Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(Bemeinö ebkfc PER ISRAELITISCHEN RELIGION SGE-MEINDE ZU SA D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT «Li I ■ Mm IDER GEMEINDEVERWALTUNG! Ii Cemeintleblatt erscheint jeden l'rellag und wird n Mitgliedern der Kellgionsgcmelndc unentgeltlich H ill die Post zugestellt — S c h r I f t I e 11 u n g : meinderabbiner IfUstav Cohn, Leipzig, Lohrstratie IO AnwtoBBTWwaltiing und Dnufci Buchdruckord August Pries, Leipzig, Brüderstr. SO - Fernruf 700OÖ - Postsdieik Leipzig 53M20 - Nadidrmk mir mil Quellenangabe und mit (.ü'iielunlgung des Verfassers gestattet VOM GEBOT DER DANKBARKEIT Von David Steinmarder Wir sind gewohnt, unsere Mitmenschen nach bestimmten Charaktereigenschaften zu kennzeichnen, und sprechen so von liebevollen und gieichgiltigen, guten und v lechten Menschen und dergleichen mehr, ohne dal.t es geli gen will, sie in ihrer Totalität zu treffen, sie in einem Generalnenner festzuhalten. Iis ist eben nicht möglich, das kompli- / i teste Geschöpf, welches der Mensch darstellt, mit einem Kennwort zu charakterisieren. Mit dieser Einschränkung möchte ich eine Eigenschaft hervorheben, die den Menschen b onders ziert und ihn aus der Masse herauszuheben vermag. Es ist dies das an sich abseitige Wesen der Dankbarkeit, das G fühl des Dankbarseins. Ich möchte behaupten, dali ein wirklich dankerfüllter Mensch nie restlos schlecht zu sein vermag, daB derjenige, welcher erwiesenen Wohltaten gegenüber Her- / nsregungen verspürt, auch bei etwa sonst vorhandenen S hwächen kein ganz verdorbener Mensch sein kann. Wie stellt sich unsere „Schrift", dieser Maßstab des jüdischen Le- I ms. hierzu, und was lehrt sie uns in dieser Hinsicht? Unsere Weisen sagen: Dreien hat der Mensch Leben und Dasein zu verdanken: (iott, Vater und Mutter. Iis bedarf dies! nier weiteren Begründung, (iott. als Schöpfer von Himmel i id Erden, hat uns von des Menschen Urbeginn au erschaffen. iihrend unsere Eltern unsere unmittelbaren Bildner sind, i ie Dankbarkeit gegen Gott ist das erste, was wir unseren indem einzuprägen haben, kaum dal! sie verständlich zu •rechen beginnen, indem wir ihnen das 'JK .YTin — ich Mike Dir — debet beibringen, das Groß und Klein beim sten Erwachen am Morgen sagen sollen. Wir sind gehalten, vor jedem Genießen, was es auch immer sei, einen Segensruch mit nriK "pm beginnend, auszusprechen, dankerfüllt, aß uns der himmlische Schöpfer die mancherlei Güter und ienüsse der Welt zukommen lälit. Diejenigen Eltern und Eäd- SOgen, die diese heilsame Lehre den Kindern nicht genügend eibringen und, was noch schlimmer ist, ihnen nicht vorleben, crauben sich — abgesehen von der ethischen Seite der Unterissung — selbst eines hervorragenden Erziehungsmittels. — nsere Gebete, namentlich diejenigen der hohen Feiertage, üid ein einziger Dankausdruck für Dasein und Erhaltung. Wer ie erhabenen Gedanken unserer Gebete einigermaßen in sich ufzunehmen vermag, muß einen hohen Begriff und einen tiefen sinn vom Gebot der Dankbarkeit in sich spüren und sein Leben darnach einstellen. Was soll man vom Verbundensein der Kinder den Eltern gegenüber sagen? Es klingt beinahe banal, darüber viel Worte zu verlieren. Denn „wenn ilir's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen". O'ua "?y ntf Drn? Wie sich der Vater seiner Kinder erbannt, so — beten wir — möge sich Gott unser erbarmen. Der jüdische Vater, dessen Sorgen und Trachten ja restlos der Erhaltung der Seinen gewidmet ist. der in der Kegel über seine Verhältnisse alle Kräfte der bessereu Erziehung seiner Kinder widmet, er verdient es wahrlich, sich der Dankbarkeit seiner Kinder zu erfreuen. Und erst die Mütter unseres Volkes! Welche Aufopferung, welche unvergleichliche Liebe strömt von ihr für ihre Kinder aus. Mutter und Kind, wohl das lieblichste Bild, das wir auszudenken vermögen, kein Kunstwerk und kein Künstler, weder Dichter, noch Maler und Bildhauer sind imstande, die Wirklichkeit des Erlebens erschöpfend auszudrücken und wiederzugeben. Nur sie — die Mutter — allein kennt die Tiefen deiner Seele, sagt ein deutscher Dichter. Da. wo so viel Gefühl, SO unermeßlich reiche Liebe entgegenströmt, das Dankbarkeitsgefühl zu vergessen und die Dankespflicht zu verletzen, hieße ganz unmenschlich handeln. Das Verhältnis der Eltern zu den Kindern und dieser zu jenen, welches in der gebildeten Welt als sittliche Norm gilt oder wenigstens gelten sollte, ist in Israel begründet worden. rvax "Hon lytT] W ir beziehen uns in unseren Gebeten fortwährend auf die Verdienste unserer Väter und Vorfahren. Während die Ahnen der Hoch- und Höchststehenden unserer Umwelt, der Fürsten, der Aristokratie und der Offizierskaste bei näherem Hinsehen und nach heutigen Begriffen oft genug MenSChenSChlächter, ja Raubritter und Wegelagerer waren, ist unser Adel ausschließlich geistiger Natur. Aller auch die Ungelehrten, die einfachen Leute unseres Volkes, sind imstande, von ihren Voreltern zu lernen, wie man gottergeben und redlich das Leben führen soll. Unsere Vorfahren haben allesamt die Prüfung der Jahrtausende der Geschichte bestanden und darum ist die Kette unserer Tradition unsere Stärke, der noch heute herrschende Zusammenhalt unserer Familien die Quelle unserer Krait. Demgegenüber steht die Durchbrechung des naturhaften familiären Prinzips bei dem geistig höchststehenden Volke des Altertums, bei den Griechen. Diese haben in gewollter Voranstellung des Staates und seiner Bedürfhisse schwache oder verkrüppelte Kinder, deren Lebensfähigkeit zweifelhaft war. ausgesetzt und einem elenden Tode preisgegeben. Welche Verheerung in menschlicher und namentlich geistiger Beziehung durch ein solches Vorgehen angerichtet wird, kommt uns zum Bewußtsein, wenn wir denken, dali bei Nachahmung dieses Prinzips das Leben eines Deel-