W is> > schaften. So vollkommen erwies sich Esperanto als spn liebes Instrument, dal] man auf den Kongressen die \ rschledenen Nationen nicht erkennen konnte. Im Jahre 1908 fand der Kongi JJ zum erstenmal auf d schein Boden in Dresden statt. Auf dem letzten deuts. Kongreß in Nürnberg waren 6000 Esperantisten aus 41 Na - neu anwesend. Die rasche Entwicklung in den folgenden Jahren bis 2 n Weltkriege und nach dessen linde die noch stärkere A - breitung in der ganzen Kulturwelt beweist, dall Espera o kein Spielzeug naiver Phantasten, dall es vielmehr aus eil r inneren Notwendigkeit entstanden und gewachsen ist. Es g t in der Geschichte der Menschheit wenige geistige Bewegi gen. die in einem Zeitraum von 40 Jahren eine derartige 1 Wicklung genommen haben. In allen Kulturländern. In ( meisten größeren Städten der Welt gibt es Lsperantogrupp viele Millionen von Lehrbüchern befinden sich im UmL Uber 6000 verschiedene Werke zählt allein die Leipzig Esperantobücherei. Die angesehensten Handelskammern * Welt, an der Spitze die Londoner, interessieren sich für i - Esperanto. Alle Messen der Welt bedienen sich seiner Werbearbeit. Die Arbeiter lernen es. um ihre völkerverehii den Ideen leichter zu verwirklichen. Viele Kreise der katl - tischen Kirche bemühen sich um seine Einführung. In neues Zeit gewinnt es im Radio und im Sprechfilm als bequems internationales Verständigungsmittel an Bedeutung. Natürlich hat es an Einwinden gegen die neue Hill Sprache nicht gefehlt. Zu tief wurzelt im Menschen der Hai am Bisherigen festzuhalten, au alten Gewohnheiten und Mi nungeii. Zu mächtig wirkt das (leset/, der Trägheit. D Menge empfindet zwar vielfach die Unzulänglichkeit, mit' der sie leidet, aber sie lebt dennoch stumpf dahin: dann gi es einzelne, die den Widersinn klar erkennen, aber sie b sitzen nicht Mut und Schwungkraft, sich und andere auf/ rütteln und bessernd zu wirken. Dazu sind nur auserwähl Geister fähig, die von den Menschen fast immer als Phantast« betrachtet werden. Lrst der Erfolg vermag die Menge eim besseren zu belehren. ..Ach wir Annen." sagte einmal Friei rieh der Große ..man beurteilt unsere Handlungen nicht nac unseren Zwecken, sondern nach dem Erfolg." Viele halten eine künstliche Sprache für widersinnig. Eil Sprache, sagen sie. muß im Laufe von Jahrhunderten VOl selber, natürlich wachsen. Sie sind aber nicht genügend orien tiert über die Entstehung und die bisherigen tatsächliche Leistungen des Esperanto, und sie unterschätzen ferner dei bestimmenden Einfluß großer Männer auf die Entwicklung de natürlichen Sprachen. So hat z. B. Dante die Italienische