Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4876568-5968790-5969090--2401-4879995
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(kmeitiö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-M&INDE- ZU fi IIID/lfLAMTLICHES NACHRICHTENBLATT bL I Im IV7 der gemein deverwaltungb Dil Comrliiilrhlatt rrsdiHnt (('den In ii.il* und ulrd den Mitullrdcrn der Kcli^ionsftcmrlndc um-ntp-lilTdi durch dir Post zuitcstrllt - S C h 111CI v t («I n ■ 1 (.(imInderabblncr Cuslav Cohn, LHpzIu, l.öhrslraÜY K) NUMMER 10 / JAHR«AN« S FREITAG IQ. APRIL 1020 AntetgriiverwaUttnii und Druck: lludulruikcrci Aujnitl Prtct, Ldpllg, HrudrrMr. Mi - IVrnruf "<MH>(> - l*os(- sdicik l.np/ijj 539^0 — Nadulrmk nur mit QittllMIan trabe und mit i .< in lnni^nnu des VcrfDUCn jirstattrt DIE HERSTELLUNG DER MAZZOT EINST UND JETZT (Schluß) Im Verlaufe der Zeit hat auch auf diesem Gebiete die Hausindustrie dem Unternehmertum weichen müssen. Besonders in den Kroßeren Städten wurde der Mazza-Bäcker eine stehende Figur. Fr versorgte die Stadt und deren Umgebung mit dem Bedarf an Osterbrot. Die Poesie des „heimischen" Mazza-Backens verschwand allmählich. Endlich bemächtigte sich die Großindustrie auch dieses Produktionszweiges. Um das Jahr 1856 erfand ein Wiener eine Maschine /um Mazzothbereiten, durch die der Teig mittels zwei Metallrädeln geknetet, gerollt und in viereckige dünne Stücke geschnitten wurde, die dann betupft oder gestoppelt herauskamen. l)ie blütterförmigen Stücke wurden auf ein Blech geworfen, worauf sie schnell in einen glühenden Ofen geschoben wurden, um gebacken zu werden. Die Ecken wurden weggeschnitten und wieder in die Maschine gebracht Da aber dieser Teig inzwischen gären konnte, so wurde die Maschine dahin verhessert, daß die Kuchen rund herauskamen, auch wurde an sie eine Backmaschine angegliedert. Und die Mazzoth konnten v iin Anfang bis zum Schluß ganz ohne Menschenhände zubereitet zu werden. In den nächstfolgenden Jahren begannen diese Maschinen in Wien, Krakau und Leml>crg zu arbeiten; |s?5 tauchten sie in England auf. und von dort kamen sie bald nach Amerika hinüber. Unter den rabbinischen Autoritäten Mittel- und Osteuropas entstand darob eine Kontroverse, die jahrelang andauerte und mitunter heftige Formen annahm und sogar die Gemeinden entzweite. Kine ganze kleine Bibliothek existiert hierüber. R. Jose p Ii S a u 1 N a t h a n s o h n. der (Iberrabbiner von Lemberg, der in der ganzen jüdischen Welt als Autorität anerkannt war. und dessen Entscheidungen in religionsgesetzlichen Fragen von Rabbinatskollegien und Gemeinden buch stäblich aus allen fünf Erdteilen angerufen wurden dafür engen die acht Riesenbände seiner Response nsammlung stand an der Spitze derer, die die Maschinenmazzoth erlaubten. An der Spitze der Gegenpartei stand der weltberühmte R. Sa - mon Klüger, der „Maggid" von Brody er verschmähte es sein Leben lang, sich den Titel Rabbiner beizulegen . viel bewundert wegen seines erstaunlichen Scharfsinnes und seiner strengen Frömmigkeit, die ans Asketische grenzte, obwohl ihm gliche Mystik fremd war. Diese Partei führte das Argument ins Treffen, daß eine tote Maschine, möge sie noch so präzis und kunstvoll konstruiert sein, nimmer imstande wäre, die Mazza während ihres ganzen Werdeganges so peinlich vor ' .ärnng zu bewahren, wie ein lebendiger Mensch. Die Ma Chinenteilchen würden während der ArlK-it heiß, und ihre Berührung mit dem Teig bringe diesen zur Gärung, auch könne die Reinigung der komplizierten Maschinen nicht so peinlich genau durchgeführt werden, wie bei den einfachen Backgeräten. Schließlich könne eine Fabrik nicht so überwacht werden wie eine häusliche oder handwerkliche Bäckerei. In erster Reihe aber führten diese Rabbinen das soziale Bedenken ins l eid, daß die Maschine zahlreiche gelernte Handwerker um ihr Brot und Verdienst bringen mußte. Sie beriefen sich darauf, daß der Talmud es vermied, das Puriinfcst auf den Sabbath zu verlegen, weil dadurch die Armen um ihre Geschenke kommen müßten (Megilla 4b). Eine Maschine tue ihr Werk gedankenlos wie ein Kind, während beim Zubereiten der Mazza das Bewußtsein (Kawwanah) auf die Erfüllung der Mizwah gerichtet sein müsse, w as nur bei einem erwachsenen Menschen der Fall sein könne (Pesachim 36a). Unausgesprochen blieb, daß man darin eine gefährliche Neuerung, eine Reform witterte, die nicht auf halbem Wege stehen bleiben würde. Zu den Verbietenden gesellten sich indessen der berühmte Oberrabbiner von Warschau. Berisch Meiseis, das Krakauer und das Konstantinopler Rabbiuat und andere Autoritäten, die sich ihre Argumente zu eigen machten. Gegen diese Argumente erhob die Gegenpartei die Hin Wendung, daß die Analogie mit dem Piirimfeste nicht stich haltig sei. da hier die Hauptsache die Beschenkung der Armen sei, die am Sabbat wegfallen müßte, während bei den Mazzoth das Verdienst der Armen nur eine zufällige Nebenerscheinung bilde; wenn wir derartige Rücksichten walten lassen müßten, hätte man auch den Buchdruck verboten, da bei der früheren Gepflogenheit die Kopisten mit der Herstellung von Handschriften ihr Leben verdienten. Was aber die Kawwana betrifft, so werde ja die Maschine von einem erwachsenen Menschen betrieben. Auch das Schlachten der Tiere mit einem von einem Töpferrad getriebenen Messer, das der Töpfer in Bewegung setzt, entspreche ja den rituellen Forderungen, selbst nach jenen, die beim Schlachten Kawwana als unumgänglich betrachten. Lange wogte der Streit hin und her. unzählige Gutachten und polemische Schriften flogen von Gemeinde zu Gemeinde, von Lehrhaus zu Lehrhaus. Die letzte Entscheidung fiel zugunsten der Maschine aus. die namentlich in Amerika die größten Triumphe feierte und allmählich das ganze Terrain eroberte. Die amerikanischen Mazzoth-Fabriken, die gleich nach den Herbstfeiertagen zu arbeiten anfangen, versorgen heutzutage halb Europa, Südamerika und Australien mit Oster brot In den GroBgemeinden Deutschland fand die Maschine schon früh Hingang. Nur H a mbu rg zögerte lange, aus Rück-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.