Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummei 18 hoven vernichtet worden wäre, eines Geistesheroen, der der Menschheit aller /eilen so unendlich viel an Beglückendem ni seiner Musik gegeben hat. Bei uns ist aber der innige Zusammenhang von Kindern zu Eltern und Vorfahren ein Bestandteil unserer Geschichte. Als zu Zeiten der Kreuzzüge die Juden Deutschlands, namentlich in der Rheingegend, so grausam verfolgt und schließlich vertrieben wurden, und als mehrere Jahrhunderte spater sieh dasselbe traurige Schauspiel in Spanien wiederholt hat. da verbrachten die Juden die letzten! age und Stunden in der Heimat bei den Gräbern ihrer Ahnen, klagend, diese heiligen Stätten verlassen zu müssen. Freilich wußte man im finsteren Mittelalter die Ruhestätten der Toten noch unversehrt, und kannte mau noch nicht die jetzt hierzulande ..üblichen" bestialischen Friedhofs-Schändungen. Ks sei mit Befriedigung festgestellt, dal.! noch heute in .: ganz anders gearteten Zeit, die Dankbarkeit der jüdischen Kinder zu lebenden Eltern sich wohl sehen lassen darf und jedenfalls gegenüber anderen Völkern darin ein Plus vorhanden ist. Aber wie sieht es mit der Pietät zu den verstorbenen Lieben aus? Unsere W eisen sagen: D*»ffp Dnrroa'oyiä Bwn Gerechte leben auch nach dem Tode fort. Und jüdische Eltern waren ihren Kindern gegenüber noch immer gerecht, ia mehr als das. taten in ihrer Übergroßen Liebe sich unrecht und sollten darum für ewig D"n im Gedächtnis tortleben. Iis ist menschlich, daß der erste brennende Schmerz nach einem dahingegangenen lieben Mensehen, der uns fast zu verzehren drohtfdaß der zunächst als unfaßlich und untragbar dünkende verlast mit der Zeit, die so viel Schmerzen heilt, einer milderen Auffassung Platz macht; die klaffe W unde muH vernarben, da sonst durch unaufhörliches Kla. n unser eigenes Dasein bedroht wäre. Aber der Tote sollte >. mals unserem geistigen Auge entschwinden und sollte st s zu einem Leben in seinem Sinne anspornen. Trotz des u der Regel eingehaltenen Trauerjahres und späterhin a Jahrzeiten ist meines Erachtens die gebotene Pietät viel in den Formen und im Formalen stecken geblieben. Ks mül i sonst mehr sichtbare Erfolge an Selbstbesinnung und W tätigkeitsakteu während der 'Trauerzeit und nach den See feiern vorliegen. Darum entschwindet oftmals der lebem Zusammenhang mit den Toten. SO eigenartig hier dieser A - druck klingen mag. Das sollte nicht sein und würde, wie glaube, auch weniger zutreffen, wenn die Eltern auch Leben die Kraft aufbringen würden, ein Mehr au Respek - rung zu fordern, ja energisch zu fordern von Kindern, die folge ihrer Jugend nicht ausgereift genug sind, um das \ n sich aus allein zu verstehen und zu tun. Ja. jüdische Elti i sündigen sehr oft aus Übergroßer, aber falsch verstände; Liebe, indem sie seitens der Kinder der ihnen gebühren i Verehrung nachsehen, so aber die Größe und Wichtigkeit i - ses göttlichen Gebotes in den Augen der Kinder abschwäcl Die Lehre der Dankbarkeit gegenüber Litern und den ande n Mitmenschen und die Beharrung auf Erfüllung dieser Tin - rung ist jedoch ein gutes Erziehungsmittel, und nur du n Hochschrauben dieser sittlichen Forderung können wir die i rfüllung im wenigstens mittleren Malle erwarten. Der jüngste der „Könige" Nash Scholem-Alejcbem von A. Suhl. (Portsetzung u. Schluß.) Leicht gesagt: dienen Kehn. Die Frau von Refoel, dein Vertrauensmann, eine Hausfrau so gut wie alle Kasriliwker Hausfrauen, soll eint Dienstmagd werden? Am fremden Herd stehen? Am fremden Tisch sitzen. Ehe so ein Lehen, dann schon lieber sterbenl Und die Witwe betete um Ihren 'Tod. lud Qott, der «rolle allmächtige Oott, der da Ist ..ein Vater den Waisen" und „schaffet Recht den Witwen", erbarmte Sich diesmal doch gerade über die arme Witwe und ließ sie nicht erst sieh lange herumschleppen auf dieser Tirde. windle ihr einen leichten Tod, so eine Art inneres (iesehwür, die quälte sich, und gar nicht wenig, alles in allem zwei Monate und einen halben und starb, l ud gerade trat sielTs, dali in Kasriliwke zu der Zi.it. außer kleinen Kindern, niemand gestorben war. Da wurde die Witwe nicht weit von ihrem Mann beerdigt, man kann sagen: (ir.ib : Qrab sie halle eben (iiiick. L'nd .Insek konnte nun schon die Totenfflrbitt sowohl für Vater als auch für Mutier aufsagen. * l'nd von damals au also war .lusek so beliebt bei allen Nachbarn len Nachbarinnen und allen denen, die ihn im Bethaus horten, die Totenfürbltt aufsagen, wie er auf einer Dank stand und mit seiner Kinderstimme schmetterte: „Lrhöht und geheiligt der Name des Herrn . . Jeder, der diesen kleinen Jungen mit dem runden Hütchen aui dem Kopf, mit den schwarzen Quckchen und den roten ßäckchen aui der Dank stelin sah und ihn das „Erhöht und geheiligt" singen hörte, blieb wie an die Stelle gewurzelt Stenn, seufzte auf und versank In nicht gerade heitere Qedanken, denn leder Mensch kann behüte sterben, leder Mensch hat kleine Kinder, die. Qott bewahre, als kleine Waisen zurückbleiben können! l'nd man steckte dem kleinen Waisenkind etwas zu der eine eine Kopeke, der andere einen Apfel ein blBchen aus Mitleid und ein bilieben, weil ..Wohltun errettet vonn 'Tode" . . . Die Wahrheit muß man saKcli. daß lusek tatsächlich ein wohlgeratenes Kind war. um so einem (iesicht. das einen zu bitten schien: ..Dab mich gern!" Und dazu halte er einen tuten Kopf und war in der Kasriliwker Talmud-Thora-Schule der beste Schüler. Auch der Lehrer konnte ihn gar nicht genug loben, und die ganze Stadt Sprach davon. „Man hört den kleinen .lusek von Refoel. dem Aufseher, loben." „Den .lusek? Man sagt, von dem Jungen wird was werden, seinesgleichen sucht in der Welt!" ..l'nd wo muß sich so eine Perle hinverlieren? Unter arme Le aui den Mist!" „Immer SO. Wer lebt? Der alte Mosehe-Aron. ohne Hände ohne Tülle. Wer Stirbt? Denn Simehcles Schwiegersohn, irisch gesund, Familienvater und ein junger Mann mit Qeld im Sack geht er hin und stirbt!" „Sie sagen: Herrn Simehcles Schwiegersohn? L'nd wie sti denn mit Pejsse, dem Reichen seiner Schwiegertochter?" „Was ist mit ihr?" ..Was mit ihr ist? Schon dreimal haben sie den Professor :i - Flunkerburg dagehabt." „Was Sie nicht sagen! Das wird was kosten! Möeht' die Hai im Vermögen haben, du lieber Oott!" ..Halt eine schöne Welt!" „Line Welt mit allerlei Wellen!" So unterhält man sich in Kasriliwke und kritisiert den Herrn nach Noten: wem er langes Leben schenkt und wem nicht: W» er's (ield gibt und wem den Beutel; wem er wohlgeratene Kind beschert und wem der 'Teufel weiß was für welche . . . N mandem aber fällt ein. sieh mal die Trage vorzulegen, wovon die wohlgeratenen Kinder leben? was sie essen? wer sie kleidet? ob vielleicht die langen Winternächte in den kalten Kellerstuben durc frieren? ob sie nicht zu Krüppeln. Buckeln, lebenslänglichen BettU aufwachsen, überflüssige, unglückliche QeschOpite in der Welt? . * Ein (iiiick noch, daß es den Schwestern Sore und Riwkc gehingt war, eine Maschine aufzutreiben. Und das haben sie ihren drei Nacl barinnen zu verdanken, Bas|e, der Baderin, Pessl, der Bethau dlenerin, und Sossi, der Händlerin, die mit ihnen unter einem D.i. wohnen. Sie Italiens alle drei zusammengeschossen und ihnen d erste Rate geliehen. Und der Rest war abzuzahlen. So kamen sie . der Maschine. Und was Wunders auch? Man ist doch ein lebendig« Mensch. Was sollen zwei erwachsene Mädchen mit einem kleine Waisenkind auf dem Arm sonst tun? Eine Schlange, sagt mau. hl auch mit den kleinen Schlänglein Erbarmen, geschweige Jean ei Mensch! TÜii Fehler bloß, daß die Maschine einem den lieben langen Ta und auch die Nacht durch in die Ohren klappert, denn an Arlu