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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-03-29 · 13 (29.3.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
13 (29.3.1929)
Date
1929-03-29
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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20. l,ärz 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite :i ein* Lehrstelle außerhalb der Familie anzustreben ist, nie tanz hu .send beurteilen, liier kommen ihr die Wünsche und Nielim .ii der Scliulpflegcrin gelegen, die vielleicht für diesen in idlichen auf Qrund langjähriger Kenntnis eingehendes \Y inJuis mitbringt. Den Vorteil der harmonischen Zusamuie rbelt bat der Jugendliche, der sonst den widerstrebenden \\ innen unsicher gegenübersteht. In anderen Fällen erweist es h als Wert, daß die Berufsberatung schon der erste Schritt iii mland für den Jugendlichen bedeutet, daß die Verbindung er Schule ihm nicht zu deutlich wird. Kr hat z. B. Milierfoli in der Schule gehabt und Klaubt, daß man ihm nicht viel /u it. Da ist es gut, wenn ein neuer Mensch sein (iefühl, mit ne i Mut an neue Aufgaben heranzutreten, stärkt. Wieder an< eil ist es eine Hilfe, wenn die ihnen bekannte Scliulpflegcrin it ihnen verabredet, ihre Wünsche mit der Berufsberaterin zu sprechen. Hin Gruß hin und her, eine gemeinsame Rückspr he zu Dreien, helfen zuweilen einem Verschüchterten oder Vei Werten. Er fühlt sich gekannt, anerkannt und ernst geiioi len. \us den subjektiven Erfahrungen ließen sich die Beispiele anv der Praxis vermehren. Dies kann vielleicht an anderer Sti ausführlicher erfolgen, in diesen Ausführungen soll noch ein llgemelner Vorschlag zum Ausbau der Zusammenarbeit von pflege und Berufsberatung Kaum finden. In der Schule lagt i noch zum Teil ungehobene Schätze, die der Herufslieratun Fingerzeige geben könnten. Die jetzt üblichen Urteile in Frauen sind mehr oder minder abstrakt formuliert. Aufschlußreicher sind die Arbeiten der Kinder seiht, wie sie im Arbeitsunterricht usw. entstehen. Sie sollten der Berufsberatung zugänglich gemacht werden. Ferner sollten Aufsätze herangezogen werden, die einen Hinblick in die kindlichen Berufswünsche vermitteln. (Was ich werden will? Vaters Beruf. Frauenarbeit usw.). Solche Arbeiten sind nicht etwa unmittelbar brauchbar. Aber sie verraten zuweilen die Lebenseinstellung in überraschender Weise und geben Schulpilcgc und Berufsberatung Gelegenheit, Schwierigkeiten und Irrtümer überwinden zu helfen. Dr. Josef Kramer hat in einer Arbeit „Kindliche Phantasien zur Berufswahl", Verlag Bergmann 1922, in Adler- Furtiniillcr-Wexberg „Heilen und Bilden" Anregungen zur Auswertung solcher Arbeiten gegeben. Gegenwärtig wird in unseren Schulen der Gedanke verfolgt: über die Resultate soll später berichtet werden. Die Schulpflege ist ein Ausdruck dafür, dal! die Lehrerschaft ein wachsendes Interesse daran hat, ihre eigene Arbeit zu produktivieren. Sie will die Kinder nicht nur unterrichten, sondern dem Leben zuführen und weiß, dal! die Berufsberatung sachgemäßer durch eine Fachstellc erfolgen kann, als durch einen gelegentlichen Rat oder eine vermittelte Stelle des Lehrers. Die Schule will den Kindern eine umfassende Vorbereitung für das Leben bieten, sie gesundheitlich und erzieherisch stärken, ankämpfen gegen alle objektiven und subjektiven Nöte, die die gesunde Entfaltung der jungen Kräfte bdrohen. (Aus: Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge, Dezember-Januar 1928/29.) Literarisches Gericht: Der Fall Judas Ischarioth Von Herbert Alexander Ein jungjüdischer Abend, wahrhaftig! Man darf den Jungi scheu Club beglückwünschen zu dem Mut. mit dem er ein Ungewöhnliches wagte, und zu der Kraft und Kunst, mit der er inen Versuch im ersten Anlauf zum Lrfolge führte. W ir kamen hin. Die Räume des Jüdischen Jugendheimes, cr- I von einer lugendlichen Menge, die mit grSßter Spannung die IIi Hing des ersten literarischen Qerichts -erwartete. Her Strom de- Interesses überraschte. Was für ein Spiel kann denn d:is sein? U 1 es sich als ein Schauspiel entpuppen? Nun, wenn es nicht als ein Schauspiel wäre, ein abgekartetes Spiel mit irgendel n happy end? Aber nein! Ich saute ja schon: Es war ein Spiel d( lugend ein Spiel junger Juden. Sie alle, Zeugen, Angeklagter und Ankläger, Verteidiger und l>' er wußten nicht, wie das Spiel verlaufen, nicht, wie es enden » de. Sie wußten mir eines: Wir sind es selbst. Wir haben heule i >.enige Stunden jene Sache zu der unseren gemacht Wir bell ui und verklagen. Wir verteidigen und richten so, ils wäre all was wir aussagen, uns geschehen, von uns gesehen und von w zu verantworten. — Ich, Pilatus, weiß nichts von der indischen Sektlererei. Ich Ii e nur mein Amt und weiü. daß, wer römische Interessen verle!. ein Staatsverbrecher ist. Ich hin Politiker. Ich, Judas, ich wollte ein Befreier des Volkes werden, einen I eier finden, wie den Helden meiner Jugend, Juda Qaliathan, wie 1 i Makkabi. und die Fremden vom Hoden unseres Landes verli n helfen. Wenn ich i Ii in folgte, den Ich dann verriet: er war ii r den vielen einer, der viel versprach. Er hatte Anhang In 1 l.ia, dort waren die Menschen ungebildeter, aber freier, rascher e lammbar - - vielleicht wird er einmal die Maske lüften und i ii mehr klug wie die Schlange reden. Wenn wir in Jerusalem v I, dann schlägt die Stunde! Dali sie anders schlug? . . . I!r wurde i Oefahr. Hatte er mich verführt, die verführten Jünger sollten n it mil ihm leiden! Darum kam ich so zu Ihm, darum verriet i Ihn s o. Meint jemand. Ich hätte nicht gelitten? Und viele kamen. Ls legten Zeugnis ab: des Judas Lehrer, des 1 ias Vater, z.wei Talmudschüler, Rabban Qandiel durch ein Schrittes Zeugnis, der Hohepriester, eine Krau aus Kanaan. Johannes >] I Petrus, die Mutter des Nazareners. Harabbas. Und jeder war t Mensch. Jeder sprach von sich. Jeder kam aus einem anderen ieu. Nicht alle verstanden einander. Nicht jeder wußte, was er auf verfängliche Fragen sagen sollte. Ja, einer verweigerte sogar seine Aussage: Die Anwesenheit des Pilatus hindere ihn. Näheres über die Pläne zum Sturz der römischen Herrschaft auszusagen. Leider hatte Pilatus keinen Haftbefehl in der Tasche! Ja, es war lebendig. F.s war gefährlich, von einem Ankläger und einem Verteidiger ins Verhör genommen zu werden, die niemanden zu schonen hatten. Dann waren die Zeugenvernehmungen beendet. Uie Plaidoyers folgten. Erst der Ankläger: Judas wußte . . . Warum hat er nicht früher gehandelt, zur Rede gestellt, nicht Klarheit geschaffen? War es nicht Neid, war es nicht Feigheit? Verurteilt ihn, denn er hat den moralisch verraten und ausgeliefert, mit dem er Monate zusammengelebt, den er kennen, den er warnen konnte! Und dann der Verteidigerl Der Höhepunkt der Handlung! Judas, der Held!! I! r ist getäuscht und verraten worden! . . . Meine Herren, wenn Sie ihn verurteilen können, so tun Sie es! . . . F.s war eine Verteidigung, die vor einem anderen Gerichtshöfe noch ganz andere Herren weißgewaschen hätte wie frischgcfallenen Schnee! Aber vor einem Gerichtshof, der nichts will als so richten, wie es von ihm zu verantworten ist gegenüber den Aussagen und Halen, die ihm gegeben waren, vor einem Gerichtshof, der kein anderes (iesetz kennt als das moralische Oesetz und der gerade, weil er keine Exekutive hat, um so mehr legislativ ist. wurde Judas verurteilt. Das Gericht hatte sich nicht überzeugen können, daß der billigcrweisc zugestandene Zweck jenes Mittel heilige. Andere Mittel hätten gerade dem Jünger zur Verfügung gestanden, seine Anschauung, seinen Willen kundzutun und seinen Meister zu warnen. Auch eine nationale Sache rechtfertig! keinen solchen Verrat! Die fünf Richter hatten es nicht leicht, nach der durch die Verteidigung geschaffenen Lage ihren Spruch zu vertreten. Um so mehr muß anerkannt werden, daß er sich auf salomonischer Hölle befand, wie einer der Zuhörer äußerte. Natürlich wurde Revision eingelegt. Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn dieser Verteidiger keinen Revisionsgrund gefunden hätte! Lieber Leser, wenn du nicht dabei warst ... du w irkt dich eines Lächelns nicht erwehren können. Und doch wirst du dich vielleicht an Pirandello erinnern: „Es war ein Spiel! War es ein Spiel? . . ." Und laß mich einen Augenblick ernster werden. Die Einführung dieser literarischen Gerichte durch den Jung-Jüdischen Club ist ein

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