Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Mai 1920 GEMEINDEBLATT DER ISRAKUTISUHPN RPl.K'IONSC'I-MHINDE ZU LEIPZIG Si iti- :< i, i's gottlob nicht, und beide Schwestern nähen auf dieser Matte. Mau wechselt ah. Während die eine uiilit, heizt die andre i Ofen; und umgekehrt, während die eine das Essen ansetzt, näht andre auf der Maschine. Und die Maschine klappen unaufhörlich. i i die Nachbarinnen halten sieh die Ohren zu und hören nicht auf Immunen: ,.l>a haben wir uns ja eine schöne Suppe eingebrockt) . . ." # ..Oott schickt das Heilmittel vor der Krankheit." Das Heilmittel w r Jusek. In jedem Mause komm! mal schlechte Zeit, und es wird i em schwer ums Herz da wird so ein kleiner Wflrgel geboren, ii i das ganze Maus ist wie umgewandelt. So war hier .lusek der S inenscheiu, das liehe Nesthäkchen, mit dem sich alles beschäftigte. I I vor Pessach stattete man ihn königlich aus, nahm auf Horn ein l jes Uberröckchen und Möschen mit Hosenträgern, bestellte ein I ,r Stiefelchen und kaufte ein neues Hütchen, versprach ihm Nüsse / schenken und machte beizeiten eine Pfanne voll Plinsen aus Mazze- II hl, verdarb ihm gründlich den Magen und hätte ihn heinahe ins Jenseits befördert, „Wer bittet euch, ihn mit der Teufel weif) was zu füttern?*' irien die Schwestern die Nachbarinnen an. ..1 'seilt, lischt, still doch, seht sie nur einmal an! Man hat dem K ide eine Plinse mit Qänseschmalz gegeben, was sie da für einen S ektakel machen!" So verteidigten sich die Nachbarinnen, und Bassje, die Baderin, . was sie konnte und rettete das Kind. Und den Tag vor Pessach Ki Ii man Jusek ein Hemd mit und drei Pfennige und schickte ihn ins Bad. Und als er aus dem Bad heimkam, zog mau ihm die neuen f chen an. und er leuchtete wie die liehe Sonne. „Pin KönigskindI" sauten sie zueinander. „Unberufen, unberufen, der böse Blick soll ihm nichts schaden!" Und Jusek nahm das Gebetbuch und ging ins Gotteshaus, sagte Je TotenfQrbitt auf und kam heim mit dem frohen Qrufl „Fröhlich I st!" und fand den 'lisch gerüstet mit Ma/.ze. einem Pläschchen Rosinenwein, mit dem ..Mitterkraut", der „Latwerge", den Kartoffeln d dem Salzwasser alles war da. alles was nötig, bloß eines fehlte: gab keinen, der hätte nach der Pessach„ordnung" Tafel halten können. Ps «ah keinen „König") * Alle drei Nachbarinnen waren Witwen, d. h. zwei waren Witwen, ne geschieden. Kinder hatten sie auch nicht, d. h. sie hatten welche. >er nicht zu Mause, zerstreut in alle Welt, bis ins ferne, ferne ncrika sogar. Ihr Geschick, oder iIir Ungeschick, hatte diese Praneu ein Maus zusammengebracht, bei Bassje, der Baderin, die die Hauswirtin und die „Reiche" unter ihnen war. Wohnten alle drei unter demselben Mach, standen am selben lerd, buken Brot aus demselben Backtrog, rührten die SabbateiBbrote in derselben Mulde an. jede aber hatte ihren besonderen lisch, denn es ist schwer, dali drei Prauen zusammen hausen und litelnander auskommen. Von den dreihundertundsechzig Tauen im Jahre zankten sich isere Hausfrauen ihre unten dreihundertmal. Aber ich weiO nicht, as ihr zanken nennt? Mau nahm einander bewahre nichts weu. liff behüte niemandes Ehre an, aber einfach zwischen drei vermiedenen Charakteren müssen Reibungen entstehn. Zum Beispiel, 'essi. die Hethausdicneriii. liebt's, das ganze Peuer vom Vorherd weg i den Ofen hinein zu scharren und das Ofenloch mit dem aufepaßten Brett zu verstellen. Was ist dabei? Nun hat aber Sossi. le Händlerin, die Gewohnheit, jeden Morgen ein Töpfchen „Clchorle" n' den Vorherd zu stellen. Ist. glaube ich, auch kein Verbrechen? ie wird docli mit ihrem Krüglein „Clchorle" nicht zwischen die leischtöpfe kriechen! Da saut aber Pessl, die Bethausdienerin, dali s sich nicht verlohnt, wenn um ein Töpfchen „Clchorle" die SabbateiBbrote im Ofen zum Teufel gehn. Erwidert Sossi. die Händlerin: ■< mögen ihre Pelnde lieber zum Teufel gehnl Meint Pessi, die Betausdienerin zu ihr: dali sie offenbar hübsch viel Feinde habe? Drauf ersetzt Sossi, die Händlerin: „Nicht zu versündigen, hab' ihrer ueug, mau soll sie dicht säer. und sie mögen dünn aufgehn." Da fragt 'essi. die Methausdieiierin: ..Seit wann sind Sie denn so beredt geworden?" Und antwortet ihr Sossi, die Händlerin: „Seit ich mich n dieser Wüstenei niedergelassen habe." Da lallt sich Massie. die laderin, die Hauswirtin, vernehmen, die währenddessen, das Kopfach hinter die Ohren zurückgeschoben, ein Nudelholz in der Hand, lasteht und einen sabbatlichen Nudelteig ausrollt: „Ich möcht' wissen, was Ihnen liier so wüst vorkommt? Etwa die riesige Miete, an der Sie sich arm zahlen?" Drau! spricht Sossi, die Händlerin: „Sie haben Uiit reden, wenn Sie reich sind und unberufen viel (ield im Sack haben." Da gibt ihr Massie, die Baderin, zurück: „Was schert das Sie? Viel oder wenig? Mei Ihnen habe Ich wohl nichts genommen?" I'ariert Sossi, die Händlerin: „Was wollen Sie bei mir nehmen? Meine Armut? Die können Sie haben!" Antwortet ihr liassje. die Haderin: „Behalten Sie sie nur ruhig für sich!" Da lallt sich Pessi, die Methausdieiierin. hören: „Vor Armut ist niemand versichert! Man hat schon Tausendkünstler mit eigenen Häusern trotzdem tief in der Tinte sitzen sehn!".....Und Hrctzel backen." springt ihr Sossi, die Händlerin, bei. 1 i.i kriegt Massie, die Baderin, Wut und fällt Sossi. die Händlerin, derb au. Nimmt sich ihrer Pessi, die Methausdienerin, an. Prliebt sich ein Spektakel von allen drei Weibern, ein Mischmasch, ein Durcheinander von Redensarten und Veruleiehcn: „Sieh nur die hellige Pürsprecherin!".....Wie gefällt Ihnen so eine AnmaBung von einem Frauenzimmer?!".....Gefällt's Ihnen nicht, dann eben nicht, liebe Tante.".....Man schlau' den Sack, und der Teufel kommt gerennt!".....tan schöner Vergleich!".....Auch mir eine .Reiche', wegen einem Brotschieber und einer Backschaufel." . . . „Nun aber still, GroBmaul, sonst fliegen Schaufeln an den Kopf!" . . . „Es trägt sich, wem. Sie haben den Vortritt.".....Da hast du's denn!".....Hast du's!".....Da habt ihr"s beide." . . . Sie glauben vielleicht, was waren das Mackpfeifen? Gott bewahre! „Feigen", Peigen aus zwei verschlungenen Fingern, dazwischen ein dritter, und stracks gegen die Nase: „Ätsch!" Mei all den häßlichen Zänkereien waren sie einander bewahre nicht feind. Denn was eigentlich konnten sie gegeneinander habe::? Nahmen sie denn etwa behüte einander das Mrot weg? Da zankte man sich, und da war man wieder einig. Und uar erst, wenn das Pessachfest nahte, wurde alles Frieden und Eintracht, ein Herz und eine See!e. Denn alle drei buken Mazze am selben l au. Stellten ein gemeinsames Fäßleln Rübensafl auf. erhandelten ein gemeinsames Säckchen Kartoffeln, und setzten sich zur Pessachtafel au einen gemeinsamen Tisch, eben bei der Hauswirtin, bei Massie. der Baderin. Erhoben zusammen mit ihr zu Beginn der Zeremonie die Schüssel mit den symbolischen Speisen, sagten ihr leise Wort um Wort die „Haggadah" *) nach, die Massie in der W eiberüberselziinu aus einem dicken Gebetbuch vorlas. Doch das wtit einstmals gewesen, damals, als Massie. der Baderin, Mann. Jissroel. der Mader. noch leite und nach der „Ordnung" Pessachtafel hielt. Nachher, als Jissroel. der Mader. gestorben war, hatte einer von den Söhnen der drei Nachbarinnen dies Amt ausgeübt. Nun, da sie sich in alle Winde zerstreut hatten, und im ganzen Hause der einzige von Mannsgeschlecht Jusek war. erhob sich unter den Weibern die Frage, ob das nicht eine Idee wär\ dali Jusek diesmal die „Ordnung" abhielt? Jusek ist ja ein Junge, der schon den PentateUCh lernt und fließend liest warum sollte er nicht der Mann, der „König" sein? „Jusek. willst du König sein?" „König? P.i. warum denn nicht? Wer wird die Krone abschlauen!" „Ach. trauriu Ist's um die Krone bestellt, wenn lu-eK der König sein iniili!" So sprachen die drei Prauen und die beiden Schwestern und betteten ihm ein sehr schönes „Lehnbett", mit Ki--.cn ausgepolstert, und als Jusek aus dem Methaus mit dem frohen UruU „(int Pest!" zurückkam, setzte er sich auf den „Thron", in den neuen, festtäglichen Kleidern, wie ein wahrer König. * Drei Dinge: Gähnen, Lachen. Weinen stecken unwiderstehlich au. Zu gähnen, zu lachen und zu weinen, das steht nicht in UllScrm Belieben. Mei der Pessachtafel, die wir jetzt beschreiben, gerade am unten Ende, als der jüngste der „Könige", Jusek. das Waisenkind, nach dem getragenen ..Darum sind wir verpflichte! zu danken" und dem schönen „Malleluiah" zum zweitenmal den Becher erhob und zu sauen begann „Sieh mich bereit, die Pflicht des zweiten der Vier Becher zu erfüllen" und das Gläschen zum Mund führte, Meli sieh in der eintretenden Stille ein jammervolles Weinen vernehmen, wie wenn man einen Toten beweint. Wie das plötzlich passierte, wer von ihnen zuerst angefangen hatte, das lällt sich schwer sagen. Als Jusek zu Beginn den Weihesegen über den Wein gesprochen hatte, und angefangen hatte, das V *) Paraphrase über Schriftcrzählung vom Auszug aus Ägypten,