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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-04-25 · 17 (25.4.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
17 (25.4.1929)
Date
1929-04-25
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG zur Pflicht gemacht, an jedem wiederkehrenden Befrehingsabend vier Gläser während der Erzählung der Wunder dieses Ereignisses zu trinken Da man aber auch sonst an einem Feier- oder Ruhetag ein t'.las trinkt oder wenigstens den Segensspruch darüber macht, so entsteht die Frage, ob dieses zu den gebotenen vier (ilasern gerechnet werden -oll; datier das überschüssige (.'das. aber nur für den Hausherrn, der den Segensspruch ausbringt. Diese Frage bleibt teku, wie der talmudische Ausdruck lautet, d. h. unentschieden und ungelöst bis zum Erscheinen des Propheten Elia. Der jüngste der „Könige"*). Nach Scholem-Alejchem von A. Suhl Ein Glückspilz, dieser .lusek! Alle haben ihn Kern, jeder verhätschelt ihn, gibt ihm nach, kul.it ihn, herzt ihn. \\ le kommt denn das? .lusek! „Die eigenen Eltern sollen ein Einziges nicht so verwöhnen, wie die beiden Schwestern Sore und Riwke ihren kleinen Bruder verwohnen. Jusek und wieder .lusek und noch einmal .lusek. lusek, iß! lusek, trink! .lusek «eh schlafen! .lusek, hier hast da ein Bonbon! Jusek, du kriegst ein paar neue Hosen zum Feiertag! .lusek. du gehst ..in Tag vor Fessach ins Bad! Jusek. du wirst die Pessachtafol halten! iusek und wieder Jusek und noch einmal Jusek -- es hängt einem schon zum Halse raus! Ihr nehmt ein Kind her, ein Edelstein von einem Kinde, und richtet es zugrunde!" 50 sprechen die Nachbarn, die mit den Schwestern zusammenwohnen, und selber stecken sie allemal Jusek einen Zuekerkringel zu. ein Stückchen Strudel, ein gebratenes Leberchen, ein biBeben Eftlgemachtes. Aus Mitleid tun sie's, deshalb, weil alle Leute mit ihm Mitleid haben - eine kleine Waise — der ärmste! * War mal ein Jude, der hie!! Refoel und war sein Lebtag ein armer Mann and dazu noch ein Asthmatiker mit einer merkwürdig musikalischen Brust, die zu „spielen" pflegte, d. Ii. beim Hin- und Ausatmen ließ sie eine Art Gesang wie eine Geige hören, über die man einen schlecht geschmierten Bogen fühl.. Und war selber Refoel ein gar ehrlicher Mann, bloß (er vergeb"s mir!) ein großes Ungeschick. ,1. Ii. maßen er ein ehrliche! Mann war, war er ein Ungeschick oder umgekehrt, mit Ben er ein Ungeschick war, war er ein ehrlicher Mann. Ueber ihn ging die Rede in Kasrillwke, daß, wenn Refoel kein Ungeschick wäre, er heute viel Geld haben könnte. Und er hatte das in der Hand, denn er war all sein Lebtag Vertrauensmann bei Herrn Simchele Weiner im „Keller", und. auller seinem Gehalt, konnte et einen Fid aul die Mibe' leisten, daß er keinen fremden Heller angerührt!iatte. Herr Simchele Weiner konnte sich schon auf seinen Vertrauensmann verlassen. Kr hielt ihn deswegen auch in Ehren, zahlte ihm! üiiktlich seine volle!-, sechs Rubel die Woche, schenkte ihm auch mal /um Feiertag ein Goldstück, zu Ostern die „vier Becher" Wein um- 51 und risterschnaps "ne Flasche das versteht sich von selbst. Wie denn sonst? Herr Simchele Weiner ist wohl ein Mensch, der nicht weiß, wie man einen Menschen zu schätzen hat? Das nun, daß I, der Vertrauensmann, sich bei ihm im Keller erstmal einen „Rheumatismus" holte und danach einen Lungenkatarrh bekam, und es ihm inwendig zu pfeifen anfing und zu musizieren und zu singen wer kann d.iiür? Gesundheit das liegt doch in Gottes Hand. Der gesündeste Mensch kann, behüte, auf der Straße tot umfallen. Unsere W eisen sagten schon darüber . . . Doch ihr wißt ja wohl schon, was unsere Weisen darüber sagen. * Refoel starb ni d — ei, ei. ei! — was für ein Begräbnis er hatte! Herr Simchele war untröstlich und konnte sich gar nicht genugtunl 1 r selbst trug ihn auf der Bahre aus dem Hause, half selbst auf seinen Schultern tragen, ging selbst hinterher bis auf den Friedhof, wachte seihst darüber, daß man einen schönen Platz anwies, sah ') „König" heißt der Hausherr, der den „Sseider" abhält. Was schließlich das öffnen der Tür anlangt, so kann s als Vorsicht gegen Lauscher oder, was mir wahrscheinlic r dünkt, gerade umgekehrt zur Zeit des Rltualmordmärch :i- Aberglaubens - man denke nur an Heines wundervolle, le r Torso gebliebene Hrzählung „Der Rabbi von Bacharach" ,j ähnliche Erscheinungen auch noch in unserer aufgeklärten it (Tiszy — Ezlar, Xanten usw.) — als Aufforderung an alle I swilligen Verleumder und Leichtgläubigen gelten. „Tretet in und überzeugt euch, wie wir unsere Pessachfeier offen >r aller Welt begehen!" selbst nach, wie man das Grab auswarf, tat selbst den ersten Spa nstich, und als das Kind Jusek zusammen mit Oiser, dem Bcth ... diener, zum erstenmal die „Totcnfürbitt" auf seines Vaters Grab isagte, weinte H^-rr Simchele: was das heißt: er weinte! „Was wißt ihr denn! Was wißt ihr denn!" sagte er naehhci u jedem, der's hören wollte. „Das istfür mich so ein Verlust, so n Verlust, den man gar nicht abschätzen kann!" Und zu der Witwe sagte er: „Weine nicht, ich werde dich iii deinen Waisen wohl nicht verlassen. Krst Gott, dann ich . . ." Und Herr Simchele hielt Wort, soweit er konnte. Das heißt, ie ersten paar Wochen zahlte er der Witwe das Gehalt weiter. V M wahr, sie mußte danach jede Woche laufen, und nicht bloß elm al, sondern mehrmals, und das war ihr nicht ganz angenehm. Aber h bitte euch, was wollt ihr denn? Mau wird es ihr ins Haus bringi i? Man sollte meinen, das ist gerade genug getan, wenn man eii m Menschen nach dem Tode das Gehalt zahlt! „Sie kommen zu mir und mahnen," sagte er dann eines Ta. „gerade als schulde ich Ihnen was, als hätten Sie einen Anteil in meinem .Keller' eingezahlt." An dem Tage weinte die Witwe mehr, wie damals, als Refoel t auf der Frde gelegen hatte, und als ihre beiden Töchter, Sore u d Riwke, erfuhren, weshalb die Mutter weinte, beschworen sie sie, nl Ii mehr hinzugehen. „Und was werden wir anfangen?" „Was alle machen: wir gehen dienen, wir waschen Wäsche, v i wollen Maschine nähen." Maschine nähet, wird jetzt in Kasriliwkc schon für was angesel .Vau kann damit schon die zwei Gulden (Füufzehukopekenstückc) I I Tag verdienen, wenn man nur so seine sechzehn, siebzehn Stum über der Maschine sitzt. Und um Arbeit braucht man nicht zu bann man kriegt welche; wo nicht Kleider, dann Hemden, und wo Iii. Hemden, dann Schürzen, und wo nicht Schürzen, dann TaschentBc zu säumen. Schlecht ist nur, daß man eine Maschine haben muß, / Maschinen! Wohl wahr, mau kriegt Maschinen auf Abzahlung. Wo aber erste Rate hernehmen? „Gehen Sie doch mal hei Ihrem reichen Weiner vorbei," rief die Nachbarn der Witwe. „Sie sagen ihm so und so, Sie werde ihm abarbeiten." Leicht gesagt: geh zum reichen Wciner! Aber was tut man ni. ums liebe Brot? Die Witwe ging also bei Herrn Simchele Well „vorbei", traf ihn in der besten Zeit, gerade nach dem Fssen. \\ ihr, wenn ihr von jemand eine Gefälligkeit braucht — paßt ihm i nach dem Essen ab. Nach dem Fssen ist der schlimmste Mcn weichherziger gestimmt als vor dem Fssen. Vor dem Fssen ist d Mensch — ein Tier. „Da was bringst du Guts?" Die Witwe legte ihre Sache dar. so und so Nähmaschinen. Herr Simchele hörte die ganze Zeit aufmerksam zu, stocherte den Zähnen herum, war rot, ein bißchen in Schweiß, und duselte t wenig, das heißt nicht, daß er schlief, behüte - er duselte bloß. s< sie bloß mit einem halben Auge an, dachte zwischendurch BU( ein bißchen ans Geschäft und ein bißchen an die Geschichte mit seine Magen. Herr Simchele neigt etwas zur Fülle, zu Fettansatz, so bab< ihm die Ärzte mehr Fleisch und weniger Mehlspeisen verordne und Herr Simchele liebt gerade Mehlspeise, Brot, Nudeln, Fierkuclk und dergleichen Dinge mehr, die aus Mehl gemacht sind. Fr wei daß es ihm schadet, aber wenn er's sieht, muß cr's essen, und wei er's gegessen hat, bereut er's . . .

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