Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 16 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT HHK ISRAELITISCHEN RELIG10NSGEM LINDE ZU LEIPZIG Sicht .in! die sehr zahlreichen Familien, die sich vom Mazzoth- Hacken ernährten. Heutzutage erzeugen mehrere Großgemeinden die Mazza durch Maschinen im eigenen Betrieb. Die Maschine hat auf der ganzen Linie gesiegt. Und doch blieb eine verborgene Ecke vor ihr verschont. Gleich wie die Photographie mein vermocht hatte, das künstlerische Portrait, und das Kino die Bühne «an/ zu verdrängen, so haben Feinschmecker und Kenner, erlesene Genießer und strenge Beobachter der Mizwa auch liier ein kleines Inselellen ZU retten gewußt, woliin die gleichmachende Flut der maschinenmäßigen Massenerzeugung nicht zu dringen vermochte. Dieses kleine lnselelien ist die „Mazzah schemurah", die streu« behütete Mazza. Es ist nämlich eine ihr den Religionspsychologen höchst merkwürdige Tatsache, daß der Jude bestrebt war, den Geboten seiner Religion einen strengen und immer strengeren Sinn abzugewinnen, namentlich solchen Geboten, die den sinnlichen Genuß einschränken und persönliche Opfer der Entsagung heischen, besonders wenn deren Sinn und Grund nicht klar zutage lag. Es hängt dies offenbar mit dem tiefsten Cirnndzug der Judenseele, dem Optimismus zusammen. Diesem Optimismus entsprang das unbedingte, fraglose Vertrauen des Inden zu seinem Gott, das gleichsam zum Instinkt geworden ist. (>ott ist gut. also sind seine Gesetze unzweifelhaft gut, und es gilt nicht, ihnen etwas abzuhandeln, sie auf die leichte Achsel zu nehmen, sondern umgekehrt, sie freiwillig zu verschärfen, eine Hecke um sie herum zu machen, sie sich in der strengsten Form aufzuerlegen. Auch eine eigene Art von Ritterlichkeit mischt sich in dieses Verhältnis. Da keine sichtbare irdische Macht die Befolgung dieser Gebote belohnt, oder ihre Uebertretung bestraft, so sind sie einzig und allein der Treue und dem guten Glauben der Menschen überantwortet. Ks ist also eine Ehrenpflicht, die Mizwa zu erfüllen, alle erdenkbaren Kamelen gegen ihre Uebertretung aufzurichten. Je größer der Inhalt der Mizwa ist. desto größer ist die Freude, die man bei der Unterordnung des eigenen Willens unter den W illen Gottes empfindet. Das ist die „Simcha schel Mizwah". (Die Freude an der Erfüllung des Gebotes.) Diese Tendenz macht erst dort halt, wo das Verbot in seiner rigorosen Form das öffentliche Leben zu stören droht, nie aber vor dem wirtschaftlichen Interesse des Einzelnen. Das Verbot des Ungesäuerten am Pessach ist in der Bibel streng genug gefaßt In der nachbiblischen Literatur hat es bis in die neueste Zeit eine gewaltige Verschärfung erfahren. Da ist z. B. das „Kaschern" und „Glühen" der Oefen und metallenen Küchengeräte. Hölzerne Tische und Bänke w erden mit kochendem Wasser iilv. r gössen, und darüber wird ein weißglühendes Eisen geführt, um aus den (legenständen jede geringste Spur von Gesäuertem zu entfernen. Die Wände und Fußböden primitiver Behausungen werden frisch gestrichen was übrigens auch zur Rem lichkeit in unschätzbarer Weise beitrügt. Manche Uberfromme Hausfrauen gingen in ihren Vorsichtsmaßnahmen so weit, daß sie sogar den Widerspruch der Rabbiner erregten. Aus diesem Drange nach Verschärfung ging die „Mazza Schemurah" hervor. Hin Teil der Weizenernte wird „auf den Halmen" gekauft und von da ab streng überwacht, damit die Körner nicht mit dem feuchten Element in Berührung kommen. Die Körner werden auf einer Handmühle gemahlen (wobei man im Sinne hat, dalJ sie für die Mazza bestimmt sind Inach Rabbah, Pcsachim 38b I), am Morgen des Erew Pessach, um dieselbe Zeit, als im Tempel das Pessachlanun geopfert zu werden pflegte, unter Absingen des Hallel gebacken, wobei ausschließlich Männer beteiligt sind; oft wirken auch nicht jüdische Gehilfen mit, und aus Hamburg-Altona wird berichtet, daß dort die christlichen Mitarbeiter in den Hallelujagesang einstimmten. In Polen kam es häufig vor, dali die Großgrundbesitzer der jüdischen Gemeinde zu diesem Zwecke einen bestimmten Teil der Weizenernte unentgeltlich überließen. Von einem Mitglied der berühmten Magnatenfamilic der Grafen Potocki wird überliefert, daß er den .luden ein ganzes Weizenfeld für die „Schemura" überließ, nur für das Recht, zusammen mit ihnen die Mazza zu backen, gewöhnliche Arbeiten zu verrichten und das Hallel mitzusingen. Streu« Fromme genießen über Pessach keine andere Mazza. Gewöhn lieh aber bemüht man sich, wenigstens für die SederschUssel an den beiden ersten Abenden diese Mazza zu Italien. M a - bar 11 (gestorben 1427) pflegte den Holzstoß für das Backen der Mazzoth mit den Weidenreisern zu entzünden, die Vi m Lulav und von den Hoshaanot am letzten Laubhiittenfeste zurückgeblieben waren. c DER SPATE BEGINN DES PESSACHFESTES Eine kalendarische Plauderei In diesem Jahre füllt der Beginn des Pcssachicstcs ungewöhnlich spät; auf den 25. April. Kein heute Lebeuder hat dasPessachfest begangen, das an dem gleichen Datum seinen Anfang genommen hat. Denn es fiel in das .lahr 1815. F.s ist kein Irrtum, wenn wir sagten, „das" Pessachfest; denn es war in der Tat im Jahre 1815 das erste Mal, dali dieses l est so spät gefeiert w urde. Und nur den Jüngeren und Jüngsten wird es vergönnt sein, das Jahr zu erleben, in dem wiederum Pessach erst am 25. April beginnt: denn erst in 38 Jahren (l%7) wird dies wiederum der Fall sein. Kein heule Lebender aber, ja noch nie hat ein Mensch ein Pessach gefeiert, das später als am 25. April eintrat, und erst die zehnte Generation nach uns wird falls dann noch der Kalender In seiner heutigen Form bestehen wird ein am 26. April eintretendes Pessachfest erleben. Diese kalendarische Seltenheit ist interessant genug, um ihr einige Aufmerksamkeit zu widmen. I nser jüdischer Kalender w ird bekanntlich in der Berechnung der Monate nach dem Monde bestimmt, während die Dauer der Jahre sich nach der Stellung der Erde zur Sonne richtet. Da 12 Monate < 12 29 J age 12 Stunden 44' w Minuten) etwa 11 Tage weniger als ein Sonnenjahr 'von 365 Tagen» zählen, da außerdem bei der Ordnung des jüdischen 1 est jahres bisweilen Verschiebungen um einen Jag erforderlich werden (mit Rücksicht auf den Beginn mancher Feste), so wird eine Angleichung der jüdischen Monate an das Sonnenjahr durch Einschaltung von Schaltmonaten (Adar II) herbe geführt. Diese Angleichung wird jedoch nie eine vollkommene. Immer bleibt eine gewisse Unstimmigkeit, dergestalt, dali d.is jüdische Jahr im Laufe eines Jahrtausends um 4 Tage der gleichen Anzahl der Sonnenjahre voraus ist. Demgemäß rücke die jüdischen Feste von tausend zu tausend Jahren um 4 Tage im Kalender des Sonnenjahres vor. Bis zum Jahre 1815 hatte das Pessachfest nie später als am 24. April seinen Anfang genommen, nachdem dies zum ersten Male im Jahre 1435 geschehen war (hierbei Ist zu ix rücksichtigen, dali 1582 durch Einführung des gregorianische Kalenders 10 Tage ungezählt blieben, so daß der 14. April julii nischen Kalenders unserem 24. April gregorianischen Kalendei zu vergleichen ist). Vordem fiel der erste Pessachtag nie nach dem 23. April, was zum ersten Male 1359 eintrat. Im Jahr 2309 wird Pessach erst am 27. April beginnen, so daß die Vei Schiebung um 4 Tage dadurch deutlich wird. Diese Folgeerscheinungen der Berechnung unseres Kaien ders lassen erkennen, wie berechtigt doch die ursprünglich« Übung war. den Kalender nicht nach mathematisch-astronoini sehen Gesetzen allein, sondern nur in Übereinstimmung mit de: Beobachtungen in der Natur zu ordnen. Dadurch wurde er be weglich erhalten. Die jüdische Behörde richtete sich gewil