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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-04-12 · 15 (12.4.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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12. ril 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 u/( kraft des Zionismus licut meines Erachtens darin, daB er versuc] diesen Mangel zn beliehen. daß er Jen natürlichen Konnex n natürlichen Grundlagen der jüdischen Wesenheit beheben (jill, Hier liegt auch der Schlüssel für das Geheimnis des überrag len praktischen Erfolges des zionistischen Aufbauwerkes, gegengbei lel früheren Versuchen, Insbesondere dem Rothschlldschen Ver- SDC Iis Kibt gewiß manche Mängel an dem, was heute an wirt- SChi Icher und administrativer Arbeit In Palästina geleistet wird, ibei gemessen an der Riesenhaftlgkelt der Aufgabe, das durch jahrl(usi defense Mißwirtschaft versumpfte und verkarstete Land durch \xo enlegungs- und Berieselungsanlagen wieder zu dem Lande der Hib, zu machen, in dem Milch und Honig fließt, gemessen an den UM iiren Schwierigkeiten, ein landfremd gewordenes Volk der lltf Heimat wieder innerlich ZU nähern, ist das Werk mit einer un- ^el en Stoßkraft vorgetragen worden. Wer die Relsebeschrelbungen st aus der Zeit vor dein Kriege, oder jetzt noch über den Jordan nein kann sich ein Mild machen von dem, wie es vor kurzem noch In Palä tina aussah, kann ermessen, welche übermenschliche Leistung in vet un Jahren vollbracht worden ist. Heroentaten der Arbeit. [«1$ er und körperlicher Arbeit, sind geleistet worden, auf die jedes Volk Ursache hätte, stolz zu sein. Das war nur möglich, weil die iiidis hen Pioniere, und nicht nur die lungen, sondern auch die alten, ihre Lebenskraft dieser Aufgabe geweiht haben, und weil sie ein lebe liges Gefühl dazu trieb, die Verbindung mit dem Lande der Vit« aufzunehmen. So nur ist auch die verblüffend rasche geistige Verwurzelung der Einwanderung in Palästina ermöglicht worden. Hell itgcfühl ist eben etwas, was durch die Jahrtausende standhält. So mir konnte das Wunder Ereignis werden, daß die tote Sprache der Hebräer In kurzer Zeit neues Leben gewann. Es steht nicht nur in dem Mandat, daß eine der 3 Arten Sprache von Palästina das Hebräische sei: die Sprache lebt wirklich. Die Kinder zanken sich hebt Isch und freuen sich hebräisch, wenn auch die Alten nicht so recht mitkommen und dabeistehen, wie die Mühncrmuttcr, der die ausgebrüteten Entlein auf dem Teich davonschwimmen, und wenn lach manchem Führer mitunter ein kleines Sprachunglück passieren mag . . . Wer in Palästina mit offenen Augen gereist ist, weiß auch weiter. daB dieses Land und die neue Art der Betätigung wirklich neue Menschen auf neuer Erde geschaffen hat. Das Wort von der jüdischen Renaissance ist kein Schlagwort Wie ein Wunder hat es auf manchen lewirkt. Ich erlebte es, daß jüdische Männer, die ich hier in Deutschlind gekannt hatte als bedrückte und ängstliche Menschen, in Palast na zu selbstbewußtem und sieghaftem Menschentum erwacht waren und völlig verwandelt, wie neugeboren, mir entgegentraten. Es hat auf mich einen unvergeßlichen Eindruck gemacht, wie ein jüdischer Tri ud, mit dem ich zusammen die Kolonien In Palästina bereiste. I0S gleichen Erlebnissen heraus nichts Schöneres kannte, als in das Kinderhelm zu gehen und die rotbäckigen, merkwürdigerweise oft bla äugigen und blondlockigen Judenkinder auf den Arm zu nehmen und sie an sich zu drücken. Verschwunden ist die Scheu und Uneit der Diaspora. Es ist ein neues, ein glückliches Geschlecht, da: dort emporwächst, ein Geschlecht, das kräftig genug ist, nicht nur ein Stück Ackerland zu betreuen und sich zu ernähren, sondern das da: iber hinaus größere Aufgaben sich stellen und erfüllen kann. Es ist kein Zufall, daß die Kindererziehung eine der Hauptsorgen dei indischen Kolonisation ist und daß die Kolonisation begonnen wurde mit der Gründung einer Universität. Der Palästinaaufbau ist im Bewußtsein der Juden eben nicht nur eine einfache SiedlungSlit elegenhelt; es handelt sich nicht im Endziel darum. Brotstellen in schaffen, es handelt sich nicht um einen Akt der Wohltätigkeit für vertriebenen Juden allein, sondern darum, die natürliche Vcr- Ml hing der Judenheil mit der heiligen Heimaterde wieder herzustellen, den Moden der Väter durch harte Arbeit wieder zu erobern II in die Mutter Erde der Heimat die Wurzeln der alten Kultur zu vi senken und ans ihrer Kraft neue Mlütc und Erucht zu ziehen. Es ist dl in der Geschichte der Menschheit noch niemals dagewesen und i unerhörtes Wunder . . . Ein Volk ist daran, sich selbst aus der Unfreiheit, der Engigkeit den Hemmungen der Diaspora zn befreien. Es findet in der alten, m gewonnenen Heimat neuen, weiten Lebensraum und freie, glück- II e Lebensformen, Es gibt kein Land in der Welt, in der der Arbier unter größeren Entbehrungen lebt und zufriedener arbeitet. » il er nirgends freier ist und sich nirgends in höherem Maße als II Ichberechtigtes Glied der großen Gemeinschaft fühlen kann . . . Keine neue Nation wird in Palästina geschaffen, die durch ihre A'isschließllchkeltstendenz die alte Bewegung ausrotten oder verlaven müßte, sondern eine neue Kulturgemeinschaft entsteht, die das Land und seine alte Bevölkerung mit vollem Bewußtsein höheriüliren und sie mit sichtbarem Erfolg sich verbinden will. Ein solches Vorgehen, das zeugt von einer so starken ethischen Kraft, von so tiefem menschlichen Empfinden, ist so sehr der Ausdruck des W erlvollsten, was das Menschengeschlecht kennt, daß es des Meist.indes und der herzlichen Anteilnahme der ganzen Menschheit sicher sein kann. Das ist das neue, hohe Vorbild, das der Zionismus der gesamten Menschheit für die Verhältnisse von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk gegeben hat Deshalb unterstützen wir Nlchtjuden d.is jüdische Palästinawerk mit ehrlicher Überzeugung und mit warmem Herzen. Insbesondere unterstützen wir es auch als Christen auf d;is Lebhafteste, weil wir durch unsere Religion - es ist das schon gesagt worden — seit unserer Jugend gefühlsmäßig mit Palästina verbunden sind, und weil wir hoffen dürfen, daß das im (leiste der Versöhnung und Freiheit begonnene und geführte Werk dem Lande den Prleden gibt und uns Christen die Freiheit der den Christen heiligen Stätte bringen wird, au der sie heute noch beten. Das ist auch der Grund, weshalb der Papst der Balfour-Deklaration zugestimmt hat Aber wir sehen in dem Palästinaaufbau auch noch eine politische Angelegenheit von Rang. Das Land war durch die Jahrtausende hindurch ein Zankapfel zwischen Orient und Okzident. Der Jude scheint uns dazu berufen, es zu einem Mrückcnland zu machen. Die Juden haben die Synthese von abendländischem Geist und orientalischer Anschauung vollzogen, Sie haben der abendländischen Welt einen Teil der Grundlage ihrer Religion Keuchen und anderseits die abendländische Kultur wieder in sich aufgenommen und sich zu einen gemacht. Und wenn die luden heute in friedlicher Arbeit wieder Palästina erobern und sich dort wieder seßhaft machen, dann ist das vielleicht der Hcghni für die zweite welthistorische Aufgabe des Judentums. Ihre abendländische Aufgabe wird abgelöst durch eine morgenländische Mission, eine freie Völkerbrücke zu bilden zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa . . . So, meine Damen und Herren, haben Europa und Asien, so hat die Christenheit Ursache, das Aufbauwerk mit Interesse und Sympathie zu verfolgen. Insbesondere gilt dies für Deutschland, zu dem die Juden immer in einem Sonderverhältnis gestanden haben. Die einzige lebende paneuropäische Sprache, die es gibt, die Sprache der Juden Europas, das Jiddisch, ist in seinen Grundlagen eine deutsche Sprache, und der Deutsche kommt heule in Palästina mit seiner Sprache besser vorwärts, als der Engländer, der Angehörige der Mandatsmacht Und auch die Stimmung im Lande bildet eine günstige Grundlage für die Ausbreitung deutscher Kultur und deutscher Wirtschaftsbeziehungen, die die Deutschen nur richtig ausnutzen sollten. Sic sehen, meine Damen und Herren, das Palästinawerk hat die Welt erobert, und es ist nur der geradelinige Abschluß einer langen Entwicklung, wenn der Palästinaaufbau heute auf einer der völkerrechtlichen Grundlagen, der Balfour-Deklaration, geführt wird, und wenn er unter dem Schutz des Völkerbundes steht. Hat aber das Aufbauwerk auch die Juden erobert'.-' Der Ostiude ist sein eigentlicher Träger. Die neuen luden in Palästina sind der überwiegenden Mehrzahl nach Osthlden. Aber auch aus Amerika und aus England kam in den letzten Monaten die Kunde, daß die Jcwish Agencv Zustandekommen wolle, und daß die amerikanische und englische Judenschaft geeint hinter dem großen Werk des Palästinaufbaues steht. In Deutschland scheinen die Juden zum Teil schon so assimiliert zu sein, dal! sie die deutsche Nationaluntugend, die Zwietracht, als staatsbürgerliche Pflicht ansehen. (Heiterkeit.) . . . Man sagt, das Land sei zu klein, um alle Juden aufzunehmen. Ein Vorwurf, der höchsten den alten Moses treffen kann. (Heiterkeit.) Heute denkt keiner daran, die 1J Millionen luden nach Palästina zu schicken. WO im Augenblick nur H Million Menschen leben und vielleicht später einmal höchstens 2 Millionen. Man hört auch, das Land eigne sich überhaupt nicht zur Kolonisation: was heute schon durch die Tat widerlegt ist und wobei man die großen handelspolitischen Aussichten des Landes völlig außer acht läßt. Vor allen Dingen wird aber befürchtet, daß die staatsbürgerliche Freiheil der Juden in ihrer wahren Heimat verlorengehen könne, wenn ein Judenstaat, so sagt man. in Palästina entstehe. Es soll aber gar kein Judenstaat gegründet werden. Die Balfour- Deklaration spricht ausdrücklich lediglich von einer Heimstätte der Juden und schließt damit bewußt den Judenstaat aus. Man gibt sich in manchen lüdlschen Kreisen wohl dem Irrtum bin. daß die Formel vom Staatsbürger jüdischen Glaubens alle Sorgen bannen könne. Die Judenbefreiung ist aber gekommen ohne diese Formel, und den Antisemitismus hat sie nicht zu bannen vermocht. Die einzige Garantie für die Rechtsstellung der Juden in einem Land sind nicht derartige Schlagworte, sondern das ist die Kultur des

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