Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(Öemdtiöcblat C ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! ] s Cicmrlmlrblalt erscheint (eilen 1'reMaK und wird d i Mitgliedern der Kellf<l(>nsf[enielndc unenlKeltlldi . nh die Post /ii^esteilt — Schrtftlcltung: i mclnderabblner (iustav Colin, Leipzig, Lohrstraße 10 NUMMER 10 / JAHR6AN6 5 FREITA6 10. MAI 1020 Anzelgen\erualtung und Drink: Huiiidru<k< i< . KußVUlk Prtot. Leipzig, Brüdersir. .SO - 1 Vrnrul 7OO00 - Pott" tidierit Leipzig 530 2(> — Nadidruik nur mit Quellen« anhabe und mit Oenebmlgung des VwfUMTl gCStattel ZAMENHOF Von Dr. Pascal Dcucl Der geschättte Chefarzt der Inneren Abteilung des Israelitischen Krankenhauses (Citinfonstiltnni) steh) nach in der Esperantobewegung an weit bekantcr Stelle. Die hier tollenden Auslohrunsen über den jüdischen Erfinder der Welt* hilfssprache »Esperanto" hat d«.r Verlasser in einem kleineren Kreise vorgetragen und uns auf unsere Bitte in liebenswürdiger Bereitwilligkeil zur Veröffentlichung /ur Vertilgung gestellt. Die Schriftleitung. Zamenhof! Den meisten ein kaum bekannter Name. Iis KÜ)t ein Buch, von einem Schweizer verfallt, gedruckt in Prankreich, von einem englischen Verlag herausgeg< ben; auf einem der letzten Blätter dieses Buches findet sich eine Vignette mit dem Bildnis Zainenhofs neben dem Gutenb rgs. Zamenhof war zwar nur ein bescheidener ostjüdischer zt. aber dieser Mann hat eine Mission erfüllt, die es uns zur Pflicht macht, seiner zu gedenken. Ludwig Lazarus Zamenhof wurde geboren im 15. Dezein- I r 185° in Bjalistok in Litauen. In diesem kleinen Lande I iiteu fünf verschiedene Völker zusammen oder richtiger [ gencinander. Die angestammten Litauer besiedelten als i iiiern das Land, die Polen saBen in Schlössern. Kirchen und liulen, die Küssen übten als Beamte und Militär die (lewalt . is, die Deutschen bildeten städtische Kolonien, und die iden belebten als Handwerker und Handelsleute die Straßen, des der fünf Völker betonte seine völkische Eigenart in prache. Glauben und nationaler Gesinnung. Es hatte sich ne Atmosphäre des Mißtrauens und der Feindschaft unter iesen Völkern gebildet. In diesem Milieu gewann Zamenhof seine ersten Einrücke, wuchs er auf als der älteste von sieben Geschwistern, s Sohn eines Miitelschul- und späteren Gymnasiallehrers für eographie und moderne Sprachen, eines pflichtstrengen, üchternen Vaters und einer herzensguten Mutter, ein kluges, achdenkliches Kind. Tief wirkten auf das empfängliche Geliit des Knaben die Lindrücke der Kindheit, wenn er vom enster seines väterlichen Hauses sah, wie seine Glaubensgenossen, die Juden, beschimpft und geschlagen wurden, und v ic sie litten um ihrer Sprache willen, wie die Litauer von len Polen unterdrückt wurden, und wie die Küssen die Polen Irängten, dali sie russisch sprechen sollten. So haßten und erfolgen sich Völker und Menschen. So leben die Menschen ineinander vorbei, sie kommen sich nicht nahe und wissen oir Inander nichts, von ihren Freuden und Leiden, von dein, vas Ihr Herz bewegt, von der Liebe zu Frau und Kind und zu ler Heimat. Für sich lebt jede nationale Gemeinschaft, als ob nur Völker, keine Menschen existierten. Man verdächtigt sich gegenseitig, weil man sich nicht kennt. Und wenn der Knabe sich umsah, so sah es draußen in der Welt nicht anders aus. W ie er in der Geschichtsstunde, durch die Jahrhunderte streifend, nichts weiter als Kriege und politische Intrigen vernahm, so war auch seine Zeit, das 19. Jahrhundert, ausgefällt von nationalen Kriegen. Wie nur Feindschaft herrschte in der Welt, zwischen den Völkern, so beobachtete er mit Bedauern die Fremdheit unter Bewohnern des gleichen Landes. Frühzeitig sann er darüber nach, wie der entsetzlichen Verirrung der Menschen gesteuert werden könnte. Ls war ihm gewiß; sie hassen sich, weil sie sich nicht verstehen, und sie verstehen sich nicht, weil sie eine andere Sprache und eine andere Volksreligion haben. Mit jugendlichem Ungestüm ruft er aus: „Reißt, reillt nieder die Mauern zwischen den Völkern 1" So kam die Idee, die Annäherung der Völker praktisch zu verwirklichen. Sein Ziel wurde ein neutrales Bekenntnis neben den bestellenden Religionen und eine neutrale Weltsprache neben der Muttersprache. Das Fundament ist seine Idee. Seine Sprache ist nur die eine Seite des Gebäudes, die auszubauen ihm vergönnt war. Das rechtfertigt es. darüber etwas ausführlicher zu sprechen. Zamenhof war sich von vornherein klar, daß keine lebende Sprache in Frage kommen konnte. Einmal wegen der Eifersucht der Völker. Sodann steht im Wege die Schwierigkeit der Beherrschung einer fremden Sprache. ..Soll ich französisch reden." sagt Goethe, ..eine fremde Sprache, in der man immer albern erscheint, man mag sich stellen, wie man will, weil man immer nur das Gemeine, nur die großen Züge ausdrücken kann." Heine, der -?(> Jahre in Frankreich lebte, hat nie gewagt, seine Prosawerke ohne Hilfe eines Franzosen ins Französische zu übersetzen oder einen längeren Briet selbständig französisch zu schreiben. Von den alten Sprachen war weder Griechisch noch Latein geeignet; sie sind für unsere moderne Zeit nicht mehr lebendig genug, und sie sind vor allem zu schwer zum Sprechen. Mit feiner Intuition erkannte Zamenhof. dal! eine Sprache auch nicht rein künstlich konstruiert werden kann, eine leblose Kollektion von Wörtern: abgesehen davon, dali es eine Unmöglichkeit sein würde, willkürlich gemachte Worte /u erlernen. Lebendig konnten nur Worte aus der Quelle des europäischen Sprachkreises. vor allein aus dem romanisch-germanischen Sprach-