Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 CI-MKINDHHLATT DKK ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 15 DIE HERSTELLUNG DER MAZZOT EINST UND JETZT Das Pessach-Fest, das älteste der Feste Israels, beginnt am Fünfzehnten des Frühlingsmonats Nissan, wirft aber seine fröhlichen Strahlen voraus, amtlich, wenn man so sagen darf, bis zum Ersten dieses Monats, indem man fortab keinen Fasttag hallen und kein Tliachanun') sagen darf. Außeramtlich schon einige Monate früher: die großen Mazzaläckereien kündigen oft schon kurz nach Chanukka den Beginn ihrer Tätigkeit an. In früherer Zeit, bevor es Maschinen gab, die Mazza buken, wurde das ungesäuerte Brot durch Menschenhände hergestellt I>a man damals mehr Zeit hatte, konnte man sich's leisten, spater anzufangen, gewöhnlich kurz nach Purini. In kleinen Orten war das Mazza-Backen damals eine der Hauptfunktionen des Haushaltes, und keine wohlhabende Hausfrau, die etwas auf ihre Würde hielt, ließ es sich nehmen, die Osterbrote im eigenen Hause zu bereiten. Gewöhnlich vereinten sich mehrere Hausfrauen bei der, welche über die geeignetsten und bequemsten Räumlichkeiten verfügte, und diese nahm gern alle Mühen und Strapazen auf sich, um der Ehre teilhaftig ZU werden, daß das ..Brot der Armut, welches unsere Väter aßen, als Sie aus der ägyptischen Knechtschaft zogen", unter ihrem Dache hergestellt würde. Aermeren Hausfrauen, die nicht abkommen konnten, wurde die Aufgabe, dabei mitzu wirken, von glücklicheren (ienossinnen abgenommen. Alle Mitwirkenden mußten peinlich sauber gewaschen und womöglich in weiße Obergewänder gehüllt sein. Am Abend zuvor konnte man die Rabbiner und die Honoratioren der Gemeinde in langem Zu« mit Kannen und Krügen in den Händen zum Brunnen schreiten sehen, um vor Einbruch der Nacht das Wasser zu holen, welches übernachten sollte (majim schellanu), um am folgenden Tag zum Einrühren des Teiges verwendet zu werden. Es herrschte nämlich die Vorstellung, daß das W asser übernucht von der unter der Erde gehenden Sonne erwärmt wird, und daher des Morgens verdächtig ist, den Teig zum Gären zu bringen. In den improvisierten Bäckereien wachten die erfahrensten und tüchtigsten Hausfrauen darüber, die Mazza beim „Linuicrrcn" — ein althochdeutsches Wort, daß nur noch im Munde der Juden fortlebte und soviel als Einrühren des Mehles bedeutete — beim Walken (Walgern) und Backen vor der geringsten Gärung zu bewahren. Was war das für ein munteres, seliges und weihevolles Treiben; während der ganzen Zeit herrschte völlige soziale Gleichheit, Hausfrau und Magd. Herr und Diener, arm und reich, die Gelehrten und die schlichten Männer aus dem Volke waren unter gleichmäßiger Verteilung der Funktionen an der Her Stellung der Mazza beteiligt. Die nichtjüdische Dienerschaft, häufig auch die Nachbarschaft, half wacker mit, zumal die ■i Bußgebet, das man In den Morgengottesdiensl einschaltet. Mazza dem nicht jüdischen Gaumen gar sehr mundete. Var der Teig unter großer Vorsicht und geschickter Arbcitsk unj glücklich geknetet und in „M«ren", dann in kleine Stück heu geschnitten und diese zu runden kleinen Kuchen gewall so kam das „Rädeln" oder „Stuppeln", welches flinke K11 en oder Mädchenhände besorgten, indem sie mit gezahnten 'lossingrädchen ül>cr die Kuchen fuhren, um sie dadurch vor em Auflaufen in der Ofenhitze zu schützen und ihnen die feine, zarte Form eines runden Blattes zu bewahren. Die Schulk der hatten die ganze Zeit über frei, tun bei der „Mizwa" mitv;en zu können. Doch gab es auch erwachsene und besoldete Spezialisten für die schw ierigeren Verrichtungen, Wie das Rä in. Eine besondere Verantwortlichkeit lag auf den Schi ern des „Schiebers", dem es oblag, die Mazza aufzufangen geschwind in den glühenden Ofen zu schieben und sie ebens ge schw ind, schon nach wenigen Sekunden, herauszuholen, i mit sie einerseits nicht mehr als nötig der freien Luft ausge etzt wäre und dadurch in den Verdacht der Gärung käme, ai ler seits aber auch nicht anbrenne. Die Töchter Israels wachten mit allertreuester Sei daß die überaus strengen Vorschriften über das Gesäuerte aufs peinlichste beobachtet würden. Die Vorschriften kennen kt neu Spaß, das geringste Versäumnis oder Versehen nimmt lein Brote die Eigenschaft des Ungesäuerten und macht es für Jen Hessach nicht nur untauglich, sondern es ruht darauf das strengste Verbot jeglichen Genusses während des Festes. Vinn Beginn des Kneten bis zum Herausholen der fertig gebackenen Mazza aus dem Ofen dürfen nicht mehr als 24 Minuten vergehen. Im Mittelalter war die Mazza einen Zoll dick, daist noch heutzutage bei den Sephardim der Fall. (Bei den Kai em ist sie erheblich dicker.) Bei uns gehen gewöhnlich -I let 5 Mazzoth in der Dicke auf einen Zoll. Eine Mazza, du in Eiern, Wein. Oel oder Honig geknetet wurde, heißt „Mazza Aschira" (reiche Mazza) und taugt nicht, um mit ihr die Pilicht des Mazzothessens am Sederabend zu erfüllen, da zu diesem Zweck (Mazzoth Mizwah) nur das „Brot der Armut" gebr. werden darf. Man soll keine Figuren in die Mazza ritzen und sie nicht in Formen schneiden, obwohl eine solche Mazza für den Sederabend tauglich ist; denn der Teig kann während er Zeit, die diese Spielerei in Anspruch nimmt, gären. Welcher Jubel herrschte, wenn nach tagelangem, „heil r Bemühen das Werk vollbracht war und man die Mazza, s rg sam in weißes Linnen gewickelt, in die Körbe packen du le! Man wünschte sich gegenseitig alles Gute, daß man das nä( ste Jahr in Freuden erlebe, daß man die Posaune des Messia zu hören begnadet w erde und „das große Passahfest der Zuku ftM 'das Reich Gottes) mit eignen Augen schaue. Die Frauen gössen dabei Tränen gelinder Rührung und frommer Freude. (Fortsetzung IoIki Pro Palästina (ielegcntlieh der Kundgebung, die vor einigen Wochen das I>vut•>cIic Komitee l'r<> Palästina liier in Leipzig veranstaltet hat. wurden eine Reihe von Ansprachen von nichtjüdischen Freunden des I'.l'.-Komitees «ehalten. Das Leipziger BtTO des IM'.- Komitecs stellt uns das Stenogramm der Rede zur Verfügung, die Regierungspräsident Dr. HlillMIII (Stralsund) gehalten hat. Wir veröffentlichen aus ihr die wesentlichen Teile. Die SckriftMtWg. Die luden sind ein (ilatibensvolk, auch wenn es viele von ihnen nicht meht wahrhuben Wullen und manche gar ihrem (Huben entsagen. Der Qlaabe war es, der ihnen die Einheit schon vor der kurzen Zeit ihrer nationalen Selbständigkeit gab. und der (Haube hielt sie zusammen auch In den fast 20U0 Jahren ihrer Zerstreuung; wie überhaupt der Mensch, wurzelt auch sein Glaube In seinem geistigen üehalt, mit seinen Formen, mit seinen Gebrauchen und Symbolen in der Heimatnatur, au die er gekettet bleibt, und ihn stets mit neuer Nahrung versorgen muß, wenn er in seinem \\ nicht verändert werden soll. |>as W esen des Juden ist die im Qri religiOse Verbundenheit mit dem Lande seiner Vater. Der Jud( sich in der Zeit der Zerstreuung in andere Kulturkreise iest und Sil eingefügt. Aber er ist seinem Glauben treu geblieben. Er gehöi zwei Kulturkreisen an. Wie viele andere Menschen auch. Er is; durch reicher geworden an Schützen des Qeistes und der Seele. Die Tragik des Juden liegt darin, datl er dieses Vorrecht bezal muH mit einem Mangel. Er ist in seinem Glauben angewiesen die Tradition, ohne lebendige Verbindung mit der Heimat, ohne v der Deutschamerikaner, der in ähnlicher Lage ist. von Zeit zu Z nach dem Mutterlande zurückzukehren, um am lebendigen Bruni seiner Kultur trinken zu können, und ohne wie Anliiiis aus der Met; runn mit der Mutter Erde wieder neue Kraft zu erlangen. I